Interview mit dem amtierenden Prinzen des KV „Eintracht Delbrück von 1832“
Hartmann hofft auf Karneval 2022

Delbrück -

An Karneval ist 2021 bekanntlich nicht zu denken. Neun der elf Vereine und Gesellschaften im Stadtverband Delbrücker Karnevalisten (SDK; 4500 Mitglieder) proklamieren alljährlich einen neuen Prinzen oder ein neues Prinzenpaar. Ihre Amtszeit wird coronabedingt verlängert. Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat sich mit Christian Hartmann (47), dem amtierenden Prinzen des „KV Eintracht Delbrück von 1832“, unterhalten. Hartmann, von Beruf Apotheker, wirft einen Blick zurück, auch voraus, nicht nur aus Sicht eines Karnevalisten.

Samstag, 23.01.2021, 11:14 Uhr aktualisiert: 23.01.2021, 12:20 Uhr
Seit einem Jahr ist Christian Hartmann, hier daheim auf dem Balkon mit Blick auf die Kirche, Prinz Karneval in Delbrück. Ebenso wie das Kranzkönigspaar
Seit einem Jahr ist Christian Hartmann, hier daheim auf dem Balkon mit Blick auf die Kirche, Prinz Karneval in Delbrück. Ebenso wie das Kranzkönigspaar Foto: Jürgen Spies

Als am 28. Januar vergangenen Jahres das Robert-Koch-Institut (RKI) den ersten laborbestätigten Fall mit dem Coronavirus in Deutschland bekanntgab, konnte niemand voraussagen, wie sich in der Folgezeit die Infektionszahlen noch entwickeln würden. Auch gut zwei Wochen später noch, am Tag der großen Prinzenproklamation (15. Februar) in der Karnevalshochburg Delbrück, schien die Gefahr durch Covid-19 in Deutschland ziemlich weit weg zu sein. Und noch am 27. Februar war RKI-Chef Wieler der Ansicht, dass es in Deutschland keinen Anlass für „italienische Verhältnisse“ gebe. Das sieht heute anders aus.

Wie war Ihr Empfinden, als feststand, dass sich Covid-19 von der Epidemie in China zur weltweiten Pandemie entwickelt und dass auch in Deutschland gesellschaftliches Leben und Miteinander sowie Teile der Wirtschaft lahmlegt werden?

Christian Hartmann: Ganz zu Beginn war das alles ja noch nebulös. Das hat schon gedauert, ehe der Nebel verschwand. Damit ich das für mich immer wiederholen kann, was ich als Prinz alles erlebe, hatte ich angefangen, ein Tagebuch zu schreiben. Und das Tagebuch endet dann tatsächlich mit den Worten „... und jetzt kommt Corona...“. Da waren wir schon im März. Natürlich bin ich traurig über die ganze Entwicklung, ganz klar. Um nur mal beim Karneval zu bleiben, der Delbrücker Karneval ist schließlich eine Institution seit 1832, und ich bin gerade amtierender Prinz. Ich finde es aber – bei aller Liebe – viel wichtiger, dass wir gesund aus dieser Situation rauskommen.

Hat der Karnevalverein Sie eigentlich ganz offiziell gefragt, ob Sie über Ihre eigentliche Amtszeit hinaus weitermachen?

Hartmann: Das war mal anberaumt, aber weil sich die Corona-Lage immer weiter verschärft hat und es kaum möglich war, sich mit mehreren Leuten zu Besprechungen zu treffen, haben der Karnevalverein und ich so eine Art Gentle­man‘s Agreement getroffen. Mit Peter Josephs (Vorsitzender des KV Eintracht, d. Red.) bin ich dann so verblieben, dass es insoweit keine Probleme meinerseits mit einer verlängerten Amtszeit gibt.

Wenn es mit Blick auf die Infektionszahlen in den kommenden Monaten gut laufen sollte, wenn die Fallzahlen also drastisch sinken und es auch im kommenden Winter gut bleiben sollte, könnte eventuell 2022 wieder Karneval gefeiert werden. Wenn es dagegen schlecht laufen sollte – auch darüber muss man reden, weil es ja schon so manchen Anlass zur Kritik an den Entscheidungen der Bundesregierung gab – leider nicht. Dann wären wir aber schon in der Session des Jahres 2023. Halten Sie das für möglich?

