Mo., 01.04.2019

Hövelhoferin mit Handicap ausgeschlossen – Anwalt spricht von Diskriminierung Klassenfahrt ohne Janine

Janine Mantei und ihre Eltern Stefanie und Stefan sind enttäuscht: Die Zwölfjährige durfte nicht mit auf Klassenfahrt.

Janine Mantei und ihre Eltern Stefanie und Stefan sind enttäuscht: Die Zwölfjährige durfte nicht mit auf Klassenfahrt. Foto: Meike Oblau

Von Meike Oblau

Hövelhof (WB). Ein Bus voller fröhlicher Kinder ist am Montag in Hövelhof abgefahren: Für die Sechstklässler der Krollbachschule ging’s auf Klassenfahrt nach Aurich. Janine Mantei durfte nicht mitfahren. Die Zwölfjährige wurde nach Angaben ihrer Eltern ausgeschlossen, weil die Schule fürchtete, Janine nicht adäquat betreuen zu können. Auch ein Anwalt konnte nichts mehr ausrichten.

»Janine hat den Pflegegrad zwei, sie braucht besondere Zuwendung und Hilfe beim Anziehen und der Körperhygiene«, beschreibt ihr Vater. Im Schulalltag sei das kein Problem, die Zwölfjährige besuche ohne Begleitung eines Betreuers den Unterricht und habe bisher auch an allen Ausflügen teilnehmen dürfen. »Seit November wird die Klassenfahrt nach Ostfriesland geplant. Erst am 12. März hat uns die Schule mitgeteilt, dass unsere Tochter nicht mitfahren könne, da es kein Betreuungspersonal für sie gebe«, berichtet Stefanie Mantei. »Es war zuvor nie Thema gewesen, dass Janine nur mitfahren darf, wenn ein Betreuer mitkommt«, ergänzt ihr Mann Stefan.

Begleitung durch Mutter oder Tante abgelehnt

»Wir haben sogar angeboten, dass meine Frau auf eigene Kosten mitfahren könne oder Janines Tante, die Altenpflegerin ist. Das wurde auch abgelehnt. Man befürchte, die anderen Kinder bekämen dann Heimweh«, erzählt Stefan Mantei und schimpft: »Die Krollbachschule ist eine Schule des gemeinsamen Lernens, für Schüler mit und ohne Behinderung, ausgezeichnet als Schule ohne Rassismus – und unsere Tochter wird derart ausgegrenzt.«

Zwei Wochen lang setzten die Eltern alle Hebel in Bewegung, um ihrer Tochter das besondere Erlebnis einer Klassenfahrt doch noch zu ermöglichen: Gespräche im Schulamt und im Sozialamt des Kreises und auch das Einschalten eines Rechtsanwalts schlugen fehl, weil der Familie die Zeit davonlief.

»Verhalten ist befremdlich und beschämend«

»Das Verhalten der Schule ist nicht nur befremdlich, sondern beschämend«, sagt Anwalt Marc Melzer aus Bad Lippspringe. »Hier muss man ganz offen von Diskriminierung sprechen, da für die Benachteiligung keine Gründe genannt wurden.« Seit Janines erstem Schultag an der Krollbachschule vor fast zwei Jahren habe es keinerlei Hinweise gegeben, dass sie einen Integrationshelfer benötige. »Es wäre Sache der Schule gewesen, viel früher zu kommunizieren, dass man Janines Teilnahme an der Klassenfahrt als problematisch ansieht. Dann hätte der Kreis den Fall prüfen und gegebenenfalls einen Betreuer stellen können, aber diese Prüfung dauert zwei bis drei Monate«, sagt Melzer.

»Mir blieb nur, einen bitterbösen Brief an die Schule zu schreiben, die von ihrer Haltung aber nicht abgerückt ist. Das lässt sich nicht mehr reparieren, denn es bringt der Familie nichts, wenn ein Gericht im Nachhinein feststellen würde, dass das Verhalten der Schule rechtswidrig war.«

Ersatzstundenplan für diese Woche

Statt mit nach Ostfriesland zu fahren, habe die Zwölfjährige jetzt einen Ersatzstundenplan für diese Woche bekommen und solle den Unterricht der fünften Klasse besuchen, erzählen Stefan und Stefanie Mantei. »Janine möchte in diese Schule am liebsten gar nicht mehr gehen«, sagt ihre Mutter. »Am Freitag musste sie dabei sein, als der Ausflug mit allen besprochen wurde, und zu allem Überfluss haben ihre Klassenkameraden auch mitbekommen, warum Janine nicht mitfahren darf. Sie wurde massiv gehänselt und saß danach weinend zu Hause.«

Schule verweist auf »Persönlichkeitsrechte des Mädchens«

Der Leiter der Krollbachschule, Michael Stolpmann, verwies nach einer Anfrage des WB auf die Persönlichkeitsrechte der Schülerin: »Sie werden Verständnis dafür haben, dass wir im konkreten Fall zunächst keine detaillierten Antworten geben werden, denn uns ist unsere Fürsorgepflicht besonders wichtig, sodass wir auch in diesem Fall die besonderen Interessen des Mädchens schützen werden«, schrieb Stolpmann. Die Krollbachschule sei stets um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern der ihr anvertrauten Schüler bemüht. So sei es auch das Ziel der pädagogischen Arbeit, allen Schülern die Teilnahme an Klassenfahrten zu ermöglichen. Da man die Persönlichkeitsrechte der Schülerin achte, wolle man in diesem Fall nicht ins Detail gehen.

