Wenn es revolutionär wird im Dalheimer Sommer
Sternstunden der Menschheit

Lichtenau-Dalheim (WB). Hat es sie je gegeben, die Sternstunden der Menschheit? Diese Frage wird jeder Mensch unterschiedlich beantworten. Hier kommt Wolfram Koch ins Spiel. Der Frankfurter Tatort-Kommissar hat beim Dalheimer Sommer einen Text der Philosophin Hannah Arendt „Über die Revolution“ gelesen.

Montag, 24.08.2020, 10:10 Uhr aktualisiert: 24.08.2020, 10:12 Uhr
Das Revolutionäre souverän erledigt: Wolfram Koch hat beim Dalheimer Sommer literarische und philosophische Texte rund um das Thema Revolution vorgetragen. Foto: Rainer Maler
Das Revolutionäre souverän erledigt: Wolfram Koch hat beim Dalheimer Sommer literarische und philosophische Texte rund um das Thema Revolution vorgetragen. Foto: Rainer Maler

Hannah Arendt hat die Banalität des Bösen analysiert, die Durchschnittlichkeit des unauffälligen Bürgers Adolf Eichmann, der als Cheforganisator der Judenvernichtung die Ermordung von Millionen Menschen präzise, sorgfältig und ohne Gefühl von Schuld erledigte. Aber eine Revolution in Dalheim? Die wissenschaftliche Abhandlung über den Wandel des Begriffs Revolution im Laufe der Jahrhunderte von rückwärtsgewandt zu revolutionär ist zwar messerscharf analysiert, aber doch staubtrockene Kost für den Tatort-Kommissar.

Sternstunden der Menschheit

Wolfram Koch, der bereits mit 13 Jahren seine erste Hauptrolle in der Böll-Verfilmung „Ansichten eines Clowns“ spielte, erledigt das Revolutionäre souverän. Passend ziehen schwarze Wolken auf, es tröpfelt, es droht Ungemach, die ersten Regencapes werden raschelnd ausgepackt, aber das Unwetter bleibt aus, der Wind frischt auf. Sogleich nimmt die Lesung Fahrt auf in einem Wechsel von Dramatik und Melancholie, gebannt folgt das Publikum der sonoren Stimme des Vorlesers Koch. Denn er liest nun aus den Sternstunden der Menschheit.

Der Schriftsteller Stefan Zweig fasste unter diesem Titel 14 biografische Erzählungen über historische Personen zusammen, in denen er eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt sah, auf einen Augenblick der Geschichte, in dem diese Menschen eine gewisse Form der Unvergänglichkeit anzunehmen schienen.

Melodie, die ins Ohr geht

Stefan Zweig, als Jude vor den Nazis nach Brasilien geflohen, nahm sich 1942 in Rio de Janeiro das Leben, verzweifelt über den Verlust seiner „geistigen Heimat Europa“. Eine Erzählung schrieb er über Claude Joseph Rouget de Lisle. Claude wer? Nie gehört. In der Nacht auf den 26. April 1792 schrieb dieser Rouget de Lisle in Straßburg Text und Melodie der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, deren Melodie fast jeder Mensch sofort im Ohr hat.

Wolfram Koch kommt so rüber, wie man ihn kennt, sachlich, ja nüchtern liest und spielt er sich durch die Texte, die sicher mehr Beachtung gerade vor dem Hintergrund eines neuen kalten Krieges verdienen. Mit der Lesung aus dieser Sternstunde der Menschheit zieht Koch sein Publikum in den Sog einer revolutionären Stimmung. Er hockt hinter dem Lesepult, die Brille wie ein Philosoph auf dem Nasenrücken und vermittelt uns einen Blick in das Leben eines unauffälligen Menschen, der mit der Marseillaise einen genialen Moment hatte, dessen Leben ansonsten vom Scheitern gekennzeichnet blieb.

Das „Voirin Quartett“ folgte den Spuren der Revolution mit Stücken von Ludwig van Beethoven und Viktor Ullmann, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Trotz heftigem Applaus endete der Abend angesichts der düsteren Rückblicke in die menschliche Tragödie in einer melancholischen Stille.

Das komplette Programm des Dalheimer Sommers 2020 ist hier zu finden.

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