Delbrücker Geschichtsforum veröffentlicht Tagebuch von Agnes Hartmann
„Der Krieg ist zu Ende!“

Delbrück (WB/spi). Die dramatischen Wochen im April und Mai 1945 in Delbrück hat Agnes Hartmann in ihrem Tagebuch geschildert. „Der Krieg ist zu Ende!“, schrieb sie vor 75 Jahren nach der Kapitulation Deutschlands. Das Delbrücker Geschichtsforum hat das Tagebuch jetzt in einem Band veröffentlicht.

Samstag, 09.05.2020, 13:18 Uhr aktualisiert: 09.05.2020, 13:20 Uhr
Dieses Foto zeigt deutsche Soldaten, die von amerikanischen Kräften als Kriegsgefangene abgeführt wurden. Die Aufnahme entstand vor 75 Jahren in Delbrück in der zu diesem Zeitpunkt dreck- und lehmverschmierten Lange Straße. Vor dem Haus Hartmann ist ein US-amerikanischer Sherman-Panzer zu sehen. Foto:
Dieses Foto zeigt deutsche Soldaten, die von amerikanischen Kräften als Kriegsgefangene abgeführt wurden. Die Aufnahme entstand vor 75 Jahren in Delbrück in der zu diesem Zeitpunkt dreck- und lehmverschmierten Lange Straße. Vor dem Haus Hartmann ist ein US-amerikanischer Sherman-Panzer zu sehen.

Die Vorbereitung der Veröffentlichung übernahmen für das Delbrücker Geschichtsforum Hans Jürgen Rade (Einleitung und historische Anmerkungen), Claudia Hartmann und Hans Wieners (Fotos) sowie Michael Hagemann (Layout und Register).

Zumindest in Europa endete mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8./9. Mai der 2. Weltkrieg. Zu den vielen, die das Ende herbeisehnten, gehörte Agnes Hartmann (1905-1973) aus Delbrück. Von 1942 bis zum Mai 1945 führte sie ein Tagebuch, in dem sie anschaulich das Leben in der katholisch geprägten Kleinstadt unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Ideologie und des Krieges

Agnes Hartmann – ein Foto aus dem Jahr 1935.

Agnes Hartmann – ein Foto aus dem Jahr 1935.

beschrieb.

Am 10. Mai 1945 notierte sie erleichtert: „Der Krieg ist zu Ende! Am Dienstagmittag 12 Uhr war Waffenstillstand! Am Tage vorher sind die Feindtätigkeiten schon eingestellt worden. Gott sei Dank! Wir müssen wieder neu beginnen. Aufbauen! Die deutschen Kriegsgefangenen werden sobald wie möglich nach Europa geschifft.

Die Leichen von Göbbels, Frau und Kinder sind in Berlin im Luftschutzkeller aufgefunden worden. Vergiftungstod! Die Leiche Hitlers ist noch nicht aufgefunden. Göring u. Ribbentrop sind in Gefangenschaft gekommen. Von den anderen ‚hohen‘ Herren fehlt jede Spur!

Erstkommunion ist heute! Ein herrlicher Tag! So warm wie noch nie im Mai! Alles ist grün. Der Herrgott scheint uns wieder zu segnen nach all dem Schweren.“

Kontakt zum Stadtarchiv

Agnes Hartmann war von Beruf Schneiderin. Sie wohnte ihr Leben lang in ihrem Elternhaus in der Lange Straße in Delbrück. Ihr Bruder Johannes Hartmann betrieb dort eine Schmiede. Agnes Hartmann war in der Familie sehr beliebt. Die Großnichte Claudia Hartmann, die heute als Geschichtslehrerin in Potsdam tätig ist, erbte die drei Tagebuchhefte von Agnes Hartmann.

2016 nahm sie Kontakt zum Delbrücker Stadtarchiv auf, um diesem Kopien der Tagebücher zur Verfügung zu stellen. Hans Wieners vom Delbrücker Geschichtsforum erkannte die Bedeutung der Tagebuchaufzeichnungen für die Delbrücker Geschichtsforschung und setzte sich 2017 mit Claudia Hartmann in Verbindung. Diese erklärte sich zu einer Veröffentlichung der Tagebücher bereit. Mit Hilfe ihrer Tante Cilli Hüser, geb. Hartmann, aus Schloß Neuhaus übertrug Claudia Hartmann die Tagebucheintragungen auf den Computer.

Agnes Hartmann vertraute ihre Erfahrungen, Gedanken und Gefühle ihrem Tagebuch an, um das Geschehene zu reflektieren und innerlich zu verarbeiten. Dabei nahm sie sich ganz zurück und schrieb wenig über sich selbst.

Briefkontakt zu Brüdern an der Front

Stellvertretend für die Familie hielt sie engen Briefkontakt zu ihren Brüdern, die als Soldaten an der Front waren. Als heimatverbundene Delbrückerin zeigte Agnes Hartmann auch patriotische Züge. Ihr lag das Wohl und Wehe Deutschlands sehr am Herzen. Deswegen beobachtete sie den Frontverlauf und die militärischen Entwicklungen sehr kritisch.

