Dalheimer Sommer: TV-Star Anna Schudt liest Tolstoi und Dostojewski
Endspiel mit Dämonen

Lichtenau-Dalheim (WB). Endspiel im Dalheimer Sommer mit Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski, zwei Giganten der Weltliteratur. Der Sommer hat sich abgekühlt, Schwalben schwirren über den barocken Ehrenhof im Kloster Dalheim. Der perfekte Ort für die Schauspielerin Anna Schudt und The Acoustic Groove Duo mit den beiden Gitarristen Carsten Hormes und Tony Kaltenberg. Das Duo mit seinen luftigen Eigenkompositionen bereichert die Leichtigkeit des Seins an diesen hellen Sonntagvormittag. Improvisationen aus Jazz und Pop laden ein, die Gedanken in den ausgehenden Sommer fliegen zu lassen.

Montag, 24.08.2020, 17:34 Uhr aktualisiert: 24.08.2020, 20:58 Uhr
Virtuos brachte Schauspielerin Anna Schudt die Charaktere der Texte von Tolstoi und Dostojewski zum Reden. Foto: Rainer Maler
Virtuos brachte Schauspielerin Anna Schudt die Charaktere der Texte von Tolstoi und Dostojewski zum Reden. Foto: Rainer Maler

Das Highlight in diesem Endspiel ist jedoch Anna Schudt. Sie studierte an der renommierten Otto-Falkenberg-Schule und ist hinlänglich bekannt aus dem Dortmunder Tatort. Dort erträgt sie als leicht abgenervte Kommissarin Martina Bönisch ihren oft durchgeknallten Kollegen Faber.

Aus Romanen vorzulesen, kann langweilig und monoton sein. Aber nicht mit Anna Schudt. Sie liest nicht einfach etwas vor, sie durchlebt die Texte aus der Zarenzeit des 19. Jahrhunderts. In seiner Erzählung „Göttliches und Menschliches“ verarbeitete Tolstoi seine persönliche Neuentdeckung des Christentums mit der realen Geschichte des Revolutionärs Lisohub. Dieser erkennt in der Todeszelle den Irrtum seiner revolutionären Gesinnung. Er entdeckt als neue Botschaft die christliche Nächstenliebe, Revolutionär und Erlöser verschmelzen in Tolstois Hauptfigur Swetlogub im Angesicht des Todes.

Anna Schudt mit dem Acoustic Groove Duo Carsten Hormes (Mitte) und Tony Kaltenberg.

Anna Schudt mit dem Acoustic Groove Duo Carsten Hormes (Mitte) und Tony Kaltenberg. Foto: Rainer Maler

Anna Schudt bringt ihren Körper und ihren Stimme zu einem wunderbaren Spiel. Allein ihre Stimme zu hören, wäre zu wenig, man muss die Schauspielerin erleben. Mal kommt Schudt burschikos daher, dann zischelnd wie eine Schlange, dumpfbackig wie ein General, empört wie eine Ma­trone. Die Texte von Tolstoi und Dostojewski sind mit einem ganzen Universum an Charakteren bevölkert, die Zeugnis ablegen von einer Zeit vor der russischen Oktoberrevolution, und Anna Schudt bringt sie zum Reden.

Die russische Literatur des 19. Jahrhunderts gilt mit Autoren wie Tolstoi mit „Krieg und Frieden“ und natürlich Dostojewski als grandios. Letzterer wurde als Revolutionär zum Tode verurteilt, begnadigt, verbannt. Dostojewski führte ein rastloses Leben mit revolutionärem Fanatismus, wandelte sich zum inbrünstigen christlichen Eiferer und kämpfte mit den Dämonen seiner Spielsucht – ein tragisches literarisches Genie mit Romanen wie die „Brüder Karamasov“ und „Die Dämonen“.

Beide Schriftsteller verzweifelten an einer ungerechten Realität, schrieben sich die Brutalität einer despotischen Gesellschaft, ihre Verzweiflung an den politischen Verhältnissen von der Seele. Warum lädt der Mensch Schuld auf sich, wie kann er sich erlösen, wie kann eine Gesellschaft gerechter werden, wie wird sozialer Frieden hergestellt? Tolstoi und Dostojewski fanden Antworten im Christentum, Tolstoi suchte auch eine Antwort in der Natur, beide glaubten an die friedliche Koexistenz aller Menschen.

Und Anna Schudt? Muss unbedingt bald wieder in Dalheim lesen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7549103?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2851067%2F
Edmundsson lässt Arminia jubeln
Der Jubel ist riesig: Die Arminen feiern ihren Siegtorschützen Joan Simun Edmundsson (Mitte). Foto: Thomas F. Starke
Nachrichten-Ticker