Di., 04.06.2019

Prozessauftakt um Totschlag in Delbrück endet mit Tumulten – war es Notwehr? Mindestens drei Mal zugestochen

An der Friedrich-von-Spee-Straße wurde im vergangenen Jahr die Leiche eines 33-Järhigen gefunden.

An der Friedrich-von-Spee-Straße wurde im vergangenen Jahr die Leiche eines 33-Järhigen gefunden. Foto: Jörn Hannemann

Von Lukas Brekenkamp

Delbrück (WB). Mehrere Frauen im Zuschauerbereich des Saals 206 im Paderborner Landgericht haben geweint, als die Anklage verlesen wurde: Ein 28-jähriger Russlanddeutscher soll im November vergangenen Jahres einen 33-Jährigen getötet haben – aus Notwehr, wie er damals sagte. Heute schweigt der Angeklagte aber – auch die Waffe bleibt verschwunden.

Mit weißer Jacke und dunkler Jeans gekleidet, sitzt der Angeklagte zwischen seinen beiden Anwälten. Immer wieder blickt der Mann mit den kurz rasierten Haaren in den Zuschauerbereich, winkt Angehörigen zu. Später werden Zeugen über ihn aussagen, dass er in Delbrück als gefährlich gilt.

Rückblick: An der Friedrich-von-Spee-Straße in Delbrück entdeckte ein Zeuge in der Nacht auf den 30. November die Leiche des 33-Jährigen. Der Tote wies offensichtliche Stichverletzungen auf. In der Anklage heißt es, der Beschuldigte und sein Opfer seien sich zufällig begegnet.

Schon seit Jahren habe es einen Streit zwischen beiden Männern gegeben. Grund dafür könnte ein Vorfall im Jahr 2010 sein, der damals gerichtlich verhandelt wurde: Das spätere Opfer sowie der Angeklagte und dessen Bruder gerieten am Delbrücker Bahnhof aneinander. Dabei soll der 33-Jährige – der im November getötet wurde – dem Bruder des Angeklagten mit einer Schreckschusspistole an den Kopf geschlagen und ihm gedroht haben. Dafür wurde der 33-Jährige zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Stumpfe Gewalt gegen den Kopf und mindestens drei Messerstiche

So glimpflich wie 2010 ging es im November 2018 allerdings nicht ab: Der 33-Jährige erlitt nach Aussage der Staatsanwaltschaft mindestens drei Stiche in den Oberkörper, Hals und Gesicht. Und auch der Kopf wies Verletzungen durch »stumpfe Gewalt« auf. Schlecht für den 28-jährigen Angeklagten: An seiner Hand wurden Spuren des Opfers gesichert.

Der Angeklagte schweigt

Der Beschuldigte wollte sich beim Prozessauftakt gestern nicht zu den Vorwürfen äußern. Das tat jedoch eine Ermittlerin der Mordkommission »Spee«: Sie berichtete, dass der Russlanddeutsche kurz nach seiner Verhaftung die Tat als Notwehr dargestellt habe. Demnach habe das Opfer den Angeklagten unvermittelt angegriffen. Daraus habe sich ein Kampf entwickelt.

Zu dem Zeitpunkt sei ihm nicht klar gewesen, wer ihn angegriffen habe. Das sei ihm erst bewusst geworden, als der 33-Jährige ein Messer gezogen habe. Reflexartig habe er den Arm des Angreifers gegriffen und im Handgemenge mehrfach zugestochen.

Doch von der Tatwaffe fehlt jede Spur: Ein Freund und Nachbar berichtete vor Gericht, am Tatabend von dem Opfer ein angeblich selbst gebautes Messer gezeigt bekommen zu haben. Das spätere Opfer habe dieses im Jackenärmel bei sich getragen.

Verwirrung um Zeugenaussage

Schon zuvor hatte das Gericht versucht, Licht in die Zeugenaussagen von zwei 22-Jährigen zu bringen. Die beiden Männer hatten in der Tatnacht in einem vorbeifahrenden Auto gesessen und womöglich den Kampf gesehen.

Die Polizei hatte im Laufe der Ermittlungen die Chat-Verläufe ihrer Handys kontrolliert und war dabei auf Hinweise gestoßen. So hatte einer der Zeugen geschrieben, dass er einen Mann am Boden liegend bemerkt habe.

Vor Gericht stellten die Zeugen den Sachverhalt aber anders da: Sie hätten zwei Männer gesehen, die voreinander gestanden hätten – Schläge oder ähnliches seien nicht zu sehen gewesen. Richter Eric Schülke vermutete in dem Sinneswandel der Zeugen die Sorge vor möglichen Konsequenzen wegen unterlassener Hilfeleistung.

Das wurde auch durch eine Aussage im Chatverlauf untermauert. Sie hatten sich dabei auf eine gemeinsame Aussage geeinigt: »Wir dürfen nicht sagen, dass einer auf dem Boden lag!«

Waffenarsenal in der Wohnung gefunden – Gerüchte um Angeklagten

Ein dritter Zeuge, der wohl einer der ersten am Tatort war, sagte aus, das Opfer auf dem Boden liegend gesehen zu haben. Bevor er jedoch Genaueres erkennen konnte, sei der Bruder des Beschuldigten auf ihn zu gekommen und habe gesagt: »Das ist ein Junkie, der wird abgeholt. Du hast nichts gesehen, fahr weiter.«

Bei einer Wohnungsdurchsuchung des Angeklagten stellte die Polizei diverse Waffen, wie Schlagringe, Messer, Schlagstöcke und einen Elektroschocker sicher. Auch für den Besitz dieser Waffen muss sich der Beschuldigte verantworten.

Auf seinem Handy wurden zudem Hinweise auf rechte Symbole gefunden. Zeugen berichteten zudem über Gerüchte, der Russlanddeutsche sei ein Reichsbürger. Mehrere Zeugen waren sich einig, dass der Angeklagte gewalttätig sei. »Er ist ein gefährlicher Typ«, sagte ein Zeuge.

Tumulte nach Prozessauftakt vor dem Gerichtssaal

Nach dem Ende des ersten Verhandlungstages gerieten vor dem Gerichtssaal Angehörige des Opfers und des Angeklagten lautstark aneinander. Ein Justizbeamter musste eingreifen. Fortgesetzt wird der Prozess am Freitag. Mit einem Urteil wird aber erst Mitte Juli gerechnet.

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