Hartmann: Tja, das ist ‘ne gute Frage. Meine große Hoffnung ist, dass große Feiern und Feste im nächsten Jahr wieder stattfinden können. Aber dazu müssen noch viele Faktoren mitspielen. Die Bevölkerung muss bereit sein, aufgestellte Regeln einzuhalten und dass beispielsweise insgeheim keine Großhochzeiten mehr gefeiert werden oder große Zusammenkünfte ohne Mund-Nasen-Schutz ablaufen. Wichtig ist, dass das Impfen durchgezogen wird, dass die Menschen FFP2-Masken tragen. Wenn ich aber aktuell höre, dass das Impfen derzeit mancherorts wieder ausgesetzt wird, weil nicht genügend Impfstoff zur Verfügung steht, kommt man ins Grübeln. Sagen wir es einmal so – Wir sollten davon ausgehen, dass es besser wird, dass es passt. Wenn sich dann dennoch etwas ändern sollte, müssen wir uns Gedanken machen.

Das ist eher eine salomonische Antwort...

Hartmann: Ja, aber was will man denn anders machen? Ich zum Beispiel würde mich sofort impfen lassen. Als Apotheker sowieso. Wir haben einen relativ relevanten Beruf, um das Wohlergehen der Gesellschaft irgendwie aufrecht zu erhalten. Das wird von der Bundesregierung offenbar nicht ganz so gesehen. Apotheker sind ja laut Priorisierungsliste nur in Gruppe 3 eingestuft. Aber wenn wir uns alle impfen lassen, also alle, die das wollen, wird das schon funktionieren, um das Infektionsgeschehen in den Griff zu kriegen. Glaube ich. Es muss eben ‚nur‘ genügend Impfstoff produziert werden und zur Verfügung stehen.

Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, welche Konsequenzen ein Veranstaltungsverbot über 2022 hinaus für die Vereine haben könnte? Um hier mal nur beim Karneval zu bleiben: Die vielen Garden und Tanzgruppen allerorten wollen ja auch mal wieder auftreten, dem Publikum zeigen, was sie drauf haben, Beifall als Belohnung für Top-Leistungen bekommen. Wie lange ist es Ihrer Einschätzung nach noch möglich, dass Vereine ohne Folgeschäden, Stichwort: Traditionen, durch die Krise kommen.

Hartmann: Vor diesem Problem stehen bei jeweils veränderten Vorzeichen fast alle Vereine. Sie befinden sich in einer ganz schwierigen Situation, das Vereinsleben leidet enorm. Gerade die Vereine, die darauf angewiesen sind, Kinder und Jugendliche heranzuziehen, vom Fußball- bis zum Musikverein. Die Frage ist dann ‚Mit wie viel Herzblut steht man dahinter?‘ Wie steht das Elternhaus dahinter und motiviert die Kinder und Jugendlichen? In der Pubertät ist das für die jungen Leute alles noch schwieriger. Ich finde, viele Menschen merken jetzt, wie sehr ihnen Gemeinsamkeit, das Feiern und die Fröhlichkeit in großer Runde, fehlt. Wie schön es ist, nicht allein zu sein. Ich weiß natürlich auch, dass es dazu andere Meinungen gibt und gesagt wird „Es geht auch ohne all das!“

In den ersten zwei Wochen nach Ihrer Proklamation haben Sie ja noch das „volle Programm“ genießen dürfen. Welche Momente sind Ihnen ganz besonders intensiv im Gedächtnis?

Hartmann: Das Schönste ist tatsächlich, wenn du am Rosenmontag als Prinz beim Umzug oben auf dem Wagen stehst und dann beim Abbiegen von der Thülecke in die Lange Straße das Menschenmeer und das feiernde Volk siehst. Das ist wirklich beeindruckend, atemberaubend. Das ist ein schöner Moment, denn hier bin ich geboren, damals im alten Delbrücker Krankenhaus, ich bin in Delbrück aufgewachsen, hier wohne ich seit 47 Jahren. Klasse für mich war es außerdem, am Rosenmontagmorgen auf dem Weg zum Rathaussturm auf dem Pferd zu sitzen und durch Delbrück zu reiten. Ich hatte ein bisschen Respekt vor dem Reiten. Aber ich hatte zum Glück ein liebes, braves Pferd.

„Durch dick und dünn, ihr werdet seh‘n, wir Narren fest zusammensteh‘n“ – so lautet das aktuelle Motto der 189. Session in Delbrück. Haben Sie den Jecken und allen anderen Menschen an dieser Stelle noch etwas mit auf den Weg zu geben?

Hartmann: Haltet euch an die geltenden Regeln zum Infektionsschutz, lasst euch impfen, damit wir Schritt für Schritt und möglichst bald wieder dahin kommen, zur Normalität zurückzukehren. Und ich denke im Moment gerade an „meine“ Prinzengarde. Ich habe die Mädels ja schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Aber jede hat von mir zum Geburtstag und zu Weihnachten zumindest einen persönlichen Gruß bekommen – handgeschrieben auf einer Postkarte.

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