Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner: Wir können auf ausländische Saisonarbeiter nicht verzichten – mit Kommentar
Landwirte: Preise für Lebensmittel können steigen

Münster/Hövelhof (WB). Es ist nicht nur der Spargel: Die Bauernverbände, die Landwirtschaftskammer NRW und auch Politiker warnen vor Problemen bei der Produktion und der Ernte zahlreicher landwirtschaftlicher Produkte. Als Folge könnten Preise für Obst und Gemüse steigen. Engpässe in der Versorgung drohen aber nicht.

Donnerstag, 02.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 02.04.2020, 13:06 Uhr
Die Zahl der Erntehelfer in der deutschen Landwirtschaft steigt vor allem im zweiten Quartal eines Jahres deutlich an. Etwa die Hälfte kommt aus dem Ausland, insbesondere aus Polen, Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern. Foto: dpa
Die Zahl der Erntehelfer in der deutschen Landwirtschaft steigt vor allem im zweiten Quartal eines Jahres deutlich an. Etwa die Hälfte kommt aus dem Ausland, insbesondere aus Polen, Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern. Foto: dpa

„Viele Arbeitsprozesse auf den Höfen und in den landwirtschaftlichen Betrieben sind schwierig und hochkomplex“, sagt Bernhard Rüb, Sprecher der Landwirtschaftskammer NRW, unserer Zeitung. Dies gelte zum Beispiel für das maschinelle Einsetzen der Saat oder von Salatköpfen.

Außer Spargel auch Erdbeeren, Himbeeren, Gemüse- und Weinanbau

Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, ist besorgt, dass sich die Grenzsperrung für ausländische Saisonarbeitskräfte deutlich länger als bis Ostern und eventuell sogar bis in den Sommerhinziehen werde. Dann würden weitere Sonderkulturen von Erdbeeren und Himbeeren über den Gemüse- bis zum Weinanbau in Mitleidenschaft gezogen. Die alternativ vorgeschlagene Beschäftigung von Menschen, die in ihrem normalen Job von Kurzarbeit betroffen sind, werde den Bedarf nichtausgleichen: „Viele werden schon aus körperlichen Gründen nicht in der Lage sein, den Job lange auszuüben.“

In den Obst- und Gemüseanbaugebieten Südeuropas fehlen schon jetzt Tausende Arbeitskräfte. Dies wird nach Ansicht von Bauernpräsident Joachim Rukwied zu Preissteigerungen führen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner möchte auch deshalb, dass ausländische Saisonarbeiter nach Deutschland kommen. „Wir werden auf Saisonarbeiter nicht verzichten können“, sagte sie.

Das Einreiseverbot für Saisonarbeiter ist eine Anordnung des Bundesinnenministeriums. Es sorgt auch innerhalb der Union für Zoff. Vergangene Woche wandten sich CDU-Agrarpolitiker aus den 15 Bundesländern außer Bayern in einem Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU). Darin heißt es, die Einreisebeschränkungen seien „kontraproduktiv“. In einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) legten Unionspolitiker am Mittwoch nach. Die deutschen Landwirte müssten in den nächsten Tagen entscheiden, welche Obst- und Gemüsesorten noch angebaut und geerntet werden könnten, daher sei keine Zeit zu verlieren

Appell an die Kundschaft: Ostereinkäufe vorziehen

Angesichts der Situation im Lebensmitteleinzelhandel appellierte der Handelskonzern Rewe an Kunden, den anstehenden Ostereinkauf zumindest teilweise vorzuziehen. „So können der Gründonnerstag und der Karsamstag, an denen wir mit mehr als zehn Millionen Kunden üblicherweise eine besonders hohe Nachfrage erleben, entlastet werden“, sagt Rewe-Chef Lionel Souque.

Ein Kommentar von Frank Polke

Die Abwägung zwischen Infektionsschutz und dem zumindest wieder teilweise Hochfahren der Produktion und dem Handel mit den daraus zu verkaufenden Waren erfasst fast alle Bereiche unseres (Wirtschafts-)Lebens. Bauernverbände und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner machen sich für einen Zuzug ausländischer Erntehelfer stark.

Natürlich geht ohne die Hilfskräfte vor allem aus Osteuropa auf den Feldern nicht viel. Und natürlich erfordert das Einarbeiten deutscher „Erntehelfer“ Zeit und persönlichen Aufwand, den viele heimische Anbieter gerade in der Hochzeit der aktuellen Ernte nicht leisten können. Auf der anderen Seite der Abwägung steht aber auch die Einsicht, dass in Zeiten geschlossener Restaurants auch der Absatz zum Beispiel von Spargel deutlich sinken wird.

Gerade für kleinere heimische Höfe in Westfalen, die dringend auf die Verkaufssaison angewiesen sind, ein trauriger Tatbestand. Diese Monate kommen nicht wieder, diese Kunden fehlen. Ein weiteres Höfesterben bedeutet auch einen Verlust heimischer Identität und Kultur. Dies ist keine Luxus-Debatte aus dem Schlemmer-Atlas. Es zeigt sich, welch großen Schaden der Lockdown in fast allen Bereichen unseres Lebens anrichtet.

 

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