Grüne und FDP kritisieren “gedankenlosen Alleingang” beim Aufstellen der Skulptur
”Kantiger Hermann” sorgt für Streit

Hövelhof (WB). Die Nachbildung des Hermannsdenkmals, die vor wenigen Tagen an der Raiffeisenstraße aufgestellt wurde, hat zu einer scharfen Debatte im Hövelhofer Haupt- und Finanzausschuss geführt. Bürgermeister Michael Berens (CDU) musste sich Vorwürfe gefallen lassen, dass er zum einen den Rat nicht vorab über die Skulptur informiert und zum anderen die geschichtlichen Hintergründe des Denkmals nicht hinreichend berücksichtigt habe.

Montag, 18.05.2020, 07:35 Uhr aktualisiert: 18.05.2020, 08:54 Uhr
An der Raiffeisenstraße/Ecke Sennestraße in Hövelhof wurde die Nachbildung des Hermannsdenkmals aufgestellt. Foto: Meike Oblau
An der Raiffeisenstraße/Ecke Sennestraße in Hövelhof wurde die Nachbildung des Hermannsdenkmals aufgestellt. Foto: Meike Oblau

Wie berichtet ist die „kantige“ Version des Hermanns in einer Zusammenarbeit der Hövelhofer Firmen Elha und LST sowie des Ausbildungsnetzwerkes BANG entstanden und wurde der Gemeinde Hövelhof kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Verwaltung ließ daraufhin eine kommunale Grünfläche an der Ecke Sennestraße/Raiffeisenstraße herrichten und stellte den Hermann dort auf. Die Figur markiert die Schnittstelle von Europaradweg R1 und dem Emsradweg.

“Im Vorfeld nicht diskutiert”

Am Ende der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses meldete sich Ratsherr Jörg Schlüter (Bündnis 90/Die Grünen) zu Wort. „Wir haben hier die Nachbildung eines Denkmals aufgestellt, das historisch für die europäische Spaltung steht. Das passt nicht zu Hövelhof. Offenbar wurde das im Vorfeld nicht diskutiert“, sagte Schlüter und zitierte mehrere öffentliche Quellen.

Demnach sei der Bau des Hermannsdenkmals bei Detmold nach der Niederlage gegen Napoleon Bonaparte im Kontext der „deutsch-französische Erbfeindschaft“ im 19. Jahrhundert erfolgt. Der Schwertarm des Originals sei im Ortsteil Hiddesen in Richtung Westen gestreckt. Dies werde je nach Standpunkt als ein offensives oder defensives Mahnen in Richtung Frankreich interpretiert.

„In Hövelhof weist das Schwert ausgerechnet in Richtung des nahegelegenen Park Verrières, der nach unserer französischen Partnerstadt benannt ist“, sagte Schlüter. Zudem sei die Geschichte Hövelhofs eng mit Napoleon und vor allem mit dessen Bruder Jerome Bonaparte verbunden, der Hövelhof 1807 in die Selbstständigkeit entließ. Ihm zu Ehren hatte die Sennegemeinde 2007 das 200-jährige Bestehen mit einem verkleideten Jerome-Bonaparte-Darsteller und der Enthüllung eines Jerome-Brunnens gefeiert und war zudem feierlich dem Bund der Napoleonstädte beigetreten.

„Ich frage mich, ob man all diese Hintergründe auf dem Schirm hatte, als man ohne jeglichen politischen Beschluss eine Hermann-Statue in Hövelhof aufgestellt hat. Es war zumindest gedankenlos und darüber hätte man sich zwingend in einer Sitzung austauschen müssen“, sagte Schlüter. Er sei sogar geneigt, eine Sondersitzung des Kulturausschusses zu diesem Thema zu fordern.

CDU-Fraktionsvorsitzender Udo Neisens sprach von „einem überraschenden Einwurf, den wir hiermit zur Kenntnis nehmen. Wir sollten das Thema nicht zu hoch hängen.“ Er erinnerte zudem an einen Besuch des grünen Spitzenpolitikers Robert Habeck am Hermannsdenkmal in Hiddesen.