Der Kreis Paderborn teilte mit, Familie Mantei habe erst vorigen Mittwoch mit dem Sozialamt Kontakt aufgenommen: »Das war leider zu kurzfristig, um das Antragsverfahren für einen Inklusionshelfer noch zu durchlaufen. Zu den Gründen der Schule können wir nichts mitteilen, da uns diese Informationen nicht vorliegen«, so Kreis-Pressesprecherin Meike Delang.

Kommentar

Man würde die Gründe gerne verstehen, die die Krollbachschule dazu veranlasst haben, eine Schülerin von einer Klassenfahrt auszuschließen. Die Schule liefert aber keine Begründung, weder den Medien noch dem Anwalt. Es liegt ja im Bereich des Möglichen, dass sich am Verhalten des Mädchens etwas Gravierendes verändert hat, was eine Teilnahme an der Klassenfahrt ohne Betreuung unmöglich macht – auch wenn es den Schulalltag nach wie vor alleine bewältigt. Warum das den Eltern aber erst zwei Wochen vor der Fahrt mitgeteilt wird, ist schwer nachzuvollziehen – ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Vorschlag, Mutter oder Tante könnten die Schülerin begleiten, abgelehnt wurde. Der Kompromiss hätte nahegelegen. Eine Schule des gemeinsamen Lernens sollte Erfahrung damit haben, wie lange es dauert, einen Inte­grationshelfer zu beantragen. Dass das binnen zwei Woche unmöglich ist, war klar. Wer auch immer wann etwas falsch gemacht hat: Janine ist die Leitragende, die um ein kindheitsprägendes Erlebnis gebracht wird. Meike Oblau

Kommentare

Wer hilft mit? Urlaub für Janine!

Vielleicht kann man ja etwas für Janine tun.
Ein paar Tage Urlaub sollte man doch hinbekommen.


Wäre schön, wenn sich die Eltern mal bei mir melden.


Eine sehr sehr merkwürdige Begründung, warum weder Mutter noch Tante mitfahren dürfen....

so eine Ausrede habe ich noch nie gehört.

Hier in NIEDERSACHSEN fahren die Eltern IMMER mit auf Klassenfahrt,
wenn das eigene Kind ( was kein Inklusionskind ist)
diese Hilfe benötigt und zahlen das eben auch immer selber nebst Urlaubstagen die dafür benötigt werden

bspw. aufgrund eines Herzfehlers oder bei Diabetes-

was die Lehrkräfte ohne entsprechende Ausbildung eben nicht leisten können

und zwar schon ab Klasse 3!!!

Komisch, dass es da NIE Probleme gibt, das andere Kinder Heimweh bekommen....


Bin schockiert

Mein Kind auch so seine Probleme in der Krollbachschule, so daß es schon öfters die Schule verweigert hat! Ich bin momentan auch nicht glücklich mit der Wahl der Schule, ich empfinde es so, das wenn Kinder etwas schwieriger sind, einem nicht geholfen wird! Dieses Jahr ist es etwas besser, aber letztes Jahr war der Horror für mich! Da geht man fast heulend zur Schulleitung, in der Hoffnung, daß einem geholfen wird, weil das Kind wieder schreiend im Flur liegt und nicht in die Schule will, nein, dann werden die Augen verdreht und gesagt: Ach Frau ......... für sie habe ich jetzt mal gar keine Zeit! Ich finde, das die Schule der Familie viel, viel eher hätte bescheid sagen müssen, damit sie noch eine Chance zum reagieren gehabt hätten! Echt traurig!

Behindert und aussortiert, Pfui

Der Schaden ist bei dem Mädchen nicht wieder zu beheben. Da nützt es auch nichts wenn der Rektor von Fürsorge redet und dabei den Honig verteilt. Die Eltern und Mädchen wurden richtig reingelegt. Diese Vorgehensweise ist dem Mädchen gegenüber sehr schlimm. Da waren viele dran beteiligt. Und keiner wars gewesen . Da fällt mir nur zu ein" Erst nach der Tat begreift der Thor was er getan und das der Rektor und alle anderen die an dieser Sache mitgeholfen haben keine Thors sind können Sie auch nicht begreifen was sie da getan. Alles gute für das Mädchen.

