Di., 20.08.2019

Grundsteinheimer schaffen in der alten Schule neues Domizil für alle Schluss mit Schuften: Jetzt wird gefeiert

Bei Christel Hatscher und Robert Wibbeke liefen die Fäden zusammen. Sie zeigen eine Chronik der Schule mit Fotos und Grundrissen. Auch außen wurde das Gebäude saniert.

Bei Christel Hatscher und Robert Wibbeke liefen die Fäden zusammen. Sie zeigen eine Chronik der Schule mit Fotos und Grundrissen. Auch außen wurde das Gebäude saniert. Foto: Neesen

Von Marion Neesen

Grundsteinheim (WB). Der Renovierungsstau in den Grundsteinheimer Häusern und Wohnungen kann allmählich abgebaut werden. Denn jetzt haben die Handwerker des Ortes die Hände wieder frei. Seit November 2016 war jedoch ihr Tatkraft an anderer Stelle gefragt.

Jede freie Minute haben sie in ein Projekt gesteckt, das die ganze Kraft der Dorfgemeinschaft forderte: In einer fast dreijährigen Sanierungsaktion haben die »Stamener« ihre alte Dorfschule zum Gemeinschaftshaus umgebaut. Am Samstag wird nun nicht mehr geschuftet, sondern gefeiert.

4500 Arbeitsstunden ins neue Domizil gesteckt

4500 Arbeitsstunden haben die Grundsteinheimer in den Bau gesteckt. Über 34 Monate pilgerten insgesamt 110 Helfer immer wieder zum Schulberg, um sich je nach Talent einzubringen: ob mit kräftigem Hammerschlag, filigranen Pinselstrichen oder auch am Herd, damit die Arbeiter gestärkt ihre Aufgaben angehen konnten. Auf der Baustelle hoch oben im Dorf fand jeder sein Betätigungsfeld. Und wer nur mal so vorbei schaute, wurde von Architektin Christel Hatscher animiert, mitzumachen. »Im Dorf muss jeder mitanpacken und das tun, was er kann«, beschreibt sie das Wir-Gefühl unter den 460 Einwohnern.

2013 hatte eine Projektgruppe mit der Erarbeitung des Konzeptes begonnen. Christel Hatscher und ihr Mann Paul Hatscher, der inzwischen leider gestorben ist, setzten die Planung um. Bei Robert Wibbeke, Vorsitzender der Vereinsgemeinschaft, und An­dreas Kröger liefen die Fäden zusammen.

Viele Erinnerungen an die Schulzeit

Mit der alten Schule verbinden insbesondere die älteren Grundsteinheimer viele Erinnerungen. Hier haben sie die Schulbank gedruckt, manchmal alle Jahrgänge in einem Raum. Die meisten Schüler wurden 1935 am Schulberg gezählt. Damals waren es 85.

Erste Aufzeichnungen über den Unterricht stammen aus dem Jahr 1800. Das ursprüngliche Gebäude muss aber schon zuvor errichtet worden sein, berichtet Paul Hatscher in seiner Dorfchronik. Zur Schule gehörten eine Lehrerwohnung und auch ein Schweinestall. 1970 wurde der Schulbetrieb eingestellt.

»Die alte Schule stand seit 1975 leer. Lange wurde das Gebäude nur sporadisch genutzt, viel zu schade, dachten wir Grundsteinheimer und kamen zu dem Entschluss, das Gebäude für Gemeinschaft und Geselligkeit zu nutzen«, berichtet die Ortsvorsteherin Claudia Keiter. Ein Blick ins Nutzungskonzept verrät, dass sich die Stamener viel vorgenommen hatten. Insgesamt 435 Quadratmeter Fläche sollten umgestaltet und werden.

Großer Saal für Veranstaltungen

Im Erdgeschoss wurden mehrere Räume zusammengelegt, so dass dort ein 117 Quadratmeter großer Saal für größere Veranstaltungen entstanden ist. Mit der Verlegung des Eingangs wurde ein barrierefreier Zugang geschaffen. Christel Hatscher hat Wert darauf gelegt, noch intaktes Material in die Renovierung zu integrieren. So mancher wird daher die Bodenfliesen und sogar Kleiderhaken aus Schultagen im Eingangsbereich wiederfinden. Im einstigen Stall gibt es nun eine moderne Küche.

Im Obergeschoss findet der Spielmannszug ein neues Zuhause. Zuvor drängten sich bei den Proben 70 Aktive auf 67 Quadratmetern. Robert Wibbeke, selbst aktiv im Spielmannszug, und seine Mitspieler sind froh, jetzt genügend Platz zu haben. Es kann sogar ein Nebenraum schalldicht abgetrennt werden, so dass Proben einzelner Instrumentengruppen parallel möglich sind. Eine besondere Herausforderung war das Dachgeschoss, denn dort war eigentlich nichts. Jetzt haben die Sportschützen des Heimatschutzvereins hier ihr Domizil und können auf vier Schießbahnen trainieren. Die Zeit der mobilen Schießanlage in der Schützenhalle ist vorbei.

Quer gegangen sei ihr, so Christel Hatscher, dass die uralten Eichenbalken aus Sicherheitsgründen unter neu gezogenen Wänden versteckt werden mussten. Als Ersatz wurden sie auf die Wände gemalt.

Auch an die Jugendlichen des Ortes ist gedacht. Sie ziehen aus dem Keller in neue helle Räume der ehemaligen Lehrerwohnung und haben dort ihr eigenes Reich. »So wird aus dem Dorfgemeinschafts- auch ein Mehrgenerationenhaus, ein Verbindungsglied zwischen allen Altersklassen«, sagt Claudia Keiter, »als Ortvorsteherin bin ich sehr stolz und begeistert von diesem Projekt, denn in einer Welt, die immer globaler und auch immer digitaler wird, ist es wichtig, reale Gemeinschaftsräume zu schaffen.«

Buntes Einweihungsfest geplant

Insgesamt hat die Sanierung der alten Schule 318.000 Euro gekostet, etwa 114.000 Euro sind an Fördergeldern geflossen. Weitere 27.000 Euro kamen aus dem Dorfentwicklungskonzept für die Dörfer der Stadt Lichtenau. Ohne die Hand- und Spandienste der Einwohner jedoch stünde die Schule wohl weiterhin leer. »Am Ende sind wir auf dem Zahnfleisch gegangen«, gesteht Christel Hatscher aber auch. Sie und Robert Wibbeke sind froh, dass sich die Helfer während der langen Bauzeit immer wieder neu motivieren konnten, wobei zuhause so manche Arbeit liegen blieb. Auch von größeren Unfällen blieb das Bauteam verschont; obwohl sich gleich am ersten Arbeitstag einer der Helfer am Kopf verletzte. »Seitdem gab es einen perfekt ausgestatteten Erste-Hilfe-Koffer auf der Baustelle«, erinnert sich Robert Wibbeke, dass ausgerechnet ein Arzt des Dorfes der Unglückliche war.

Die Arbeiten am Haus der Gemeinschaft sind nun abgeschlossen, die Füße still halten können die Stamener dennoch nicht. Jetzt laufen die Vorbereitungen für die Einweihungsfeier. Denn »die Grundsteinheimer arbeiten zusammen, essen zusammen und feiern zusammen«, sagt Robert Wibbeke. Beginn ist am Samstag, 24. August, um 14 Uhr mit einem Gottesdienst und der Segnung des Hauses. Um 15 Uhr folgt die Eröffnung mit einem bunten Fest. Einmal müssen die Arbeiter wohl doch noch zum Werkzeug greifen: zur Schere, um das Band am Eingang durchzuschneiden.

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