Sa., 16.11.2019

Würdevolle NRW-Landesfeier zum Volkstrauertag in Hövelhof – mit Video Niemohls weyer – niemals wieder!

In der Hövelhofer Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk fand die zentrale Gedenkstunde des Landes Nordrhein-Westfalen zum Volkstrauertag statt. Die Gedenkrede hielt der Vorsitzende des Landesverbandes NRW des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Thomas Kutschaty.

In der Hövelhofer Pfarrkirche St. Johannes Nepomuk fand die zentrale Gedenkstunde des Landes Nordrhein-Westfalen zum Volkstrauertag statt. Die Gedenkrede hielt der Vorsitzende des Landesverbandes NRW des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Thomas Kutschaty. Foto: Jörn Hannemann

Von Meike Oblau

Hövelhof (WB). »Krieg? Geht uns das Thema noch was an«, fragen Jugendliche der Krollbachschule anlässlich der zentralen Gedenkstunde des Landes Nordrhein-Westfalen zum Volkstrauertag in Hövelhof. Einer aus ihrer Mitte hat Krieg sogar selbst erlebt: Er ist aus Afghanistan geflohen und berichtet auf der Landesfeier davon. Persönliche Schicksale wie dieses hallen nach – selbst als die Pfarrkirche längst verlassen ist und die Schleifen der Kränze am Ehrenmal gegenüber einsam im Novemberwind wehen.

Schon seit vielen Jahren beteiligen sich in Hövelhof Schüler an der Zeremonie zum Volkstrauertag, etwas, dass Pfarrer Bernd Haase zum Ende der Gedenkstunde noch einmal ganz besonders hervorhebt. Der Landesvorsitzende des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Thomas Kutschaty, weiß, dass bald nicht mehr viele Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges leben: »Jugendliche erfahren heute meist nur noch aus Geschichtsbüchern und nicht mehr aus direkten Erzählungen von Verwandten von den verheerenden Folgen der beiden Weltkriege. Das Gedenken bröckelt«, sagt der ehemalige NRW-Justizminister und spannt den Bogen zum spürbaren Rechtsruck in Europa. »Kann man historische Einsicht auch wieder verlieren? Es gibt Anzeichen, dass diese Gefahr besteht«, sagt er.

»Nicht nur die Köpfe, sondern vor allem die Herzen erreichen«

Daher müsse man sich fragen, ob man die Art und Weise, wie man Jugendlichen die Grausamkeiten des Krieges näher bringe, noch zeitgemäß sei: »Wir müssen nicht nur ihre Köpfe erreichen, sondern vor allem ihre Herzen«, fordert Thomas Kutschaty. Wer die Jugendlichen aus Hövelhof auf der Gedenkfeier sprechen hört, merkt, dass das gelingen kann. Der Volkstrauertag sei ein Tag der Mahnung: »Leider tut es gerade aktuell sehr Not, diesen mahnenden Charakter in den Vordergrund zu stellen. Frieden, Freiheit, Demokratie und Wohlstand sind nichts Selbstverständliches. Das alles müssen wir uns erkämpfen, und dazu gehört auch der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus«, so Kutschaty.

Nichts sei wertvoller als der Frieden in Europa, noch vor wenigen Jahren habe er sich nicht vorstellen können, dass es wieder Anschläge auf jüdische Mitbürger in Deutschland geben könnte, dass Flüchtlinge verfolgt und Politiker ermordet würden und dass Parteien Zuspruch erhielten, die den Zweiten Weltkrieg als »Fliegenschiss« bezeichneten, erinnert der Redner an Geschehnisse der vergangenen Monate.

»Erinnern ist kein Thema von gestern«

Auch Landtagspräsident André Kuper betont in seiner Begrüßung: »Erinnern ist kein Thema von gestern. Eine Gedenkstunde ist nicht rückwärts gewandt, das alles hat mit uns zu tun.« Es sei bedrückend zu sehen, wie fragil Europa geworden sei: »Hier werden Eigeninteressen nach vorne gerückt, hier wird Freiheit beschnitten. Der Friede wurde teuer erkauft und Europa macht uns allen ein großartiges Angebot. Lasst uns das leben«, ruft der frühere Rietberger Bürgermeister auf.

Beeindruckt zeigen sich die Teilnehmer der Gedenkstunde, darunter auch NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach, die Landtagsabgeordneten Bernhard Hoppe-Biermeyer, Daniel Sieveke und Marc Lürbke, Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl und Landrat Manfred Müller, von den Hövelhofer Programmbeiträgen. Das Blasorchester sorgt mit sorgsam ausgewählten Stücken wie »Hymn To The Fallen« aus dem Film »Der Soldat James Ryan« und mit der abschließenden Europahymne ebenso für Gänsehaut wie der Chor »à la carte« auf der Empore. Die »Siene Puttkers« um Bürgermeister Michael Berens haben auf Plattdeutsch das passende Lied zum Gedenktag verfasst: »Niemohls weyer – niemals wieder« singen die vier Musiker in der Kirche.

Schüler und Jungschützen gestalten Programm mit

Besonders hervorzuheben ist aber die junge Generation: Die Schüler der Krollbachschule berichten von ihrem Besuch an Kriegsgräbern in Flandern: »Plötzlich lasen wir die Grabinschrift, gerade eimal 17 Jahre war der junge Soldat, als er starb, kaum älter als wir. Das macht sprachlos, betroffen, fassungslos. Diese Exkursion hat uns verändert und tiefe Eindrücke hinterlassen.« Ähnliches schildern auch die Schüler der Franz-Stock-Realschule, die sich mit sowjetischen Kriegsgefangenen beschäftigt hatten, die in Hövelhof am Bahnhof ankamen und zu Fuß ins Lager nach Stukenbrock laufen mussten: »Den Weg kann man heute noch nachempfinden, er führt am Schützen- und Bürgerhaus entlang.« Auch die Jungschützen beteiligen sich an der Gedenkfeier und erinnern an einen Hövelhofer Jungen, der erst 1949 erfuhr, dass sein Vater nicht mehr aus dem Krieg heimkehren wird.

Nach der Gedenkstunde legen Vertreter verschiedener Institutionen unter den Trompetenklängen zum Lied »Ich hatt einen Kameraden« Kränze am Ehrenmal im Schlossgarten nieder.

 

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