Fr., 17.05.2019

Warum ein Wissenschaftler zum Wohl der Bienen für mehr Schlamperei in der Gartenpflege wirbt »Hört auf, jede Woche zu mähen!«

Eine Wildbiene ist auf einer Löwenzahnblüte in einem Obsthain gelandet. Dort findet sie noch Pollen – in vielen Kulturpflanzen nicht mehr.

Eine Wildbiene ist auf einer Löwenzahnblüte in einem Obsthain gelandet. Dort findet sie noch Pollen – in vielen Kulturpflanzen nicht mehr.

München/Hövelhof (dpa/WB). Auf Balkonen und in Vorgärten sprießt es derzeit in allen Farben. In Gartencentern und Baumärkten greifen Kunden zu Blühmischungen: Nicht zuletzt das bayerische Volksbegehren »Rettet die Bienen« hat die Menschen wachgerüttelt.

Baden-Württemberg plant bereits ebenfalls ein Volksbegehren, in Nordrhein-Westfalen laufen Gespräche. Doch vielerorts darben die Insekten weiter, Wildbienen suchen vergeblich nach Nektar. Nicht alles, was bunt blüht, nährt die heimischen Insekten, mahnen Wissenschaftler anlässlich des Weltbienentags am 20. Mai. 2018 haben die Vereinten Nationen den Tag ins Leben gerufen, um auf mehr Schutz der Bienen zu drängen.

Handlungsbedarf bei der Landwirtschaft

Experten werten das Volksbegehren in Bayern und das geplante Gesetzespaket als wichtigen Schritt. Sie sehen aber weiter Handlungsbedarf bei der Landwirtschaft – und geißeln die deutsche Gründlichkeit mit akkuraten Rasenflächen und unkrautfreien Grünanlagen. »Ein bisschen mehr Schlamperei täte der Sache nicht schlecht«, sagt Gerhard Haszprunar. Er ist Direktor der Zoologischen Staatssammlung München und Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. »Es muss nicht immer alles picobello sein.« Mähroboter, die durch deutsche Gärten surren, machen sogar Gänseblümchen den Garaus. Übrig bleibe »totes Grün«, kaum besser als Steingärten, die gerade in Mode sind.

Auch Kommunen und Kleingartenvereine müssten Anpassungen in ihren Vorschriften vornehmen. »Viele Bestimmungen sind absolut kontraproduktiv«, sagt Hasz­prunar. »Lasst das Gift weg, hört auf, euren Rasen zu düngen und jede Woche zu mähen. Lasst es blühen.«

Ein Mähroboter fährt über eine Wiese: Nach Ansicht des Zoologen Gerhard Haszprunar lässt er nichts als »totes Grün« übrig. Foto: dpa

Das Umdenken ist am Münchner Rathaus angekommen. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bat das Baureferat, die dortigen Blumenkästen mit bienenfreundlichen Blumen zu bepflanzen. Nun sprießen dort statt Geranien unter anderem Mehlsalbei, Löwenmäulchen, Schneeflockenblume, Wolfsmilch, Leberbalsam und Prachtkerze.

Mehr Natur: Was in Wäldern mit mehr Pflanzenvielfalt, weniger Eingriffen und Totholz schon stattfindet, müsse nun auf Wiesen, Feldern und in Gartenanlagen umgesetzt werden, fordern die Experten.

Das Ökosystem ist komplex

Denn das Ökosystem ist komplex, vielfach sind Tiere und Pflanzen genau aufeinander abgestimmt. Manche Wildbienen brauchen eine ganz bestimmte Blüte, wie Manfred Klein, Leiter des Agrar- und Waldbereichs beim Bundesamt für Naturschutz (BfN), erläutert. Von rund 560 Arten seien mehr als 41 Prozent in ihrem Bestand gefährdet. Anders als die Honigbiene als »Hausschwein der Imker«, die vom Menschen gezüchtet, mit Zuckerwasser über den Winter gebracht und mit Medikamenten gegen Krankheiten geschützt wird, lebt die Wildbiene nicht in Gemeinschaft – und sie ist wählerischer bei der Nahrung.

Gerade die allerschönsten Blumen bieten Bienen und anderen Insekten – mehr als 33.300 Arten sind in Deutschland bekannt – oft keine Nahrung. »Das sind häufig gefüllte Blüten, bei denen Staub- und manchmal auch Fruchtblätter zu Blütenblättern umgewandelt sind«, sagt Andreas Fleischmann von der Botanischen Staatssammlung München. Die meisten gezüchteten Dahlien, Rosen, Gartenchrysanthemen und viele Tulpen und Narzissen hätten zugunsten ihres hübschen Aussehens zurückgebildete oder keine Staubblätter – und damit keine Pollen und keinen Nektar.

