Sa., 25.08.2018

Wilfried Finke informiert Mitarbeiter persönlich über Firmenverkauf Abschied unter Tränen

Geographisch ergänzen Finkes Einrichtungshäuser und Preisrebell-Discountmärkte die Höffner-Präsenz mit bundesweit 19 Möbelhäusern nahezu perfekt. Einzig in Erfurt betreiben beide Partner Einrichtungshäuser parallel.

Geographisch ergänzen Finkes Einrichtungshäuser und Preisrebell-Discountmärkte die Höffner-Präsenz mit bundesweit 19 Möbelhäusern nahezu perfekt. Einzig in Erfurt betreiben beide Partner Einrichtungshäuser parallel. Foto: Besim Mazhiqi/Grafik: André Günzel/

Von Jürgen Vahle und Louis Ruthe

Paderborn (WB). Die ersten Verkäufer, Lageristen und Möbelpacker sind am Freitag früher als sonst am Arbeitsplatz. Wilfried Finke hatte die Mitarbeiter seiner Möbelhaus-Gruppe mit Hauptsitz in Paderborn zu einer Mitarbeiterversammlung geladen. Der Eigentümer informierte die Belegschaft über den Verkauf des Unternehmens an die Berliner Höffner-Gruppe. Der Deal soll im vierten Quartal abgeschlossen werden.

Obwohl die Versammlung erst für 9.30 Uhr angesetzt war, treffen viele Mitarbeiter schon um kurz nach 8 am Einrichtungszentrum ein. Ziel der etwa 250 Beschäftigten ist der Verwaltungseingang am hinteren Teil des Gebäudes. Die Mienen der meisten Mitarbeiter sind sichtlich angespannt.

»Es wird schon nicht so schlimm werden«, äußert sich ein Lagerist im Vorfeld der Versammlung. Mit diesem Optimismus geht aber längst nicht jeder ins Verwaltungsgebäude. Die letzten Nachzügler kommen um Punkt 9.30 Uhr und eilen schnellen Schrittes zur Versammlung. Das ist auch notwendig – denn sie dauert nur sieben Minuten.

Doch diese Minuten sollen es in sich gehabt haben, berichten Teilnehmer der nicht-öffentlichen Versammlung, die ungenannt bleiben wollen. Wilfried Finke war in Begleitung von Sonja Krieger aus der Höffner-Inhaberfamilie. Unter Tränen habe der 67-Jährige den Mitarbeitern den Verkauf mitgeteilt. »Ich habe Herrn Finke noch nie so emotional erlebt«, berichtet ein Mitarbeiter. Die genauen Gründe, die den Ausschlag für den fsür Außenstehende recht plötzlichen Verkauf gegeben haben, seien aber offen geblieben.

»Mehr wissen wir auch nicht«

Die Gesichtszüge der Angestellten sind versteinert, als sie das Gebäude verlassen. Kaum jemand möchte sich öffentlich äußern. In kleinen Gruppen kommen die Angestellten aus dem Gebäude – es wird diskutiert, aber auch Unmut bekundet. »Es gibt ein Ergebnis, das war es«, sagt ein Vertriebsmitarbeiter und schüttelt mit dem Kopf. Das Ergebnis gibt das Unternehmen nur Minuten später in einer knappen Pressemitteilung bekannt: Höffner wird die Unternehmensgruppe Finke, die sich zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet, erwerben. Weitere Details teilt das Unternehmen nicht mit. Von weiteren Anfragen sei abzusehen.

»Mehr wissen wir auch nicht«, kritisiert der Betriebsrat in einer ersten Stellungnahme. »Viele Mitarbeiter, die zum Teil schon viele Jahre dabei sind, hätten sich mehr Klarheit gewünscht, was mit ihren Arbeitsverträgen nun wird«, heißt es weiter. Nun soll Kontakt zu Betriebsräten in anderen Höffner-Häusern aufgenommen werden. »Es wird Veränderungen geben und es wird einen Arbeitsplatzabbau geben – soviel ist klar«, macht der Finke-Betriebsrat deutlich, der allein in Paderborn etwa 660 Arbeitnehmer vertritt.

Verdi ist überrascht

Die Gewerkschaft Verdi ist über den kurzfristig bekanntgegebenen Verkauf des Unternehmens ebenfalls überrascht und hat von den Plänen auch nur aus den Medien erfahren. Verdi, die etwa 25 Prozent der Finke-Mitarbeiter vertritt, hält einen Personalabbau in Paderborn ebenfalls für möglich. Das habe es auch bei anderen Übernahmen in der Branche gegeben – zuletzt beim Kauf der Möbelstadt Rück in Oberhausen durch die XXXLutz-Gruppe.

Nach Informationen von Michael Laukemper, Verdi-Gewerkschaftssekretär Handel OWL, soll es nun schnell eine Versammlung der Verdi-Mitglieder im Unternehmen geben. Der Termin soll bereits Anfang September stattfinden. Bei Rationalisierungen sei aber primär der Betriebsrat gefordert, Lösungen zu finden. Finke habe sich schon seit Jahren, wie die meisten Unternehmen in der Möbelbranche, nicht an den Tarifvertrag gehalten.

Das Möbelhaus an der Paderborner Straße öffnet nach der Betriebsversammlung wie immer um 10 Uhr – als wäre nichts geschehen.

Daten und Fakten

Die Höffner-Gruppe hat ihren Ursprung in einer 1874 in Berlin gegründeten Tischlerei. Der heutige Inhaber Kurt Krieger (70), der aus einer Tischlerfamilie stammt, kaufte 1967 als BWL-Student die Namensrechte. Nach der Wiedervereinigung expandierte er vor allem im Osten. Seit 2008 führt seine Tochter Sonja die Familientradition in vierter Generation fort. Heute betreibt die Gruppe 19 Möbelhäuser und gilt als Nummer drei der Branche.

Finke wiederum hat Einrichtungszentren in Paderborn, Hamm, Münster, Kassel, Erfurt und Jena. Preisrebell-Möbeldiscounter gibt es in Paderborn, Kassel, Erfurt, Beckum sowie Münster. Hinzu kommt ein Küchenfachmarkt in Paderborn. Zwischen beiden Unternehmen gibt es enge Verbindungen – nicht nur wegen der seit 2010 bestehenden Einkaufskooperation.

 

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