Sie beklagte das Schicksal der Gefallenen, die Trauer und Verzweiflung der Angehörigen und dachte auch an die unter der deutschen Besatzung leidenden Völker. Mit Entsetzen beschrieb sie die grausame Behandlung der völlig abgezehrten sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die in den letzten Kriegstagen von ihren Bewachern durch Delbrück getrieben wurden.

Hans-Jürgen Rade bemerkt dazu: „Schon früh fand sie klare Worte für das unsägliche Grauen und Morden, wenn sie den Kriegsverlauf verfolgte. Klarsichtig wusste sie, dass der Krieg nur in einem schrecklichen Desaster enden konnte. Mutig hielt sie mit offenen Worten fest, wie es den Menschen erging, was sie dachten und fühlten, wie sie auf Kriegsereignisse reagierten und welche Stimmung in der Bevölkerung herrschte.“

Hohes Risiko

Weiter schreibt Rade: „Damit setzte sie sich einem hohen Risiko aus. Bereits kritische Bemerkungen über den Kriegsverlauf konnten Verhaftung, Einweisung ins KZ und Todesstrafe nach sich ziehen. Wären ihre Tagebuchhefte in die Hände Delbrücker Partei-Funktionäre geraten, hätte sie angesichts der repressiven Gesetze mit einer Anklage wegen Heimtücke und Wehrkraftzersetzung rechnen müssen. Dieses Risikos war sie sich durchaus bewusst.

Nie hätte sie daran gedacht, dass ihre Aufzeichnungen einmal veröffentlicht werden könnten, denn sie schrieb frei weg, wie sie die Lage einschätze und ohne auf literarischen Schliff zu achten. Gerade deswegen sind sie ein sehr authentisches Zeugnis über die Geschehnisse in Delbrück im Verlauf und am Ende des Krieges.

Großnichte Claudia Hartmann zeigt ihrer Tochter Thea eines der ersten Exemplare des Tagebuchbandes.

Großnichte Claudia Hartmann zeigt ihrer Tochter Thea eines der ersten Exemplare des Tagebuchbandes. Foto: Geertje Marquard

Ausführlich berichtet sie über die Ereignisse während des Einmarsches der amerikanischen Truppen in Delbrück am Ostermontag. Wie groß war die Erleichterung darüber, dass Delbrück dank des mutigen Einsatzes mehrerer Männer, auch ihres Bruders Johannes Hartmann, im letzten Augenblick vor sinnlosen Kämpfen bewahrt werden konnte, weil sie die Panzersperren in der Oststraße und Lange Straße gegen den Widerstand von SS-Kämpfern für die amerikanischen Panzer öffneten.

Doch mit dem Einmarsch war die Angst der Bevölkerung noch nicht ganz zu Ende. Zum einen plünderten die russischen Kriegsgefangenen aus dem Stammlager 326 in Schloß Holte-Stukenbrock auch im Delbrücker Land, um sich zu versorgen. Zum anderen bangten die Delbrücker um ihre Soldaten, solange die Kämpfe im Osten andauerten.

Umso größer war die Erleichterung, als die Kapitulationserklärung vom 8. Mai und ihre Annahme durch die Alliierten bekannt wurden. Eindrücklich beschreibt Agnes Hartmann die dramatischen Wochen im April und Mai 1945, benennt Sorgen und Nöte der Menschen und vergisst auch die Soldaten und Zivilisten nicht, die während dieser Wochen in Delbrück noch gewaltsam ums Leben kamen. Als gläubige Frau war sie froh, dass durch die Beseitigung der Nazi-Herrschaft endlich wieder die alten kirchlichen Traditionen wie Prozession gepflegt werden konnten.“

Im Buchhandel erhältlich

Die Schilderungen von Agnes Hartmann sind für die Delbrücker Geschichte einzigartig, denn zum einen ist bislang keine andere private Quelle bekannt geworden, die dermaßen ausführlich und gut informiert über die Ereignisse in Delbrück berichtet. Zum anderen sind sie deswegen wertvoll, weil Agnes Hartmann eine Frau aus dem Volk war, die wiedergab, was Menschen in Delbrück während und am Ende Krieges dachten und fühlten. Deswegen sind ihre Tagebücher ein wichtiger Beitrag zur historischen Erforschung des Alltags und der Ereignisse in Delbrück von 1942 bis 1945.

„Die Kriegstagebücher von Agnes Hartmann von 1942 bis 1945“ sind ab sofort in einem Band (168 Seiten) in unterschiedlichen Formaten (Hardcover, Paperback, e-book) über den Delbrücker Buchhandel und beim Verlag (www.tredition.de) erhältlich.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7402525?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2851065%2F
Pädophile: Therapie dauert im Schnitt 20 Jahre
Tatort Campingplatz: In diesem Wohnwagen im lippischen Lügde wurden viele Kinder missbraucht. Foto: Althoff
Nachrichten-Ticker