Große Unterschiede bei Blühmischungen

»Wir reißen den Löwenzahn aus und pflanzen stattdessen eine gefüllte gelbe Dahlie. Weil wir das schön finden. Das hilft aber den Insekten nichts. Es ist, als würde man uns im Wirtshaus nur das Foto eines Schweinsbratens vorsetzen«, sagt Fleischmann. »Was die Leute heute oft als Natur empfinden, ist vom Menschen künstlich gestaltet.« Der Mensch habe definiert, was Unkraut sei. Aber jede Pflanze habe ihren Platz.

Bei Blühmischungen gebe es große Unterschiede. Die besten mit vielen heimischen Samen sind oft teurer und wachsen langsamer als Mischungen mit einjährigen fremdländischen Arten. Samen aus Südafrika und Amerika blühen rasch, helfen vielen hiesigen Insekten aber wenig. »Sie können das nicht verwerten. Unsere heimischen Insekten passen zu unseren heimischen Pflanzen wie ein Schlüssel zum Schloss«, sagt Fleischmann.

Klein nennt Blühstreifen an Feldrändern einen »Tropfen auf den heißen Stein«. Sie seien fast unnütz, wenn auf allen umgebenden Feldern weiter Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden. »Was in der Breite fehlt, sind blütenreiche Wiesen und mehrjährige Brachflächen, auf denen drei oder fünf Jahre nichts passiert«, sagt Klein. Nichtsdestoweniger haben die Landwirte in Ostwestfalen-Lippe nach Angaben des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands mit der Aktion »Blühendes Land durch Bauernhand« Blühstreifen in einer Länge von etwa 900 Kilometern angelegt. Passend zum Weltbienentag am Montag will der Landwirtschaftliche Bezirksverband OWL seine Bemühungen um eine insektenfreundliche Landwirtschaft mit einem Aktionstag vorstellen.

Haszprunar: »Die Bauern sind Opfertäter«

Bauern sollten Grünland optimalerweise nicht fünf- oder siebenmal mähen, sondern nur ein- bis zweimal, fordern die Wissenschaftler. Mit starker Düngung sinke zudem die Artenvielfalt bei den Pflanzen – und damit bei den Insekten. Hier müsse die Bundesregierung tätig werden, und die EU müsse bei der nächsten Reform der europäischen Agrarpolitik ab 2020 Lenkungsinstrumente entwickeln, fordert Klein.

»Die Bauern sind Opfertäter«, sagt Haszprunar. »Sie sind Täter, denn sie machen viele Dinge falsch. Sie sind zugleich Opfer einer völlig verfehlten Agrarpolitik auf EU- und auf Bundesebene. Sie können zum Teil aus wirtschaftlichen Zwängen nur das Falsche tun.« Die Politik sei gefordert, aber auch der Konsument. In Österreich böten bessere Restaurants nur noch Speisen aus ökologischer Herstellung an. »Es ist eine Frage breiter gesellschaftlicher Akzeptanz. Das muss sich jetzt verfestigen, damit es nicht ein Hype bleibt.«

Erst einmal geht es im Südwesten weiter: Just an diesem Sonntag nämlich, einen Tag vor dem Weltbienentag, beginnt in Baden-Württemberg die Unterschriftensammlung für das geplante Volksbegehren.

EU-weite Bürgerinitiative

EU-Bürger können sich ab Ende des Monats mit einer Unterschrift im Internet für den stärkeren Schutz von Bienen in Europa einsetzen. Die EU-Kommission nahm eine entsprechende Bürgerinitiative an, wie sie am Mittwoch in Brüssel mitteilte.

Die Initiatoren fordern unter dem Motto »Rettet die Bienen«, dass die Förderung der biologischen Vielfalt in der Natur zu einem übergeordneten Ziel der EU-Agrarpolitik gemacht werden soll. Außerdem soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln drastisch reduziert werden. Gefährliche Pestizide sollen den Initiatoren zufolge sogar komplett verboten werden.

Die Unterschriftensammlung beginnt am Montag, dem 27. Mai. Wenn dann innerhalb eines Jahres mindestens eine Million Stimmen aus sieben EU-Staaten zusammenkommen, muss die EU-Kommission die Forderungen im Detail prüfen und innerhalb von drei Monaten reagieren. Sie kann entscheiden, ob sie Gesetzesänderungen vorbringen will oder nicht. Die Entscheidung muss sie aber in jedem Fall begründen, so besagt es das Prozedere.

 

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