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Fr., 25.11.2016

Meister des literarischen Wettstreits am Mikro Beim Poetry Slam ist der Dom rappelvoll

Poetry Slammerin Sandra Da Vina liest im Dom aus ihrem Buch.

Poetry Slammerin Sandra Da Vina liest im Dom aus ihrem Buch. Foto: Rainer Maler

Von Rainer Maler

Paderborn (WB). Poetry Slammer, sind das nicht diese Schnellreimer mit kruden Texten? Nichts Halbes und nichts Ganzes, Bänkelsänger des Rap und des Chillens? Nein, lautet die Antwort – und sie findet beim »1. Poetry Slam im Paderborner Dom«, der mit 660 Besuchern in Nullkommanichts ausverkauft ist, ihre überzeugende Bestätigung.

Im literarischen Wettstreit zwischen Kirchenbänken und Altar präsentieren sechs Meister dieses Genres – Dean Ruddock, Sarah Lau, Daniela Sepehri, Florian Wintels, Sandra Da Vina und Micha-El Goehre – ihre selbst verfassten Texte – mal lyrisch angehaucht, mal als Kurzgeschichte. Darunter ist jene von Sarah Lau, deutsche Vizemeisterin des Jahres 2015, eine witzige Version von Maria, Josef und Jesus zwischen Google und Selfie auf der Suche nach einem Quartier in Paderborn.

Poetry Slam im Dom? Das geht doch gar nicht! Doch, und es funktioniert super. »Kirche kann cool sein, Kirche kann sexy sein«, dachte sich Tanja Huckemann von der Bonifatius-Buchhandlung in Paderborn, fragte beim Dom nach und stieß bei Dompropst Joachim Göbel auf Begeisterung. Die Kirche sei ein idealer Ort für Sprache, Gebet und damit auch Dichtung.

Juroren aus dem Publikum

Es ist kühl im Dom, angespannte Gesichter, Grußworte, dann bestimmt der Moderator Karsten Strack vom Paderborner Lektora Verlag sechs Juroren aus dem Publikum. Die Applausstärke ist der Indikator für die zu vergebenden Punkte. Sechs Minuten hat jeder Autor, dann kommt der Applausindikator zum Einsatz und die Jurymitglieder recken ihre Punktzahlen in die Höhe.

Poetry Slam ist nicht neu, hat Vorbilder in Dada, surrealistischer Dichtung und den amerikanischen Beatniks. Die Beatniks forderten vor 60 Jahren eine liberale Gesellschaft, die Poetry Slammer wenden sich mit emotionalen Texten gegen Hass, plädieren für Liebe und Gerechtigkeit. Sie schaffen es mit links, junge Menschen für Sprache und Literatur zu begeis-tern. Der Grund ist einfach. Sie sprechen ihnen aus der Seele. Die Texte der Slammer geben Persönliches preis, spiegeln Eitelkeiten, sind politisches Statement. Es gibt spannende Texte, die kritisch reflektieren, über fehlende Werte in der Gesellschaft klagen oder die Verzweiflung über eine gescheitere Liebesbeziehung schildern.

Florian Wintels gewinnt

Florian Wintels hat den Slam gewonnen. Foto: Mike-Dennis Müller (Archiv)

Mit einer amüsanten Lebensbeichte zu den Schwierigkeiten des Küssens schafft es Daniela Sepehri, nordrhein-westfälische U20-Meisterin, ins Finale. Still wird es, als Micha-El Goehre, viermaliger Halbfinalist der NRW-Meisterschaften, sechs Minuten lang eindringlich die seelische und physische Zerstörung der vierzehnjährigen Maria nach einer Vergewaltigung schildert. Das schmerzt. Der Paderborner Dean Ruddock, bekannt als Ausrichter von Poetry Slam-Workshops, schafft es zwar nicht in die Finalrunde, aber Verlierer gibt es am Ende keine. Alle Autoren sind zu gut, um ausgebuht zu werden, darunter auch der Poetryguru Bas Böttcher, erster deutschsprachiger Poetry-Slam-Meister, mit Anfang vierzig alles andere als ein Newcomer.

Den Preis, eine Flasche Whisky, räumt dann doch Florian Wintels ab. Er performt seinen Text mit familiären Bezügen. Seine Selbstinszenierung mit Stimme und Gestik treibt den Applausindikator deutlich hörbar in die Höhe. Nach gut zwei Stunden heißt es dann ganz lakonisch: Ende.

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