Fr., 17.05.2019

Brütereien aus Ostwestfalen wollen weiter männliche Küken töten dürfen Pech, wenn du ein Junge bist

45 Millionen Küken werden jährlich in Deutschland getötet, weil sie männlich sind und nicht vermarktet werden können. Ob das so bleibt, will das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am kommenden Donnerstag verkünden.

45 Millionen Küken werden jährlich in Deutschland getötet, weil sie männlich sind und nicht vermarktet werden können. Ob das so bleibt, will das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am kommenden Donnerstag verkünden.

Von Christian Althoff

Delbrück (WB). Millionen Küken werden jährlich getötet, weil sie männlich sind. Kann NRW das verbieten? Über zwei Fälle aus Ostwestfalen hat gestern das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt. Am kommenden Donnerstag will es sein Urteil verkünden.

Worum geht es?

In Deutschland gibt es nach Schätzung des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) gut 20 größere Betriebe, in denen Eier ausgebrütet werden, unter anderem in den Kreisen Paderborn und Gütersloh. Die Brütereien verkaufen die einen Tag alten Küken an landwirtschaftliche Betriebe – allerdings nur die Hennen. Die legen Eier und setzen viel Fleisch an. Hähne dagegen lassen sich kaum verkaufen. Nicht nur, dass sie keine Eier legen, auch ihre Gewichtszunahme liegt nur bei etwa der Hälfte von Hennen. Deshalb werden in Brütereien männliche Küken aussortiert, getötet und zu Tierfutter verarbeitet – nach Auskunft des Bundeslandwirtschaftsministeriums pro Jahr 45 Millionen Stück.

Vorstoß aus NRW

2013 wies NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) die Kreisveterinärämter an, den zwölf Brütereien in NRW zum 1. Januar 2015 das Kükentöten zu verbieten. Gegen entsprechende Verfügungen klagten zwei Brütereien aus Delbrück (Kreis Paderborn) und Rietberg (Kreis Gütersloh) vor dem Verwaltungsgericht Minden und bekamen Recht. Die Richter meinten, dass das Tierschutzgesetz keine ausreichende Grundlage sei, um einem ganzen Berufsstand nach Jahrzehnten die Existenzgrundlage zu entziehen. Auf Anweisung Remmels gingen die Kreisveterinärämter in die Berufung, doch auch vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster unterlagen sie. Das Tierschutzgesetz verlangt für das Töten von Tieren einen »vernünftigen Grund«, und den sahen die Richter. Eine »wirtschaftliche Gestaltung« der Versorgung der Bevölkerung mit Eiern und Fleisch sei für die Brütereien unvermeidbar, die Aufzucht männlicher Küken mit einem »unverhältnismäßigen Aufwand« verbunden (Az.: 20 A 488/15).

Schwarz-Gelb zieht mit

Nach dem Regierungswechsel in NRW verfolgt die Landesregierung die Linie der Vorgängerregierung weiter. Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) hält das Kükentöten für einen Verstoß »gegen ethische Grundsätze des Tierschutzes«. Deshalb gingen die Kreisverwaltungen Paderborn und Gütersloh in Revision zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, das gestern dazu verhandelte.

Die andere Meinung

Dass Brütereien für das Töten männlicher Küken einen »vernünftigen Grund« haben, sehen nicht alle Juristen so. Für die Staatsanwaltschaft Münster ist das Töten ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. 2013 ermittelte sie deshalb gegen den Inhaber einer Brüterei im Kreis Coesfeld. Sie stellte das Verfahren zwar ein, aber nur, weil sich der Brütereibesitzer »im Verbotsirrtum« befunden haben soll. Oberstaatsanwalt Heribert Beck sagte damals: »Er wusste nicht, dass das, was er tat, verboten war.«

