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Mi., 26.10.2016

Kloster Dalheim rückt das Luther-Bild der letzten 100 Jahre in den Blick Ein Reformator für alle Zwecke

Die Wissenschaftliche Projektleiterin Stefanie Wittenborg (links) begutachtet im Museum des Klosters Dalheim eine Luther-Figur für die Schau »Luther 1917 bis heute«.

Die Wissenschaftliche Projektleiterin Stefanie Wittenborg (links) begutachtet im Museum des Klosters Dalheim eine Luther-Figur für die Schau »Luther 1917 bis heute«. Foto: dpa

Von Manfred Stienecke

Lichtenau (WB). An Luther-Ausstellungen zum Reformationsgedenkjahr herrscht kein Mangel. Um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, muss man sich als Ausrichter schon etwas Besonderes einfallen lassen – wie in Dalheim.

Die Schau »Luther 1917 bis heute« in der ehemaligen Klosteranlage Dalheim bei Lichtenau (Kreis Paderborn) geht der Frage nach, wie der Reformator Martin Luther in den letzten 100 Jahren in Deutschland wahrgenommen wurde.

Mit mehr als 300 Exponaten beleuchtet die Sonderausstellung, die am 31. Oktober, am Reformationstag, eröffnet wird, das Bild des Mannes, der durch seinen Thesenanschlag an die Wittenberger Schlosskirche 1517 die Christenheit spaltete.

Ein Vorbild an Mut und Entschlossenheit

Museumsleiter Ingo Grabowsky mit der übergroßen Version der Playmobil-Version des Reformators. Foto: Manfred Stienecke

Wer sich mit Rom anlegt, taugt im Zweifelsfall immer zum Vorbild an Mut und Entschlossenheit. Dass sich jede Gesellschaft ihren Reformator so zurecht biegt, wie er ihr am besten passt, mag da kaum verwundern.

In der Kaiserzeit kommt das 400-jährige Jubiläum des Thesenanschlags dem preußischen Protestantismus gerade recht, um im Ersten Weltkrieg die Soldaten in den Schützengräben und ihre Familien an der »Heimatfront« zum Durchhalten zu bewegen.

Eine Propaganda-Figur für den Nationalsozialismus

Der Nationalsozialismus nutzt den Reformator geschickt für seine perfiden Zwecke. Die aus heutiger Sicht unsäglichen Judenbeschimpfungen des einstigen Augustinermönchs werden als Rechtfertigung für die völkische Rassenpolitik missbraucht.

Dass Luther die Juden am liebsten »wie die tollen Hunde« aus dem Land gejagt haben will, kommentiert der Theologe Karl Jaspers nach dem Krieg mit den Worten: »Was Hitler getan hat, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.«

Während man nach dem Ende der NS-Zeit in der Bundesrepublik auch einer »Mitschuld« Luthers an den Verbrechen der Nazis nachgeht, wandelt sich in der DDR das Bild des Reformators vom »Fürstenknecht« und Verräter der Bauern allmählich zum Vorkämpfer der Revolution.

Schöpfer der deutschen Sprache, Vater der Volksbildung

In der bundesdeutschen Gegenwart schließlich scheinen frühere ideologische Befindlichkeiten besänftigt zu sein. Luther tritt nun als Verkörperung gesellschaftlicher Tugenden auf: als Schöpfer der deutschen Sprache, als Vater der Volksbildung und als Mann der Freiheit und Zivilcourage.

Auch die Moderne neigt aber zu zeittypischen Wahrnehmungen. Aus dem mit sich und dem richtigen Glauben ringenden Geistmenschen wird nicht selten der Popstar in Hollywoods Filmwelt, der Bildenden Kunst und auf Musicalbühnen.

Sonder-Ausstellung läuft bis zum 12. November 2017

Neben zahlreichen Luther-Devotionalien der letzten 100 Jahre haben die Kuratoren der Schau in Dalheim aber auch einige Exponate aus der Zeit der Reformation gewinnen können. So wird – zumindest für die erste Hälfte der Ausstellung – eine Originaltruhe des Ablasshändlers Johann Tetzel zu sehen sein, in der die gegen vergebene Sünden gesammelten Geldbeträge aufbewahrt wurden.

Wer im Klostermuseum einen Euro in den Kistenschlitz wirft, bekommt einen virtuellen Heiligenschein aufgesetzt . . .

Zu sehen sind auch das bekannte Luther-Konterfei von Lucas Cranach, ein Abguss seiner Totenmaske, Originaldrucke des Reformators sowie eine heute im Kloster Ottobeuren aufbewahrte Kasel (liturgisches Gewand), die Luther getragen haben soll.

Zur Sonderausstellung, die bis zum 12. November 2017 zu sehen ist, ist ein fast 450-seitiger Katalog erschienen, der zum Preis von 34,90 Euro auch im Buchhandel erhältlich ist.

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