Abriss macht Platz für Rathausneubau – Erinnerungen an Kino Defi und den Club 2000
Ein Stück Stadtgeschichte verschwindet

Delbrück (WB). Der Abrissbagger macht in dieser Woche kurzen Prozess mit dem Veranstaltungssaal der Stadtsparkasse Delbrück: Der Abriss der sogenannten Börse schafft Platz für den Rathausneubau zwischen Kleine Straße und Himmelreich­allee. Damit verschwindet auch das letzte Relikt eines einst intensiv genutzten Veranstaltungsstandortes im Herzen der Stadt. Den nicht mehr ganz so jungen Delbrückern kommen dabei natürlich sofort die Stichworte Defi und Club 2000 in den Sinn.

Donnerstag, 01.10.2020, 22:21 Uhr aktualisiert: 01.10.2020, 22:24 Uhr
Nur noch ein Haufen Schutt: In dieser Woche begann der Abriss des Veranstaltungssaales (Börse) der Stadtsparkasse. So wird Platz geschaffen für den Neubau des Rathauses. An derselben Stelle an der Kleinen Straße gab es früher die Discothek Club 2000 und das Delbrücker Filmtheater, das Kino Defi. Foto: Jürgen Spies
Nur noch ein Haufen Schutt: In dieser Woche begann der Abriss des Veranstaltungssaales (Börse) der Stadtsparkasse. So wird Platz geschaffen für den Neubau des Rathauses. An derselben Stelle an der Kleinen Straße gab es früher die Discothek Club 2000 und das Delbrücker Filmtheater, das Kino Defi. Foto: Jürgen Spies

Denn genau dort, wo jetzt der Ende der 80er Jahre gebaute Sparkassensaal plattgemacht wird, hatten einst das Kino Defi und später die Discothek Club 2000 ihr Domizil. Dieser Flecken Erde an der Kleinen Straße hat jedenfalls in der jüngeren Stadtgeschichte einen besonderen Stellenwert.

Auch das gab es damals in den ersten Discojahren im Club 2000: Jugend­-Disco am Sonntagnachmittag. Hermann Käuper aus Scharmede (vorn mit Mikrofon) legte dann die neuesten Hits auf. Stammgäste waren damals unter anderen (hinten von links an der Theke) Hans-Georg „Joko“ Kleine, Reinhard „Peschek“ Peitz, Heiner Strunz und Heiner Gerling.

Auch das gab es damals in den ersten Discojahren im Club 2000: Jugend­-Disco am Sonntagnachmittag. Hermann Käuper aus Scharmede (vorn mit Mikrofon) legte dann die neuesten Hits auf. Stammgäste waren damals unter anderen (hinten von links an der Theke) Hans-Georg „Joko“ Kleine, Reinhard „Peschek“ Peitz, Heiner Strunz und Heiner Gerling.

Stichwort Kino: In Delbrück gab es in der Boom- und Blütezeit zeitweise sogar drei Kinos – in Anbetracht der damaligen Größe des Städtchen ist das bemerkenswert. Das größte Kino mit rund 400 Plätzen gab es am Laumeskamp. Dann kam das Defi an der Kleinen Straße hinter dem Hotel Zur Post (Büker). Beide Kinos liefen unter der Regie von Karl Köring. Schließlich kam noch das „Regina“ hinzu, gebaut von Leo Strunz an der Oststraße, etwa dort, wo es jetzt den Action-Markt gibt. Für Kinofreunde in Delbrück war das eine praktische Sache: Man hatte Auswahl, weil die drei Kinos jeweils andere Filme als die Mitbewerber zeigten.

Junge Männer und Frauen aus Delbrück und Umgebung nutzen seinerzeit natürlich gern die Gelegenheit, mit ihrer „Flamme”, wie es damals oft hieß, beim Kinobesuch nicht nur die Filme anzuschauen, sondern auch die relative Dunkelheit zum Händchenhalten oder ab und zu auch zum Schmusen in der Loge zu nutzen. Oder, wenn die Liebe noch ganz frisch war, erste zarte Annäherungsversuche zu starten. So war das damals eben noch.

Geprüft und abgestempelt: 1954 bekam Walter Rau sen. nach bestandener Prüfung das Befähigungszeugnis als Filmvorführer.

