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Mi., 20.09.2017

Beim Festival »Musica S.« in Paderborn gibt es Konzerte im Liegen und im Dunkeln Hörerlebnis unter der Schlafmaske

Von Isabella Wünnerke und Manfred Stienecke

Beim »Concert in the Dark« am Dienstag im HNF lauschen die rund 100 Besucher den Klängen des Posaunisten Shawn Grocott, ohne ihn und sein Ensemble sehen zu können. Schlafmasken verhindern außerdem, dass sich die Zuhörer einen Eindruck von ihrer Umgebung machen können.

Für die nötige Orientierung sorgt das geschulte Festivalpersonal, das die Gäste des Konzerts zu ihren Sitzplätzen führt. Die Klänge scheinen sich dann um die Zuhörer herum zu bewegen. Schrille Töne folgen Klaviereinlagen, Gesang den Posaunenstücken. Nachdem sich die Zuhörer am Schluss des Konzerts die Schlafbrillen von den Augen gestreift haben, lernen sie auch den »Konzertsaal« kennen: Sie befinden sie sich inmitten von Ausstellungsstücken des Computermuseums.

Camper-Atmosphäre herrscht derweil im Audienzsaal des Neuhäuser Schlosses. Dort machen es sich die Konzertfreunde auf Luftmatratzen bequem. Rund 70 dunkelblaue Gummibetten haben die »Musica S.«-Veranstalter aufpumpen lassen. »Wir haben einen Praktikanten damit beauftragt. Der hatte gut zu tun«, berichtet Renate Ortner, die an der Abendkasse jedem Besucher noch zwei weiße Hotel-Handtücher aushändigt. »Eins für den Kopf, das zweite als Unterlage für den Körper.«

Erfahrene Mattenhörer haben sich ein Kopfkissen oder eine Nackenrolle mitgebracht. Die übrigen Gäste liegen so flach, dass sie die Konzertpianistin nur unter Verrenkungen bei ihrer Arbeit am Flügel beobachten können. Es riecht nach einer Mischung aus Gummi, Bohnerwachs und verschwitzten Socken. Einige Konzert-Camper haben ihre Schuhe ausgezogen.

Die Pianistin Ana-Marija Markovina stimmt das Publikum im spärlich erleuchteten Saal zunächst auf ihr Programm ein und gibt sachkundig Erläuterungen zu den Werken, die sie sich für ihr rund eineinviertelstündiges Konzert ausgesucht hat. Zu Gehör bringt sie zunächst Perlen aus den Schatztruhen von Chopin, Liszt und Mozart.

Mit Beethovens »Apassionata« (»meine Lieblingssonate«) lässt Markovina ihr Konzert fulminant ausklingen. Da bricht sich die Leidenschaft Bahn und rauscht gewaltig durchs Trommelfell. Die Gefühlswallung scheint zu eskalieren, bis der Meister ihr endlich doch Einhalt gebietet. Prasselnder Beifall und Bravorufe. Dann heißt es aufstehen und die Sachen packen. Der Praktikant kann die Luft jetzt wieder rauslassen.

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