Drecksarbeit krollbachschule

Ich kenne die Schule am besten von ihrer schlimmsten Seite die Schule sollte geschlossen werden die Lehrer tun nen Dreck das ist nicht der einzigsten zeitungs Artikel gegen die Schule ich werde auch noch ein machen das ist unfassbar was an dieser Schule abgeht...Ich habe die Schule freiwillig geschmissen um nicht mehr den Psychischen Stress entgegen zu tretten

Behinderte Kinder haben ein Recht auf Regelschule

Seit der Einführung der UN-Behindertenrechts-konvention 2006 haben Kinder mit Behinderung das Recht auf eine inklusive Schulbildung. Doch die Realität in Deutschland sieht anders aus: Gemeinsames Lernen ist noch immer die Ausnahme. Trotz Sonderpädagogen und Schulbegleitung.
Eine SCHANDE für das deutsche Bildungssystem.An vielen deutschen Schulen ist die Elternarbeit mit inbegriffen und wird als sehr willkommen und hilfreich angenommen um es den SuS pädagogisch und inklusiv zu erleichtern. Sieht so Inkusion aus das Janine ausgegrenzt wird? Ich denke das da noch einiges an Gespräche stattfinden muss. Eine Dienstaufsichtsbeschwerde wäre nicht fehl am Platz. Eine Zumutung für die Gesellschaft sich als Schule so bloß zu stellen.

Unsinn

Ich bin ein schüler/in an dieser Schule und finde diesen Artikel nicht "schön" um es in nett zu Vormulieren ich kenne das Mädchen und die Lehrer an dieser Schule und kann nur sagen das die genau wissen was sie tun...
Wenn die eltern wissen das ihre Tochter so ein Pflege fall ist hätten diese viel früher handeln können und überlegen können. "Janine hat den Pflegegrad zwei, sie braucht besondere Zuwendung und Hilfe beim Anziehen und der Körperhygiene" (Z. 1-3) die Eltern wussten das eine Klassen fahrt ansteht und hätten sich um ein pfleger kümmern können.
Ich denke das diese Eltern nur Aufmerksamkeit wollen und im Rampenlicht stehen wollen und das wieder mich an ich kann das nicht nachvollziehen. Alle Lehrer an dieser Schule sind nett und Helfen bei egal welchen Problemen.

Diskriminierung einer Schülerin mit körperliche Beeinträchtigung

Dialog aus dem Webseitentext der Krollbachschule:
Zusammenarbeit mit den Eltern

Die Kooperation der Krollbachschule mit den Eltern beginnt bereits frühzeitig vor Aufnahme der Schülerinnen und Schüler. Wir halten eine intensive Kommunikation für sehr wichtig, um die Eltern sinnvoll in das Schulleben mit einbinden zu können. Eine gemeinsame Kommunikationsebene dient dem erfolgreichen Schulbesuch des Kindes. Dazu gehören für uns die Wahrnehmung der Bedürfnisse der Eltern und Kinder, eine Beziehung herzustellen, damit eine vertrauensvolle Zusammenarbeit stattfinden kann, Vereinbarungen zu treffen und Gefühle ernst zu nehmen. Dies erfordert ein besonderes Einfühlungsvermögen für die Problematik der jeweiligen Familie.
Wie kann es möglich sein, dass in der heutigen Zeit gegen das Menschenrecht gehandelt wird?
Teilhabe behinderter Menschen ist ein Menschenrecht, kein Akt der Fürsorge oder Gnade. Die UN-BRK stellt dies klar und konkretisiert damit grundlegende Menschenrechte für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen. Sie erfasst Lebensbereiche wie Barrierefreiheit, persönliche Mobilität, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Rehabilitation, Teilhabe am politischen Leben, Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung. Grundlegend für die UN-BRK und die von ihr erfassten Lebensbereiche ist der Gedanke der Inklusion: Menschen mit Behinderung gehören von Anfang an mitten in die Gesellschaft.Quelle:
Koordinierungstelle der UN-Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on.
Ein Ausschluss von der Klassenfahrt einer Schülerin, aufgrund körperlichen Beeinträchtigungen, bringt viele zukünftige Probleme in die vorhandene Klassengemeinschaft. Es bilden sich neue Freundschaften, Beziehungen werden gefestigt, die Gemeinschaft wird gefördert und ein neues Klassenteam bildet sich. Probleme für Janine sind vorprogrammiert, sie wird sich nicht mehr in der Klasse wohlfühlen können. Es fehlt definitiv an Einfühlungsvermögen der Institution. Ich sehe hier keinen pädagogischen Ansatz der als Funktion in dieser Situation genutzt wird.
Für mich persönlich nicht nachvollziehbar.

9 Kommentare

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