Sechs Corona-Fälle in Hövelhof: Altenheim-Leiterin Monika Stricker im Interview
„Niemand hat sich fahrlässig verhalten“

Hövelhof (WB). Im Hövelhofer Haus Bredemeier sind fünf Mitarbeiter und eine Bewohnerin positiv auf das Coronavirus getestet worden. Acht weitere Bewohner des Caritas-Altenzentrums klagen einer Mitteilung des Krisenstabs zufolge über Erkältungssymptome. WV-Redakteurin Meike Oblau hat mit Einrichtungsleiterin Monika Stricker gesprochen.

Montag, 30.03.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 30.03.2020, 05:00 Uhr
Ein Krankenwagen steht am Samstag vor dem Caritas-Altenzentrum. Foto: Meike Oblau
Ein Krankenwagen steht am Samstag vor dem Caritas-Altenzentrum. Foto: Meike Oblau

Welche Personen aus Ihrer Einrichtung sind betroffen?

Monika Stricker: Am Donnerstagabend haben wir die Information bekommen, dass fünf Mitarbeiterinnen positiv getestet wurden, vier aus dem Bereich Pflege und eine Mitarbeiterin des sozialen Dienstes. Darüber hinaus wurde eine Bewohnerin des Demenzpflegebereichs „Zur Senne“ positiv getestet, zwei weitere Bewohnerinnen zeigen ebenfalls Symptome eines Infektes und haben erhöhte Temperatur. Sie werden ebenfalls getestet, das Ergebnis liegt aber noch nicht vor.

Wie geht es den Erkrankten?

Stricker: Die Mitarbeiterinnen haben keinen ernsthaften Krankheitsverlauf. Alle sind in guter Verfassung, sind natürlich umgehend vom Dienst freigestellt und in Quarantäne geschickt worden. Einige hatten schon etliche Tage vor dem positiven Test keinen Dienst mehr gehabt. Die positiv getestete Bewohnerin zeigt ebenfalls Symptome einer Erkältung und fiebert leicht, ebenso wie die zwei Bewohnerinnen, deren Testergebnisse noch ausstehen. Alle drei leben im Wohnbereich „Zur Senne“. Sie fühlen sich schlapp, aber aktuell haben wir keinen Grund, uns zu sorgen. In dem betroffenen Wohnbereich wurden bereits Maßnahmen zur Isolation eingeleitet, damit die Bewohner keinen Kontakt unterein­ander haben. Einige der anderen Bewohner haben nur ganz leichte Erkältungssymptome.

Wie reagieren Sie auf die bekannt gewordenen Fälle?

Stricker: Alle Formen von Gemeinschaftsveranstaltungen und die gemeinsamen Mahlzeiten sind gecancelt. Alle Bewohner werden nun in ihren Zimmern essen. Im Wohnbereich für Menschen mit Demenz werden die Gruppenräume nicht mehr wie gewohnt genutzt. Bei demenzkranken Bewohnern ist es schwieriger, sie davon zu überzeugen, auf ihren Zimmern zu bleiben. Menschen mit einer Demenzerkrankung haben oft einen sehr ausgeprägten Bewegungsdrang und suchen die Nähe zu anderen. Unsere Mitarbeiter werden wir in den kommenden Tagen alle testen lassen, ebenso wie Bewohner, die Symptome zeigen. Wir sind Dr. Georg Schneider sehr dankbar für seine Unterstützung.

Die Fälle der Altenheime in Würzburg und Wolfsburg, wo sehr viele Tote zu beklagen sind, gehen gerade durch die Medien. Wie wollen Sie es schaffen, in Hövelhof keine Panik aufkommen zu lassen?

Stricker: Wir werden keine Information unter den Tisch fallen lassen. Wir wollen nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ umsichtig und vorsichtig, aber nicht panisch agieren. Die Angehörigen unserer Bewohner informiere ich schon seit knapp drei Wochen regelmäßig über einen Newsletter, unsere Wohnbereiche sind natürlich für die Angehörigen auch jederzeit telefonisch erreichbar. Unsere Devise ist: nach vorne schauen, die Schutzmaßnahmen erhöhen und alles Menschenmögliche tun, gut durch die Krise zu kommen.

