Di., 24.09.2019

An Investorenplänen in Attelner Gewerbegebiet scheiden sich die Geister Sind türkische Hochzeiten willkommen?

Die Urheber dieses Plakats in der Paul-Pagendarm-Straße bleiben unbekannt, sind aber offensichtlich Gegner der geplanten türkischen Hochzeitshalle im Gewerbegebiet Auf dem Hohenloh. Doch es gibt in Atteln auch Befürworter des Vorhabens, das ein Bielefelder Investor verwirklichen möchte.

Die Urheber dieses Plakats in der Paul-Pagendarm-Straße bleiben unbekannt, sind aber offensichtlich Gegner der geplanten türkischen Hochzeitshalle im Gewerbegebiet Auf dem Hohenloh. Doch es gibt in Atteln auch Befürworter des Vorhabens, das ein Bielefelder Investor verwirklichen möchte. Foto: Hanne Hagelgans

Atteln (WB/han). Die in Atteln geplante türkische Hochzeitshalle (das WV berichtete am 13. September) wird im Dorf kontrovers diskutiert. Während Ortsvorsteher Heinz Köhler einhellige Ablehnung ausmacht, widerspricht Einwohnerin Agnes Laumann: »Nicht alle Attelner denken so.«

Wie berichtet, möchte ein Bielefelder Investor eine ehemalige Fabrikhalle im Gewerbegebiet Auf dem Hohenloh zu einer Festhalle umbauen, in der vor allem türkische Hochzeitsfeiern stattfinden sollen. Sie soll Platz bieten für Feiern mit bis zu 400 Gästen.

Seit einigen Tagen hängt in der Paul-Pagendarm-Straße in Atteln, etwa 200 Meter von dem fraglichen Gelände entfernt, ein kleines Plakat. »Stop. Keine Wochenend-Hochzeits-Fabrik« heißt es darauf. Zu sehen sind ein stilisiertes Hochzeitspaar und das Fabrikgebäude. Außerdem ist der Artikel des WV zum Thema am Plakatmast befestigt. Wer der Urheber ist, wird nicht deutlich.

Dass es im Dorf Ablehnung gegen das Projekt gibt, hat auch Agnes Laumann festgestellt. Doch sie habe sich umgehört und durchaus auch positive oder neutrale Haltungen wahrgenommen, erzählt die gelernte Krankenschwester, die viele türkische Kolleginnen hatte und auch schon bei mehreren türkischen Hochzeiten mitgefeiert hat.

Ihr Eindruck: Die Gegner störten sich vor allem daran, dass nicht deutsche, sondern türkische Hochzeiten gefeiert werden sollen. »Und zwar aus Unkenntnis«, vermutet sie. Offenbar gebe es Befürchtungen, dass große Lärmbelästigung, fremdländische Musik, Alkoholkonsum oder gar Autokorsos, die in den vergangenen Wochen immer wieder für Schlagzeilen sorgten, das Dorfleben stören könnten.

Hochzeiten an bis zu 25 Wochenenden

»Die Leute wissen gar nicht, wie so eine türkische Hochzeit abläuft und äußern einfach pauschal negative Bewertungen«, kann Agnes Laumann diese Haltung, die sie für sie Alltagsrassismus bedeutet, nicht nachvollziehen. »Es kann doch einfach nicht sein, dass die Mehrheit in Atteln wirklich so denkt«, zweifelt sie.

An 20 bis 25 Wochenenden im Jahr, so hatte der Investor im Bauausschuss informiert, könnten in der Halle Hochzeiten gefeiert werden. Auch Kulturveranstaltungen, allerdings ohne politischen Charakter seien denkbar.

Die typische türkische Hochzeit gebe es ebenso wenig wie die typische deutsche Hochzeit, betont Hidayet Tuncer, Mitarbeiter des Kommunalen Integrationszentrums Bielefeld. Dennoch gebe es einige Gemeinsamkeiten, erläutert Tuncer, der im Nebenberuf oft als Musiker auf Hochzeiten gespielt hat.

Dass die Halle in Atteln für »nur« rund 400 Gäste ausgelegt sei, verwundert ihn nicht. Zwar sei diese Anzahl für türkische Hochzeiten relativ gering. Und nach wie vor gebe es auch noch große Hochzeiten mit bis zu 1000 Gästen. »Aber die zweite und dritte Generation feiert heute oft nicht mehr so groß wie es früher noch üblich war«, weiß Tuncer.

Geldgeschenke üblich

Eine Hochzeit sei für Türken, wie auch für Deutsche, ein ganz besonderer und wichtiger Tag. Und zwar nicht nur für das Paar selbst, sondern auch für die Familien, die Freunde und Bekannten. »Man macht sich schick und präsentiert sich, es geht gesellig und auch schonmal laut zu«, erzählt er. Allerdings gebe es in aller Regel bei türkischen Hochzeiten keine alkoholischen Getränke – und vielleicht auch deshalb kaum einmal Ärger oder Konflikte.