Berens: “Absurder Vorwurf”

Bürgermeister Michael Berens (CDU) sagte, er widerspreche den Vorwürfen: „Das ist absurd, das ist eine Frechheit. Diese Art von herbeikonstruierten Angriffen habe ich in all meinen Jahren als Bürgermeister noch nicht erlebt. Ich bin sehr enttäuscht über diese Äußerungen. Natürlich hebt der Hövelhofer Hermann nicht bewusst sein Schwert Richtung Park Verrières!“

Er habe auch nicht behauptet, das dies bewusst so geschehen sei, entgegnete Schlüter, er habe auf den historischen Kontext verwiesen, weil sich damit offenbar niemand befasst habe, bevor die Figur an der Raiffeisenstraße aufgestellt worden sei: „Ich will hier niemanden in eine bestimmte Ecke stellen. Ich habe nicht gesagt, dass der Hermann so aufgestellt wurde, damit er in Richtung Park Verrières zeigt, sondern, dass er aufgestellt wurde, ohne sich über diesen Kontext Gedanken zu machen. So was muss man doch ansprechen dürfen. Das hätte im Vorfeld diskutiert werden müssen.“

Auch FDP-Fraktionsvorsitzender André Klocksin hatte bereits kurz nach der Einweihung des „kantigen Hermanns“ eine Anfrage an die Gemeindeverwaltung gerichtet und kritisiert, dass sich kein politisches Gremium mit der Skulptur oder deren Standort befasst habe: „Ich hätte es gut gefunden, wenn wir das diskutiert hätten und bin gespannt auf die Begründung, warum diese Skulptur ein Geschäft der laufenden Verwaltung sein soll und ohne Info an den Rat oder gar einen Beschluss einfach aufgestellt wurde. Wenn eine Statue auf einem gemeindeeigenen Grundstück präsentiert wird, erwarte ich, dass der Rat das vorher bespricht.“

“Aufgeheizte Gemüter”

Als Letzter schaltete sich SPD-Fraktionsvorsitzender Mario Schäfer, der auch Vorsitzender des Hövelhofer Kulturausschusses ist, in die Diskussion ein: „Ich sehe hier aufgeheizte Gemüter. Bevor zum Beispiel die Geha-Lok oder die Bronzeschafe am Henkenplatz aufgestellt wurden, hat der Rat sich damit befasst. Ich schlage vor, dass wir in der nächsten Sitzung des Ausschusses für Familie, Sport und Kultur noch einmal über den Hermann reden, wenn sich alle wieder ein bisschen beruhigt haben. Ich persönlich finde den Hövelhofer Hermann optisch zwar hässlich, aber er ist ein Symbol unserer Region.“

Kommentar

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Der Wunsch, über öffentliche Projekte vorab im Rat zu sprechen, ist aber unstrittig. Politiker sind nämlich gewählt, um als Volksvertreter mitzuentscheiden.

Nachdem Jörg Schlüter seinen Redebeitrag beendet hatte, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Offenbar hatte sich wirklich niemand mit der Historie des Hermannsdenkmals befasst. Man mag es als Haarspalterei abtun, hier Zusammenhänge zur Hövelhofer Geschichte zu sehen, aber es wäre hilfreich gewesen, wenn dieser Denkanstoß vor dem Aufstellen der Skulptur diskutiert worden wäre.

Wenn man aber den Ratsvertretern wiederholt (man denke an die Feuerwehr-Kooperation oder die Arminia-Patenschaft) Informationen vorenthält, darf man sich über Diskussionen nicht wundern. Den Grünen vorzuwerfen, jemanden in die rechte Ecke stellen zu wollen, greift zu kurz: Es ging darum, auf Gedanken- oder Sorglosigkeit, auf einen Alleingang in der Planung aufmerksam zu machen, auch wenn das alles möglicherweise einfach einem gewissen Enthusiasmus für ein neues Projekt geschuldet ist. Man kann der Verwaltung zu Gute halten, dass sie Gutes wollte, und die Azubis, die den Hermann gebaut haben, sind mit Sicherheit stolz, dass er öffentlich präsentiert wird. Eine tiefergehende Diskussion hätte aber Missverständnissen vorbeugen und unter Berücksichtigung verschiedener Meinungen einen breiteren Konsens erzielen können.

70 Augen von 35 Ratsmitgliedern hätten mehr sehen können als drei, vier in dieses Projekt involvierte Personen. Gut gemeint ist eben nicht immer gleichbedeutend mit gut gemacht. Meike Oblau

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