Monika Stricker

Monika Stricker

Wir haben jetzt zusätzlich eine große Anzahl spezieller Atemmasken erhalten, wie sie auch im Intensivbereich verwendet werden und die anderswo in Deutschland oft fehlen. Darüber sind wir sehr froh. Diese Masken werden ab sofort bei jedem Bewohner-Kontakt verwendet. Zudem werden alle Mitarbeiter auf Corona getestet: in der Pflege, in der Betreuung, in der Hauswirtschaft und in der ambulanten Pflege. Mitarbeiter, die infiziert sein könnten, bleiben konsequent zu Hause. Senioren mit Symptomen werden wir isolieren und Tests einfordern.

Gibt es eine Vermutung, wie oder wo sich die Infizierten angesteckt haben könnten?

Stricker: Unsere Sicherheitsmaßnahmen waren gut, aber wir konnten das Virus nicht draußen halten. Oder es war zuvor schon durch Dritte in die Einrichtung gekommen, bevor wir diese geschlossen haben. Das ist, was wir vermuten. Das sind aber nur Spekulationen. Die bringen nichts, genauso wenig wie Schuldzuweisungen. Es ist mir wichtig, zu sagen, dass sich hier niemand grob fahrlässig verhalten hat und dass auch keine Pflegefehler oder Hy­gienemängel vorliegen. Wir stehen in engem Kontakt mit dem Kreisgesundheitsamt und der WTG-Behörde (Heimaufsicht), die unsere Vorgehensweise als vorbildlich loben und uns in unseren Entscheidungen bestärken.

Droht aus Ihrer Sicht im Haus Bredemeier ein personeller Engpass für den Fall, dass weitere Mitarbeiter positiv getestet werden?

Stricker: Aktuell sind wir personell gut aufgestellt, zumal auch Mitarbeiter der derzeit geschlossenen Tagespflege helfen. Auch die Eröffnung unserer neuen Wohngemeinschaft werden wir wohl verschieben müssen, hatten dafür aber ebenfalls schon Personal eingestellt, das mitarbeiten kann. Es hilft jetzt auch kein Blick in die Glaskugel. Wir müssen jeden Tag wieder individuell sehen, was sich ergibt und welche Entscheidungen notwendig sind.

So hilft die Gemeinde

Der Hövelhofer Krisenstab hat sich ausführlich mit der verschärften Lage befasst. An der Sitzung nahmen auch Monika Stricker und der Hövelhofer Arzt Dr. Georg Schneider teil. Um möglichst schnell belastbare Ergebnisse für die im Altenheim getesteten Personen vorliegen zu haben, brachte Dr. Schneider, der auch die Abstriche vornimmt, die Teströhrchen selbst ins Labor nach Bielefeld. Das Altenzentrum verfügt über ausreichend Schutzkleidung. Auch die Gemeinde hatte bereits rechtzeitig Vorsorge getroffen und eigene Vorräte an Schutzbekleidung und hochwertigen medizinischen Schutzmasken angelegt. Aus diesem Bestand wurde das Altenzentrum zusätzlich versorgt.

Dr. Schneider empfiehlt, dass alle Pflegekräfte, die direkten Kontakt zu Patienten haben, Schutzkleidung und professionelle Masken tragen sollten. Auch der ambulante Pflegedienst wird diese Masken tragen. Im Altenzentrum wurden zudem in der vergangenen Woche einfache Masken genäht. Den Stoff hatten Hövelhofer Unternehmen gespendet. Diese Masken werden auch an die Heimbewohner ausgegeben.

 

Kommentare

Hermann  schrieb: 30.03.2020 14:11
Vermutlich hat sich niemand fahrlässig verhalten, das glaube ich. Ein solch infektiöses Virus lässt sich nicht mit einfachen Maßnahmen aussperren. Interessant war dazu ein Experiment in der WDR-Sendung "Quarks" vor einigen Wochen. Alle in einem Raum befindlichen Menschen, auch jene, die nur mittelbaren oder vermeintlich gar keinen Kontakt zum Infizierten (einer) hatten, waren nach einer Stunde infiziert.

Dramatisch ist die Lage derzeit in Pflegeheimen in Wolfsburg und Würzburg.
Ich frage mich, ob die Erkrankten dort tatsächlich nur noch im Heim palliativ versorgt werden und sterben (wie im TV berichtet), also gar nicht mehr zur intensivmedizinischen Intervention in die Klinik eingewiesen werden..? Wobei das Klinikum Woflsburg ja ohnehin bereits aufgrund erkrankter MitarbeiterInnen gesperrt ist.
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