Do., 08.08.2019

Hausbau: Sergej und Alina Kern fühlen sich in Lichtenau gemobbt »Wir sind hier nicht willkommen«

Sergej und Alina Kern haben sich in der Lichtenauer Kernstadt ein Eigenheim geschaffen. Doch bereits in der Bauphase gab es immer wieder anonyme Anzeigen und Gerüchte. Auch jetzt noch fällt ihnen das Ankommen schwer.

Sergej und Alina Kern haben sich in der Lichtenauer Kernstadt ein Eigenheim geschaffen. Doch bereits in der Bauphase gab es immer wieder anonyme Anzeigen und Gerüchte. Auch jetzt noch fällt ihnen das Ankommen schwer. Foto: Hanne Hagelgans

Lichtenau (WB/han). Wer ins neu gebaute Eigenheim einzieht, hat viel Überlegung und viel Geld investiert – und müsste eigentlich froh und glücklich sein, wenn alles geschafft ist. Genau das hatten sich auch Sergej und Alina Kern erhofft. Doch in ihrer neuen Heimat Lichtenau kam alles anders für die Eltern von vier Kindern.

»Wir sind hier nicht willkommen«, schildert Alina Kern mit Tränen in der Stimme ihren Eindruck. Schon mit dem Kauf des Grundstücks am Alten Postweg in der Lichtenauer Kernstadt Ende 2016 hätten die Schwierigkeiten begonnen, berichtet sie. Der Kaufvertrag sei zunächst aufgrund von Verzögerungen lange nicht zustande gekommen. Dadurch sei der Abschluss immer wieder hinausgeschoben worden.

Nachdem diese Hürde schließlich überwunden war, ging der erste Bau des Kernschen Eigenheims gründlich schief: Der Architekt machte einen Fehler und baute 2,80 Meter über die zulässige Grenze. Das Erdgeschoss stand bereits und musste wieder abgerissen werden. Rückblickend sei es noch gut gewesen, dass der Fehler immerhin in einem so relativ frühen Stadium aufgefallen sei, meint Alina Kern. Allerdings begann damit auch eine Situation, die der Familie bis heute zu schaffen macht.

Immer wieder nämlich wurden sie während der Bauzeit wegen angeblicher Verstöße anonym angezeigt. Vertreter des Kreises, des Ordnungsamtes und der Stadtwerke gaben sich die Klinke in die Hand. Die Arbeiter am Bau seien beschimpft worden, berichtet Alina Kern. Der Höhepunkt war im Februar dieses Jahres erreicht. Alina Kern erzählt, sie habe am Nachmittag einen Anruf von der Stadt bekommen. Woher man dort ihre eigentlich fast niemandem bekannte neue Handynummer hatte, weiß sie bis heute nicht.

Die Straße vor dem Neubau sei verdreckt und müsse bis 18 Uhr desselben Tages gereinigt werden, habe man ihr mitgeteilt. Andernfalls werde die Stadt auf Kosten der Familie ein Reinigungsunternehmen beauftragen. Außerdem fehle am Neubau das Bauschild. Insgesamt hätten sich die angedrohten Forderungen auf mehrere 1000 Euro belaufen, so Alina Kern – eine Summe, die eine kinderreiche Familie mitten im Eigenheimbau hätte ruinieren können.

Hinzu kam, dass die Eheleute das Ansinnen als unfair empfanden. Denn der wenig befahrene Alte Postweg, in dem es übrigens auch keinen regelmäßigen öffentlichen Reinigungsdienst gebe, sei kaum verschmutzt und die dennoch geforderte Reinigung innerhalb des kleinen Zeitfensters einfach nicht zu leisten gewesen. Das angeblich fehlende Bauschild sei ordnungsgemäß angebracht, aber wohl von Unbekannten entfernt worden. Es habe sich später im Straßengraben gefunden.

Mit anwaltlicher Verstärkung suchten Sergej und Alina Kern das Gespräch mit Bürgermeister Josef Hartmann, wie auch dessen Allgemeiner Stellvertreter Jörg Altemeier gegenüber dem WV bestätigte, ohne inhaltlich zu dem Fall Stellung zu beziehen. Der Bürgermeister habe eingestanden, dass offenbar etwas schief gelaufen sei und versuchen wollen, in der Sache zu vermitteln, berichtet Alina Kern. Gehört habe die Familie nichts mehr aus dem Rathaus.

Und die Anwürfe von unbekannter Seite gingen weiter. Unerträglich findet die vierfache Mutter sehr persönliche Gerüchte, die aus unbekannter Quelle im Ort die Runde machten: Die Familie sei pleite und arbeitslos, kümmere sich nicht ordentlich um die Kinder, das Ehepaar habe sich getrennt. Nichts davon entspreche den Tatsachen, betont Sergej Kern, der bei der Stadtreinigung beschäftigt ist. Auch die vier Kinder, zwischen 15 und vier Jahren alt, litten unter der Situation: Sie bekämen nicht nur das Gerede mit, sondern auch die traurige und angespannte Stimmung.

In Dahl, wo die Familie vorher gewohnt habe, sei das Verhältnis zu den Nachbarn ganz anders, herzlich und nett gewesen. »Hier können wir uns einfach nicht wohl fühlen, wir sind nervlich am Ende«, bedauert Alina Kern, die als Integrationskraft an der Gesamtschule in Bad Driburg arbeitet. Die Familie hätte sogar schon überlegt, das neue Haus, auf das sich alle so gefreut hatten, wieder zu verkaufen. »Dabei wollen wir hier doch nur in Ruhe leben«, sagt Alina Kern, »wer ein Problem mit uns hat, soll doch bitte einfach offen mit uns sprechen – schließlich sind wir alle erwachsen.«

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Der Anschluß in Lichtenau ist nur schwer zu finden

Vor einigen Jahren sind mein Mann und ich nach langer Suche in Paderborn nach einem passenden Wohnobjekt auf Lichtenau (Kernstadt) ausgewichen. Es hat nur ungefähr 3 Monate gedauert bis wir die aktive Suche in Paderborn wieder aufgenommen haben um wieder wegziehen zu können. Natürlich leben in Lichtenau, wie überall, auch nette und hilfsbereite Mitbürger - aber die Grenzüberschreitungen mit fragwürdigen Äusserungen und und kleinbürgerlichen Verhalten waren leider nicht so selten, dass man es hätte ignorieren können. Vielleicht muss man einfach in Lichtenau geboren worden sein um die Mentalität zu mögen und zu verstehen - oder man ist bereit sich dem Kleinstadtleben durch und durch anzupassen.

Familie Kern wünsche ich alles Gute. Auch wenn es ärgerlich ist und die Immobilie schon steht, ich würde mich wohl davon trennen und einen geeigneteren Lebensraum suchen. Man muss seinen Platz finden. Der mag für viele Menschen die "B68 runter" liegen.. aber für viele eben auch nicht.

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