Die Rettung der Hähne

Der Lebensmittelhändler Rewe hat nach eigenen Angaben seit 2016 in einem eigenen Projekt eine Million männlicher Küken gerettet. Sie werden nicht getötet, sondern aufgezogen, und ihr Fleisch zu Hühnerfrikassee verarbeitet. Der Versuch wird von der Uni Osnabrück begleitet. Rewe sieht hier aber wegen der schlechten Gewichtszunahme der Hähne nur einen Nischenmarkt und nicht eine Möglichkeit, alle Hähne zu retten. Allerdings haben Kunden nach Angaben von Rewe die Möglichkeit, Eier zu kaufen, die aus der gemeinsamen Aufzucht von Hennen und Hähnen stammen. Die Verkaufsbezeichnungen sind »Herzbube« (bei Penny) und »Spitz & Bube« (bei Rewe). Auch Edeka unterstützt die Aufzucht der sogenannten Bruderhähne und verkauft Eier und Geflügelprodukte aus diesem Projekt, zum Beispiel »Alnatura Bio-Bruderküken-Eier«, »Bio Haehnlein-Eier« und »Bio Alnatura Baby-Gläschen mit Hühnchenfleisch«. Auch andere Handelsketten bieten entsprechende Produkte an.

Pro Sekunde ein Ei

Vor allem der Lebensmittelhandel sucht seit Jahren nach Alternativen zur Kükentötung. Weil die Aufzucht der Hähne das Massenproblem nicht löst, ist der Hauptansatz der Forscher, das Geschlecht schon am Ei zu bestimmen – bevor ein Küken geschlüpft ist. Das Unternehmen Seleggt ist sehr weit. Die GmbH wurde 2017 von Rewe und dem niederländischen Brütereitechnologie-Unternehmen Hatch-Tech in Kooperation mit der Uni Leipzig gegründet und sucht nach einer praxistauglichen Lösung. Entwickelt wurde das sogenannte Seleggt-Verfahren. In einem automatisierten Prozess wird in das zehn Tage bebrütete Ei ein 0,3 Millimeter-Loch gelasert, durch das ein wenig Flüssigkeit entnommen wird. Der Tropfen wird auf einen Farbmarker gegeben, der sich ändert, wenn ein weibliches Geschlechtshormon festgestellt wird. Diese Eier werden weiter bebrütet, die anderen zu Tierfutter verarbeitet. Laut Seleggt dauert der Prüfprozess pro Ei eine Sekunde.

Was sagt die Wirtschaft?

Christiane von Alemann, Sprecherin des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft sagt, man wolle zwar den Ausstieg aus dem aktuellen Kükentöten. Aber es gebe derzeit noch keine Maschinen, die jeweils 100.000 Eier am Tag untersuchen könnten und allen Brütereien in Deutschland zur Verfügung stehen könnten. Deshalb sei ein Kükentötungsverbot zum jetzigen Zeitpunkt nicht vertretbar. »Es würde zur Abwanderung von Brütereien ins Ausland führen.«

Was sagt Seleggt?

In der Tat ist es noch ein Problem, Millionen von Eiern zu »sexen«, wie das Testen auch heißt. Aber Seleggt sieht sich auf dem Weg dorthin. In eigenen Brütereien in den Niederlanden werden Eier mit dem Seleggt-Verfahren sortiert. Männliche Eier werden zu Futter verarbeitet, die anderen ausgebrütet. Die anschließend heranwachsenden Legehennen legen nach Angaben von Rewe-Sprecher Andreas Krämer genug Eier für 380 Rewe- und Penny-Märkte. »Im Laufe dieses Jahres wollen wir die Brütereien aufstocken und alle 5500 Rewe- und Penny-Märkte mit solchen Eiern versorgen.« Die Sechser-Packung sei zehn Cent teurer als herkömmliche Eier. Aktuell würden allein in Berliner Märkten pro Woche 100.000 der sogenannten »Respeggt«-Eier verkauft.

Und die anderen Händler?

Seleggt will im kommenden Jahr seine Technik anderen Brütereien kostenlos zur Verfügung stellen. Finanziert werden soll das über Lizenzgebühren, die der Handel zahlen könnte. Ob die Technik aber für den gesamten deutschen Markt reicht, ist ungewiss.

Skeptische Tierschützer

Der deutsche Tierschutzbund hält die Seleggt-Methode nicht für tierschutzkonform. Er befürchtet, dass ein Schmerzempfinden  der zehn Tage alten Embryos nicht ausgeschlossen werden kann.

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