Der zeitliche Ablauf sei ziemlich klar geregelt: Nach dem offiziellen Beginn gegen 16 oder 17 Uhr trudelten die meisten Gäste gegen 18 Uhr ein. Zunächst werde das Brautpaar begrüßt, das auf einem Podest sitzt und seine Gäste empfängt. Nach dem Essen gegen 20 Uhr (Tuncer: »Klassisch ist Hühnchen mit Salat.«) werde getanzt. Meist sorge eine Liveband für Musik, deren Bandleader zugleich die Funktion eines Moderators übernehme und durch den Abend führe.

Gegen 22 Uhr würden oft die Geschenke annonciert. Denn weil eine große Hochzeit auch eine finanzielle Starthilfe für das Paar sein soll, seien Geldgeschenke üblich. In traditionellen Familien werde verlesen, wer wieviel geschenkt hat. »Manche Paare verzichten heute allerdings auch auf diesen Brauch«, weiß Hidayet Tuncer.

Im Anschluss, gegen 23.30 Uhr werde die Hochzeitstorte präsentiert und angeschnitten. Und zwischen 0.30 und 1 Uhr sei die Feier für alle vorbei.

Kommentar von Hanne Hagelgans:

Wenn es ums Schützenfest geht, um Karneval oder den Männerballett-Wettbewerb, präsentieren sich die Attelner durchaus feierlustig. Nun mag man einwenden, dass diese Feste auch nicht an 20 bis 25 Wochenenden im Jahr stattfinden. Und dass sie eben Tradition haben und die Dorfgemeinschaft verbinden.

Die Hochzeitsgäste, die eine mögliche Festhalle auf dem Hohenloh besuchen würden, kämen aus weitem Umkreis und hätten Atteln ohne diesen Anlass höchstwahrscheinlich nie besucht. Doch genau darin kann auch eine Chance für das Dorf und vielleicht für ganz Lichtenau liegen.

Und selbst wenn ein touristischer Mehrwert ausbleiben sollte: Die Hochzeitshalle außerhalb des Dorfkerns sollte verkraftbar sein. Schon deshalb, weil der Betreiber selbst das größte Interesse daran haben dürfte, dass dort alle Grenzwerte eingehalten werden und friedlich gefeiert wird.

Kommentare

Bitte nicht blind Vorurteile aktivieren

Dies ist eine Antwort auf den Kommentar „Nachvollziehbar“ von Klaus Müller. In diesem Kommentar werden Vorurteile und zuletzt in den Medien diskutierte Fälle aufgeblasen und völlig ungerechtfertigt paschalisiert. Machen Sie sich bitte klar, wie viele Hochzeitne in türkischstämmigen Kreisen gefeiert werden. Nur ein sehr geringer Teil davon führt zu Hochzeitskorsos der aktuell diskutierten Art. Informieren Sie sich bitte: Im Juli erschien in mehreren Medien ein Artikel über die Wurzeln dieser missbrauchten Sitte. Dort heißt es, dass dies auch in der türkischen Community inzwischen stark diskutiert wird (suchen Sie nach „Hochzeitskorsos diskutiert“). Auch die hier bemühten Vorstellungen von Abschottung sind teilweise Vorurteile. Ich habe türkischstämmige Freunde – die bekannte Gastfreundschaft dieses Kulturkreises gilt selbstverständlich auch bei Hochzeitsfeiern. Außerdem ist im Artikel nicht die Rede von „ausschließlich“ türkischen Hochzeiten in der Halle. Gehen Sie auf die türkischstämmigen Menschen zu, lernen Sie sie kennen, fragen Sie den Unternehmer nach Mietmöglichkeiten für den geplanten Festsaal, wenn Sie Bedarf haben. Das Ergebnis wird Ihnen hoffentlich die Augen öffnen.

Nachvollziehbar

Das mit den Autokorsos ist ja nicht aus der Luft gegriffen, sondern wird so vermutlich zu 99% passieren.
Profitieren werden die Einheimischen von Arbeitsplätzen oder Einnahmen durch Zulieferungen sicherlich nicht. Eine Nutzung des lokalen Gewerbegebietes welches Arbeitsplätze schafft, wäre wohl die sinnvollere Lösung.

Das sind geschlossene Kreise, es gibt hierzulande keine Migrantengruppe, die so unter sich bleiben möchte, wie die Türken. Daher ist es wohl schon bezeichnend, dass es "türkische Hochzeiten" überhaupt noch so viele gibt nach all den Jahren in Deutschland.
Wenn man solchen integrationsunwilligen Strukturen auch noch einen abgeschlossenen Raum bietet, werden sie sich weiterhin manifestieren. Ob das heutzutage zielführend ist und nicht eher kontraproduktiv?

Drehen wir es doch mal um... Man sollte sich mal vorstellen eine Lokation zu betreiben, die ausschließlich für rein deutsche Festbuchungen zur Verfügung steht. Auf solche einen Gedanken würde man gar nicht kommen. In den zahlreichen türkischen "Teestuben" ist das leider auf der anderen Seite bereits Realität. Nochmal, das sind keine Kulturvereine, sondern hier geht es um die Integration in den Alltag.

2 Kommentare

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