Lichtenauer Elternvertreterin Stefanie Schreiber-Weber kritisiert Kita-Situation
„Familien werden allein gelassen“

Lichtenau (WB/han). Für Eltern von Kindergartenkindern gibt es bisher kaum eine Information, wie und wann es weitergeht.Elternvertreterin Stefanie Schreiber-Weber aus Lichtenau kritisiert das auf WV-Anfrage.

Freitag, 24.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 24.04.2020, 05:01 Uhr
Die Kindergärten sind, abgesehen von einer Notbetreuung, in diesen Tagen zum Corona-Schutz verwaist. Diese Entscheidung und die Informationspolitik der Regierung kritisiert Elternvertreterin Stefanie Schreiber-Weber aus Lichtenau. Foto: dpa
Die Kindergärten sind, abgesehen von einer Notbetreuung, in diesen Tagen zum Corona-Schutz verwaist. Diese Entscheidung und die Informationspolitik der Regierung kritisiert Elternvertreterin Stefanie Schreiber-Weber aus Lichtenau. Foto: dpa

Die Schulen nehmen nach und nach ihren Betrieb auf, auch bestimmte Geschäfte dürfen wieder öffnen. Praktisch keine Information gibt es aber bislang, wie es mit den Kindergärten weitergeht. Das WV hat Stefanie Schreiber-Weber nach ihrer Einschätzung der Situation gefragt. Die Lichtenauer Unternehmerin und Mutter eines dreijährigen Sohnes engagiert sich im Kreis-, Landes- und Bundeselternrat. Sie kritisiert die Entscheidung und die Informationspolitik der Regierung.

 

Rolle der Elternvertreter

Die Lichtenauerin fordert die Politik auf, Elternvertreter aktiver einzubinden und ihre Wortmeldungen auch wahrzunehmen und in ihre Entscheidungen einfließen zu lassen.

„Wir bekommen derzeit so viele Nachrichten landesweit von verzweifelten Eltern, die einfach nur an uns schreiben: Tun Sie was!“, berichtet die Lichtenauerin. Leider aber fänden Elternvertreter trotz der Krise einfach noch immer zu wenig Gehör: In den entscheidenden Gremien hätten sie keine oder kaum Redezeiten und Stimmrecht schon gar nicht. Das müsse sich dringend ändern, fordert Stefanie Schreiber-Weber.

Enttäuschende Entscheidung

„Es ist richtig und wichtig, dass die errungenen Erfolge gegen Corona nicht durch unüberlegte Handlungen zunichte gemacht werden dürfen“, betont sie. Allerdings müsse es ebenso wie für Friseure, den Einzelhandel oder Autohäuser angemessene Lösungsansätze auch für die Kindergartenkinder geben.

Zumal gerade diese Gruppe mit allein in NRW mehr als 700.000 Kindern dringend eine Perspektive benötige. Es sei unklar geblieben, „warum sich gerade die Kleinsten um jeden Preis weiterhin im Lockdown befinden sollen, ohne einen Ansatz auf schrittweise Lockerung“, so Stefanie Schreiber-Weber.

Die Empfehlung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina biete hier enttäuschenderweise keinen Lösungsansatz, sondern lediglich die Empfehlung, die Kindergärten noch bis zu den Sommerferien geschlossen zu halten. „Nicht mehr und nicht weniger wurde von vorwiegend männlichen Experten höheren Alters kundgetan – lediglich zwei Frauen gaben ihre Empfehlungen ab. Hier hätte ich mir mehr erhofft“, ärgert sich die Lichtenauer Elternvertreterin.

Vergessene Probleme

Eltern dürften nicht über weitere Wochen mit der Verantwortung allein gelassen werden. Es gebe schließlich auch Eltern, die schlichtweg überfordert seien mit der Situation. Hinzu komme oft noch die Sorge um die Existenz oder den Arbeitsplatz. Viele könnten auch nicht auf unbestimmte Zeit im Homeoffice arbeiten oder Urlaubsansprüche aufbrauchen.

Zudem hätten alle Kinder ein Recht auf Förderung. Im Blick müssten dabei auch Kinder mit erhöhtem Förderbedarf stehen, die bereits seit Wochen nicht mehr in die Therapien gehen können, oder Kinder, die von Haus aus nicht den geistigen und spielerischen Input erhalten, der Not täte.

„All diesen Kindern verweigert man mit lediglich einem profanen Satz Lern- und Entwicklungsgelegenheiten, die gerade im Kleinkindalter unwiederbringlich sind“, so die Elternvertreterin. „Zumindest eine fundierte Begründung hätte die Leopoldina unseren Kindern geschuldet, um die Sichtweise zu verstehen.“

Notbetreuung

Die Notbetreuung, die jetzt auf weitere Personen- und Berufsgruppen ausgeweitet werden soll, funktioniere leider regional unterschiedlich gut, was von Elternvertretern auf allen Ebenen moniert werde. In vielen Kitas seien erst weit nach dem Lockdown E-Mail- oder Handyverteiler eingerichtet worden und wertvolle Zeit verstrichen. Durch einen verzögerten Informationsfluss mit Behörden seien engagierten Kita-Leitungen zudem oft die Hände gebunden: „Unsicherheit macht sich breit und führt im schlechtesten Fall zur Untätigkeit.“

Es gebe herausragende Kitas, die eigenverantwortlich besondere Wege gegangen seien. Neben Online-Morgen-Kreisen, wie sie auch die DRK-Kita in Lichtenau anbietet (das WV berichtete), gebe es viele weitere innovative Ansätze wie Spielanleitungen per Youtube, Lesetipps und Bastelanleitungen. Fest stehe: „Kitas haben einen Bildungsauftrag, dem die meisten gerne und zuverlässig nachkommen. So sollten alle Zuständigen es der Basis, sprich dem Kitateam, erleichtern, diesen so gut es geht zu erfüllen.“

Erfreulich findet sie es, dass erwerbstätige Alleinerziehende, die bislang nicht den systemrelevanten Berufen zuzuordnen waren, nun zumindest die Möglichkeit auf Notbetreuung erhalten. „Dieser kleine Fortschritt darf jedoch nicht verhehlen, dass der Großteil der etwa 690.000 Kitakinder in NRW perspektivlos bleibt“, kritisiert die Mutter, die aktuell selbst viel im Homeoffice arbeitet.

Homeoffice

„Wer meint, dass Homeoffice und Kinderbetreuung einhergehen könnte, der hat entweder den Begriff Homeoffice nicht verstanden oder die Kinderbetreuung an sich“, betont Stefanie Schreiber-Weber.

Sie selbst verlege ihre Arbeit in dieser Ausnahmezeit in die frühen Morgenstunden und greife, entgegen anderer Empfehlung, tagsüber bei der Kinderbetreuung auf die Großeltern zurück. „Meine Eltern haben mir freiwillig und sofort diese Option geboten – dafür bin ich sehr dankbar“, betont sie. Sie wisse auch von anderen Familien, bei denen Großeltern einspringen. Um den Familien, und hier meist vor allem den Frauen, die Last ein wenig zu nehmen, „ist ein kleiner Nebensatz der Leopoldina zur Lage der Kitasituation wenig hilfreich“, kritisiert sie und fordert statt dessen Lösungsansätze: „Denn nur zufriedene und halbwegs ausgeglichene Eltern können auch für ein angenehmes Klima zu Hause sorgen.“

 

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