Geprüft und abgestempelt: 1954 bekam Walter Rau sen. nach bestandener Prüfung das Befähigungszeugnis als Filmvorführer.

In den 50er Jahren waren im deutschsprachigen Raum die sogenannten Heimatfilme überaus beliebt, zumal das Fernsehen noch gar keine Rolle spielte. Und während in dieser Zeit in den USA vor allem Western angesagt waren, liebten hierzulande Millionen Kinobesucher eben Heimatfilme. Und als dann noch die Sissi-Filme rauskamen, rannten in Delbrück sogar Leute ins Kino, die vorher noch nie ein Lichtspielhaus von innen gesehen hatten!

Bekanntester Filmvorführer in Delbrück war seinerzeit Walter Rau (†). Dessen Sohn Walter Rau (66) erinnert sich heute noch gut an diese Zeit. „Das Defi wurde in den frühen 50er Jahren gebaut und hatte genau 298 Sitzplätze, aufgeteilt in Parkett 1 und 2, Sperrsitz und Loge. Mit den 298 Plätzen blieb man aufgrund der damaligen Feuerschutzbestimmungen bewusst knapp unter der 300er-Grenze.“

Der Kinobesuch in Delbrück war zu Spitzenzeiten so beliebt, dass die Säle eine Zeit lang sogar täglich geöffnet hatten. Mit zunehmendem Fernsehkonsum der Menschen wurden später zwangsläufig die Öffnungstage reduziert und dem tatsächlichen Bedarf angepasst.

Weiter Blick zurück: Walter Rau sen. im Vorführerraum.

Weiter Blick zurück: Walter Rau sen. im Vorführerraum.

Walter Rau erinnert sich auch an amüsante Begebenheiten aus dieser Zeit. Wie beispielsweise diese hier: „Mein Vater bekam eines Tages Besuch von Herrn Pastor. Grund war, dass auf Kinoplakaten blanke Busen zu sehen waren. Schaukästen gab es ja nicht nur direkt am Kino, sondern auch mitten in der Stadt, etwa bei Benslips. Der Pastor machte dann freundlich, aber bestimmt meinen Vater darauf aufmerksam, dass es doch in Delbrück wohl angebracht sei, blanke Busen auf den Plakaten zu überleben. Mein Vater nahm Filmschnipsel, die im Vorführraum häufiger anfielen und machte die Plakate gänzlich jugendfrei.“

Der damals noch jugendliche Walter Rau jun., heute 66 Jahre alt, erzählt weiter, dass er und sein Bruder Manfred hin und wieder für ihren Vater einsprangen. „Und so konnten wir auch schon mal Filme sehen, die offiziell erst ab 18 erlaubt waren“, verrät Rau Jahrzehnte später ein Geheimnis.

„Filmvorführer hatten früher aber auch richtig viel Arbeit. Filme abholen, umspulen, auf die begrenzte Brenndauer der in Projektoren verwendeten Kohlebogenlampen achten und die Überblendungen möglichst so hinbekommen, dass die Zuschauer davon möglichst nichts bemerken“, berichtet Reinhard Peitz, der sich in den letzten Defi-Jahren um das Kino quasi als „Mädchen für alles“ um den ganzen Betrieb gekümmert hat. „Damals waren beispielsweise Kung-Fu-Filme der Renner“, denkt Peitz (66) zurück.

Etwas später wurde dann direkt nebenan der Club 2000 eröffnet. Discotheken waren schwer angesagt! In Delbrück gab es ja auch noch die Disco „Kathedrale“ an der Breslauer Straße. Korn-Cola bekam man für ‘ne Mark. Und oben in den dunkleren Ecken gab es für verliebte Jugendliche die Möglichkeit, sich auch mal etwas abseits vom Trubel aufzuhalten.

Der Club 2000 lief gerade in den Anfangsjahren und bis weit in die 80er Jahre hinein super. Mehrere Öffnungstage, coole Drinks und die neuesten Hits, donnerstags Rock-Disco, sonntags nachmittags Jugend-Disco, um nur Beispiele zu nennen. Der Club 2000, der ganz zum Schluss Papillon hieß, schloss 1986 seine Pforten.

Was bleibt, sind Erinnerungen an Kino und Disco.

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