Di., 10.07.2018

Paderborn: Altenpfleger schenkt Senioren auch Zuwendung – mit Video Vor Merkel-Besuch: So ist der Arbeitsalltag von Ferdi Cebi

Da kommt der Tee! Ferdi Cebi geht mit dem Wagen über die Station und versorgt die Bewohner.

Da kommt der Tee! Ferdi Cebi geht mit dem Wagen über die Station und versorgt die Bewohner. Foto: Oliver Schwabe

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Als Ferdi Cebi in den Gemeinschaftsraum kommt, reißen einige Bewohner jubelnd die Arme hoch. Bei den Senioren des Evangelischen Altenheims St. Johannisstift in Paderborn ist Cebi beliebt – bei den Politikern will er sich nicht beliebt machen.

Empört über den Pflegenotstand in vielen deutschen Heimen hatte sich der Altenpfleger kurz vor der Bundestagswahl im September 2017 in der ZDF-Sendung »Klartext, Frau Merkel« zu Wort gemeldet, die Kanzlerin auf die Missstände angesprochen und sie nach Paderborn eingeladen.

Wie berichtet, kommt die Kanzlerin nun am kommenden Montag, was Cebi als ersten Erfolg wertet: »Weil damals auch ein Kollege in einer anderen Sendung das Thema Pflege ansprach, ist es stärker in den Köpfen der Politiker.« Cebi will Merkel über die Station führen und Forderungen stellen: nach flächendeckenden Tarifverträgen und einer Fünf-Tage-Woche für alle Altenpfleger zum Beispiel.

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Sie haben viel für uns getan, das Land aufgebaut, sie haben es verdient, etwas zurückzubekommen.

Ferdi Cebi

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In dem Evangelischen Altenheim St. Johannisstift ist die Situation besser als in vielen nichtdiakonischen Einrichtungen. »Wir arbeiten nach einem guten Tarif«, lobt Cebi und erzählt, dass er hier zehn Tage am Stück arbeitet und dann vier Tage freihat, während bei Kollegen anderswo das Verhältnis 12:2 laute.

In dem Altenheim in Paderborn leben 110 Bewohner in sechs Wohnbereichen. Cebi arbeitet in den Wohnbereichen 1 und 2. Vormittags kümmern sich sechs Kräfte um die 37 Frauen und Männer, nachmittags fünf. Bei Krankheitsfällen werde es eng, sagt Cebi. Hauptsache, die Senioren sind satt und sauber? So denkt der 36-Jährige nicht: »Ich versuche die Menschen so zu behandeln, wie ich behandelt werden möchte. Sie haben viel für uns getan, das Land aufgebaut, sie haben es verdient, etwas zurückzubekommen.«

Altenpfleger sind auch Seelsorger

Cebi nimmt sich Zeit für Gespräche, Altenpfleger seien halt auch Seelsorger, betont er. Die Frühschicht im Altenheim dauert von 6 bis 14.18 Uhr, die Spätschicht von 13 bis 21.18 Uhr. Cebi führt Übergabegespräche, hilft den Bewohnern beim Anziehen und Waschen, reicht ihnen das Essen, gibt ihnen ihre Medizin, misst den Blutzuckerwert, hilft beim Toi­lettengang, spricht mit Ärzten und Sanitätshäusern und dokumentiert seine Tätigkeiten.

Eine große Unterstützung ist ihm die Alltagsbegleiterin Verdiana Bego (62), die sich den Bewohnern länger widmen kann. »Wenn sie ins Altenheim kommen, müssen sich Menschen noch einmal eine einschneidende Veränderung gefallen lassen – die Gerüche der eigenen Wohnung, alles ist plötzlich weg, sie müssen sich in ein System einfügen und das macht ihnen Angst«, erzählt Bego.

Sie will verhindern, dass sich Bewohner abgeschoben, nutzlos fühlen. Dafür organisiert sie zum Beispiel Theaterbesuche oder bringt, wie am Sonntag erst, einen langjährigen Schützenbruder zum Paderborner Schützenfest. Wenn bei den Bewohnern schmerzhafte Erinnerungen an gescheiterte Ehen oder die Vertreibung im Zweiten Weltkrieg hochkommen, hört sie zu.

Bego hat beobachtet: »Menschen, die vorher isoliert waren und am Rande der Verwahrlosung lebten, sind im Altenheim aufgeblüht.«

»Mein Gott, jetzt musst du ins Altenheim!«

Brigitte Lammers zeigt ihr Fotoalbum Jacqueline Fenske, Verdiana Bego und Ferdi Cebi (von links). Foto: Oliver Schwabe

Die 93-jährige Bewohnerin Brigitte Lammers will die »100« schaffen. Gut findet sie, dass die Mitarbeiter »so viel mit uns unternehmen«. Seit April 2015 lebt Lammers in der Einrichtung. »Mein Gott, jetzt musst du ins Altenheim!«, habe sie damals gedacht, als es so weit war, erzählt sie gestern.

In den Medien werde nur über die Schattenseiten berichtet, zum Beispiel dann, wenn Menschen stundenlang in ihrem Kot liegen müssen, beklagt Pflegefachkraft Jacqueline Fenske (31). Altenpflege sei weit mehr als nur Hinternabwischen, der Beruf halte viele Glücksmomente bereit und sei nie langweilig.

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Wir können natürlich Familie nicht ersetzen, aber man wächst mit den Bewohnern zusammen.

Pflegefachkraft Jacqueline Fenske

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Fenske: »Die Bewohner geben einem so viel Dankbarkeit zurück. Wir können natürlich Familie nicht ersetzen, aber man wächst mit den Bewohnern zusammen.« Sterbe jemand, komme ein Seelsorger und das Pflegeteam verabschiede sich vom Bewohner. Mindestens einer gehe auch mit zur Beerdigung. Das Altenheim bedeutet nicht immer die Endstation, weiß Fenske: »Es gab Bewohner, die sind hier so fit geworden, dass sie wieder ausgezogen sind.«

Die Arbeit der Altenpflegerinnen und -pfleger ist manchmal körperlich hart – etwa wenn Ferdi Cebi einen Mann im Bett wäscht, der 100 Kilo oder mehr wiegt. Auch diese Seiten des Berufes würde er der Kanzlerin gerne zeigen, aber die kommt am Montag nicht frühmorgens, sondern am Nachmittag.

Aber auch so wird Cebi der Gesprächsstoff nicht ausgehen. Er sieht sich als Botschafter des Pflegeberufs. Und der lässt ihn auch als Rapper (Künstlername Idref) nicht los. »Ich mache Musik über das Leben«, betont er. Von der Geburt bis zum Tod.

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