Mi., 15.05.2019

Ausstellung im Kloster Dalheim widmet sich den Verschwörungstheorien seit dem Mittelalter – mit Video Hirngespinste mit dramatischen Folgen

Teufelsglaube und Dolchstoßlegende (links): Die Ausstellung spannt bei den Verschwörungstheorien einen weiten Bogen.

Teufelsglaube und Dolchstoßlegende (links): Die Ausstellung spannt bei den Verschwörungstheorien einen weiten Bogen. Foto: Jörn Hannemann

Von Dietmar Kemper

Lichtenau (WB). Verschwörungstheoretiker könnten die Ausstellung im Kloster Dalheim als Verschwörung gegen sie empfinden. Vom kommenden Samstag bis zum 22. März 2020 werden dort gefährliche und absurde Hirngespinste aus 900 Jahren geschildert und entlarvt.

Die Schau solle das Gegengift zum »süßen, aber gefährlichen Gift« der Verschwörungstheorien liefern, sagte der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Matthias Löb, gestern bei der Vorstellung der Schau im Landesmuseum für Klosterkultur. »Verschwörungstheorien – früher und heute« versammelt auf 1200 Quadratmetern rund 250 Exponate. Sie decken die Zeitspanne vom Mittelalter bis zur Gegenwart ab. Zu den herausragenden Schaustücken gehören die rund 900 Jahre alte Gründungsurkunde des legendären Templer-Ordens, der im 14. Jahrhundert wegen seines Reichtums den Neid des französischen Königs Philipp IV. erregte. Er warf dem Orden vor, mit dem Teufel im Bunde zu sein, ließ 2000 Mitglieder verhaften, enteignen und hinrichten und verschaffte sich so den Besitz der Templer.

In Dalheim wird zum ersten Mal das Arbeitsexemplar des Herausgebers der »Protokolle der Weisen von Zion«, Sergej Nilus, samt handschriftlicher Anmerkungen gezeigt. Die Blicke auf sich ziehen wird zudem ein Aufzugmotor aus einem der bei dem Anschlag auf das World Trade Center in New York im September 2011 zerstörten Türme. Seltenheitswert hat auch der Orden der Illuminaten, der mit den Freimaurern für die Französische Revolution verantwortlich gemacht wurde. Angeblich gibt es nur noch drei solcher Orden.

Die Bandbreite der auf sechs Abteilungen verteilten Themen reicht vom Teufelsglauben im Mittelalter über die Dolchstoßlegende der Rechtskonservativen und Nazis, um die Weimarer Demokratie zu schwächen, bis zur Bielefeld-Verschwörung – also von brandgefährlich bis total absurd. Während die Hexenverfolgung tausende Frauen das Leben kostete und die Dolchstoßlegende Hitlers menschenverachtender Diktatur den Boden bereitete, fügt die Behauptung, Bielefeld gebe es gar nicht, niemandem Schaden zu, sondern sorgt auf Partys lediglich für Lacher.

Durch Kondensstreifen am Himmel Bevölkerung vergiften

Absurd ist auch der Vorwurf, die USA und auch die Bundesrepublik wollten durch Chemtrails, also Kondensstreifen am Himmel, die Bevölkerung vergiften, damit die Population angesichts von mehr als sieben Milliarden Erdenbürgern abnehme. Eine so lachhafte Verschwörungstheorie könne dann gefährlich werden, »wenn im Internet dazu aufgerufen wird, Piloten mit dem Laserpointer abzuschießen«, sagte der Direktor des Museums, Ingo Gra­bowsky. Kritisch werde es auch dann, wenn Ärzte vom Impfen abgehalten oder die demokratischen Grundlagen des Staates infrage gestellt werden. LWL-Direktor Löb verwies auf die »Reichsbürger«, die das Machtmonopol des Staates nicht anerkennen.

Kartoffelkäfer aus Flugzeugen soll Ernte vernichten

Das folgenreichste Hirngespinst, die angebliche »jüdische Weltverschwörung«, wird in der Schau ausgiebig geschildert. Sie leistete dem Antisemitismus mit am Ende sechs Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg Vorschub. Noch heute kursieren Exemplare der »Protokolle der Weisen von Zion« in den Händen von PLO-Kämpfern. Im Kalten Krieg behauptete die DDR-Regierung, der kapitalistische Westen habe 1950 aus Flugzeugen Kartoffelkäfer abgeworfen. Der »Ami-Käfer« sollte demnach die Ernte vernichten. Der zerstörte Aufzugmotor aus dem World Trade Center erinnert an das bislang einschneidendste Ereignis des 21. Jahrhunderts, den islamistischen Anschlag in New York am 11. September 2001. Auch um ihn ranken sich Verschwörungstheorien, die die Drahtzieher in Washington selbst verorten. Ingo Grabowsky betonte: »Verschwörungstheorien hinterfragen, geben alternative Erklärungen und machen neugierig, weil sie vorgeben, Wahrheiten zu enthüllen. Doch zugleich erzeugen Verschwörungstheorien Feindbilder – mit teils drastischen Folgen.«

Forscher als Zielscheibe

Die Anhänger der Theorien schätzen einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Und sie sind zahlreich, wie zuletzt eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung offenbarte. Demnach sagten 46 Prozent der Befragten, sie glaubten an Geheimorganisationen, die auf politische Entscheidungen Einfluss nähmen. Hätten sich Verschwörungstheorien früher gegen Randgruppen gerichtet, stünden heute Eliten, Regierungen und die Medien im Mittelpunkt, erläuterte Grabowsky. Zudem seien Forscher zur Zielscheibe geworden, ergänzte die Kuratorin Carolin Mischer: »Verschwörungstheorien richten sich gegen wissenschaftliche Erkenntnisse wie den Klimawandel. Das macht es Laien schwerer, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden.« Die Ausstellungsmacher haben wenig Hoffnung, die Anhänger von Verschwörungstheorien zu kurieren, obwohl zum Beispiel Mondgestein belegt, dass die Mondlandung vor 50 Jahren tatsächlich stattgefunden hat. »Sie werden jemanden, der in seinem Weltbild gefangen ist, nicht erreichen«, ist Grabows­ky überzeugt.

Die Filterblasen im Internet tragen zu solcher Verbohrtheit bei. Im Internetzeitalter und in Umbruchphasen erleben Verschwörungstheorien eine Blüte. Dann seien Museen besonders wichtig, sagte die LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger: »Das Museum hat einen Vorteil. Es zeigt anhand von Exponaten, die eindeutig sind, dass es doch anders war.« Museen sollten auch Diskussionsorte sein. Gerade in einer Zeit, in der es noch nie so einfach gewesen sei, Menschen zum Beispiel durch die Manipulation von Bildern zu beeinflussen, sei »Aufklärung dringend nötig«.

Das tut die Ausstellung, auch wenn sie nicht alle Verschwörungstheorien aufgreift. Die Spekulationen und Geschichten rund um die angebliche Landung von Außerirdischen (Stichwort Area 51) wurden ausgeklammert.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6613115?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2851067%2F