Gewerkschaft und Bauernverband kritisieren Lebensmittelhandel
Fleisch zu Dumpingpreisen

Bielefeld/Hövelhof (WB). Die Häufung von Infektionen mit dem Coronavirus unter Mitarbeitern in Schlachthöfen hat die Diskussion um die Fleischwirtschaft in Deutschland neu angefacht. SPD und Grüne bringen das Thema in den Land- bzw. Bundestag. Den einen geht es vor allem um die Arbeits- und Wohnbedingungen der Beschäftigten, den anderen vor allem um Massentierhaltung und -schlachtung. Am weitesten gehen die Aktivisten von Peta, die auch Biofleisch ablehnen. Schließlich werde das meiste in den gleichen Betrieben geschlachtet wie herkömmliches Fleisch. Ihre Sprecherin Lisa Kainz fordert die Verbraucher in der linken „Tageszeitung“ (taz) auf, gar kein Fleisch mehr zu kaufen.

Mittwoch, 13.05.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 13.05.2020, 05:02 Uhr
Der Wettbewerb im Lebensmittelhandel um den niedrigsten Fleischpreis kommt sowohl bei den Landwirten als auch in der Gewerkschaft nicht gut an. Die Fleischwirtschaft ist in OWL sehr stark. Gut jeder zweite Beschäftigte in NRW arbeitet in der Region. Foto: dpa
Der Wettbewerb im Lebensmittelhandel um den niedrigsten Fleischpreis kommt sowohl bei den Landwirten als auch in der Gewerkschaft nicht gut an. Die Fleischwirtschaft ist in OWL sehr stark. Gut jeder zweite Beschäftigte in NRW arbeitet in der Region. Foto: dpa

Hubertus Beringmeier, Präsident des Bauernverbandes Westfalen-Lippe, sieht dagegen zunächst die Schlachtbetriebe am Zug. Sie sollten ihre „Hausaufgaben machen“, Hygiene garantieren und für angemessene Unterkünfte sorgen. Grundsätzlich sei die

Hubertus Beringmeier

Hubertus Beringmeier Foto: Hertlein

Landwirtschaft nicht erst jetzt zu Gespräche über weitergehende Haltungsvorschriften bereit. Allerdings gehe das nur, wenn die Bauern für die höheren Kosten entschädigt würden. Beringmeier kritisiert den Lebensmitteleinzelhandel, der die Marktsituation derzeit ausnutze und die Preise massiv drücke. Seit Beginn seien sie um 20 Prozent gesunken – beim Schwein beispielsweise von 2,03 auf 1,60 Euro je Kilogramm.

Genauso sei es bei den Rindfleisch-Erzeugern, die in der Krise besonders unter dem Shutdown für die Gastronomie gelitten hätten. Etwa 80 Prozent des Kalbfleisches aus deutscher Erzeugung werde in Restaurants verkauft. Auch bei Rindersteaks sei der Anteil der Gastronomie sehr hoch.

Auch Gewerkschafter kritisieren billiges Fleisch

Unterstützung erhält Beringmeier von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Während die Kosten für Aufzucht und Verarbeitung in der Krise stiegen, gingen die Fleischpreise der Supermärkte in den Keller. Gaby Böhm, NGG-Geschäftsführerin in Bielefeld-Herford, zieht eine direkte Linie zu den Corona-Infektionen bei Westfleisch in Coesfeld. „Der Gesundheitsschutz der Beschäftigen ist bei Ramsch-Angeboten offenbar nicht eingepreist“, erklärte sie am Dienstag. Um die Zustände dauerhaft zu verbessern, müssten aus Werkverträgen reguläre Jobs werden.

In Nordrhein-Westfalen gibt es Beringmeier zufolge 35 Schlachtbetriebe. Die Konzentration verläuft seit Jahren ungebrochen. Dass Westfleisch (Münster) sein Paderborner Werk nach einem Großbrand nicht wieder aufgebaut habe, schmerze die Landwirte in der Region bis heute, sagt Beringmeier, der in Hövelhof im Kreis Paderborn selbst einen Schweinemastbetrieb führt. Der Konzentrationsprozess setzt sich auch in der Fleischverarbeitung fort. Zuletzt sind Reinert (Versmold) und Kemper (Nortrup) zur neuen Nummer 2 fusioniert.

Laut NGG beschäftigt die Fleischwirtschaft in OWL mit 15.800 Menschen mehr als die Hälfte der 30.000 in NRW. Allein Tönnies kommt in Rheda-Wiedenbrück auf 6500. Insgesamt zählt der Fleischkonzern 16.500.

55 Millionen Schweine, 3,4 Millionen Rinder, 620 Millionen Masthühner

Die Zahl der Schlachtungen ist in Deutschland stabil – mit Tendenz zu einem leichten Rückgang. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2019 insgesamt 55,1 (Vorjahr: 56,8) Millionen Schweine geschlachtet. Bei Rindern waren es 3,43 (3,46) Millionen. Bei Kälbern gab es sogar einen leichten Anstieg von 322.000 auf 322.200. Schafe landeten 1,11 (1,15) Millionen auf der Schlachtbank.

Bei Geflügel nennen die Statistiker nur das Gewicht: 6,4 nach 6,5 Millionen Tonnen in 2018. Dem entsprechen nach Zahlen des Albert-Schweizer-Instituts 620,5 Millionen Masthühner, 34,2 Millionen Puten, 32,1 Millionen Legehennen und 15,9 Millionen Enten.

Bei Rindern und Hühnern ist das durchschnittliche Schlachtgewicht gestiegen.

 

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