Fr., 30.03.2018

In NRW werden pro Jahr fast 1400 Blindgänger entschärft »Pro Kilogramm Sprengstoff einen Meter Abstand«

Paderborn wurde bei Luftangriffen im März 1945 von der Royal Air Force nahezu vollständig zerstört.

Paderborn wurde bei Luftangriffen im März 1945 von der Royal Air Force nahezu vollständig zerstört. Foto: Stadtarchiv Paderborn

Von Christian Althoff

Hagen (WB). Bombenfund in Paderborn. Doch die Statistik zeigt: 73 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg werden jeden Tag noch durchschnittlich vier Bomben in Nordrhein-Westfalen entschärft.

Das WB verbindet am 8. April

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Nach Angaben des Landesinnenministeriums richteten sich 48 Prozent aller Luftangriffe auf Deutschland gegen Ziele in NRW, das Zentrum der Industrie im Deutschen Reich. Die Bomberpiloten versuchten, außer Fabriken vor allem Bahnanlagen zu treffen. Zigtausende Bomben allerdings zündeten beim Aufschlag nicht, sondern drangen ins Erdreich ein, wo viele von ihnen bis heute liegen – Zeitbomben im wahrsten Wortsinn.

»Etwa die Hälfte der Blindgänger wird zufällig entdeckt, zum Beispiel bei Bauarbeiten. Die andere Hälfte entdecken wir auf alten Luftbildern«, sagt Christoph Söbbeler, Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg. Ihr Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD), so heißt die Abteilung im Amtsdeutsch, ist in Hagen untergebracht und für die Entschärfung von Bomben im Münsterland, in Ostwestfalen-Lippe und im Sauerland zuständig. Der Rest Nordrhein-Westfalens wird von Düsseldorf aus betreut.

20 Entschärfer

40 Mitarbeiter arbeiten beim KBD in Hagen, darunter etwa 20 Entschärfer. Täglich gehen bei der Behörde Anfragen von Bauherren ein, die ihr Grundstück überprüft haben möchten, bevor der Bagger kommt. »Das findet erst mal am Computer statt«, sagt Christoph Söbbeler. 1989 hatte NRW von den Briten das Recht eingeräumt bekommen, 300.000 Luftaufnahmen zu nutzen, die die Bomberpiloten vor, bei und nach ihren Abwürfen gemacht hatten.

Auswerter des KBD erkennen auf den Schwarz-Weiß-Aufnahmen, welche Bombe gezündet hat und welche nicht. Söbbeler: »Am Computer kann man Landkarten von heute über die alten Luftbilder legen und die Lage der damaligen Krater ziemlich genau bestimmen.«

Solche Luftaufnahmen machten britische Piloten nach ihren Bombardierungen, wie hier vom Viadukt in Bielefeld. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Krater von Blindgängern sind als kleine schwarze Punkte auf den Fotos zu erkennen. Schwieriger wird es, wenn Bomben dicht daneben eingeschlagen sind und den Krater des Blindgängers zugeschüttet haben.

Finden die Luftbildauswerter auf einem Baugrundstück einen verdächtigen Krater, muss das vor Ort überprüft werden. Denn die Bombe könnte ja bereits zeitig nach dem Krieg beseitigt worden sein.

Nach einem festgelegten Muster werden an der fraglichen Stelle an 37 Punkten Bohrungen vorgenommen – acht Meter tief, weil noch nie ein Blindgänger tiefer lag. Dann werden Metalldetektoren in die Löcher gelassen, um die mögliche Bombe aufzuspüren. Zuletzt wird sie freigelegt und entschärft, indem der oder die Zünder herausgedreht werden – ein gefährlicher Job. Söbbeler: »Die Faustregel für den Sicherheitsabstand der Bevölkerung lautet: Ein Meter pro Kilogramm Sprengstoff.«

Manchmal hat Rost der Bombe so zugesetzt, dass die Entschärfer ihre Werkzeuge nicht mehr am Zünder ansetzen können. Dann muss der Blindgänger am Fundort gesprengt werden. 2016 war das laut Innenministerium 18 Mal der Fall.

Eine Evakuierung von 26.000 Menschen, wie sie jetzt in Paderborn geplant ist, ist für Ostwestfalen-Lippe ein herausragendes Ereignis. Zuletzt wurden am 17. Januar in Minden 3400 Menschen in Sicherheit gebracht.

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