Do., 20.09.2018

Insolvenz: Small Planet will weiter fliegen Urlauber bangen um Entschädigung

Eine Small-Planet-Maschine steht auf dem Flughafen Paderborn

Eine Small-Planet-Maschine steht auf dem Flughafen Paderborn Foto: Besim Mazhiqi

Von Matthias Band und Per Lütje

Paderborn (WB). Dem Chaos-Sommer folgt die Pleite: Die Charter-Airline Small Planet kann die Entschädigungsansprüche tausender Kunden nicht mehr bedienen. Die Passagiere – darunter viele aus OWL – sind wohl die Leidtragenden.

Auf ihrer Internetseite nannte die deutsche Tochtergesellschaft der litauischen Airline Small Planet die »angespannte finanzielle Situation durch die Ereignisse des laufenden Sommers« als Grund für die Insolvenz. Offenbar konnte das Unternehmen den millionenschweren Entschädigungsforderungen enttäuschter Passagiere nicht mehr nachkommen. Die Fluggesellschaft war zuletzt mit Mietflugzeugen schnell gewachsen, um die von Air Berlin hinterlassene Angebotslücke zu schließen. In den vergangenen Monaten hatte es aber zahlreiche Verspätungen gegeben, die zu hohen Entschädigungsan­sprüchen der Passagiere geführt haben. Die gesamte Branche kämpft in diesem Sommer mit Engpässen bei der Flugsicherung, Streiks und Wetterphänomenen, die sich auf den Flugverkehr auswirken. Bei Small Planet sollen Organisationsprobleme hinzugekommen sein.

Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg bestätigte gestern den Eingang des Antrags auf Insolvenz in Eigenverwaltung und die Bestellung des Rechtsanwalts Joachim Voigt-Salus zum vorläufigen Sachwalter. Voigt-Salus ist zuversichtlich, schnell einen Investor zu finden. »Es gibt schon Gespräche mit Investoren und die werden jetzt unter neuen Bedingungen intensiviert«, sagte er. Bisher hätten die Interessenten die Altschulden, »die ganz beträchtlich sind«, nicht übernehmen wollen. »Jetzt ist die Frage, ob man diese ganzen Verbindlichkeiten beim Insolvenzverfahren abschneiden kann und ob dann ein neuer ­Investor mit Small Planet gut durchstarten kann.«

20.000 Entschädigungsforderungen

Sollte das Insolvenzverfahren nach eingehender Prüfung eröffnet werden, müssten sich die Passagiere mit ihren Forderungen bei den übrigen Gläubigern einreihen und würden möglicherweise kaum etwas erhalten. Die deutsche Small Planet beschäftigt etwa 400 Mitarbeiter und betreibt neun Maschinen.

Nach Angaben des Fluggast­sofortentschädigers EUflight.de sind bei der Airline Entschädigungsforderungen von mehr als 20.000 Passagieren aufgelaufen. »Wir gehen von rund 9 Millionen Euro gemäß EU-Fluggastrechte-Verordnung bestehender Ansprüche aus«, sagte Geschäftsführer Lars Watermann. EUflight.de hat bis vor kurzem Forderungen von Passagieren gegen Small Planet angekauft und muss nun mit einem weitgehenden Verlust rechnen. Für seine Firma wie auch für Fluggäste sei die Insolvenz nicht absehbar gewesen, weil Small Planet in der Vergangenheit regelmäßig gezahlt habe. Ab drei Stunden Flugverspätung haben Kunden nach der EU-Fluggastrechteverordnung in vielen Fällen Anspruch auf eine Entschädigung von 250 bis 600 Euro.

Der Lichtenauer Anwalt Thorsten Fust, der bereits für 160 Mandanten Entschädigungszahlungen gegen Small Planet durchgesetzt hat und noch 238 geschädigte Passagiere vertritt, wird die Forderungen seiner Mandanten nun zur sogenannten Insolvenz­tabelle anmelden. Er geht aber davon aus, dass die meisten keine hohe Entschädigung erhalten werden. »Das Fell, das zu verteilen ist, wird vermutlich klein sein«, sagte er. Ob es Sinn ergibt, eingereichte Klagen weiterzuverfolgen oder sie zurückzuziehen, um wenigstens die Gerichtsgebühr zurückzubekommen, müsse nun im Einzelfall geprüft werden. Fust beklagte, dass angekündigte Entschädigungen von Small Planet nie gezahlt und ein Großteil seiner Mandanten über Monate hingehalten worden seien: »Einige meiner Mandanten wollen nun Strafanzeige gegen die Geschäftsführung wegen Insolvenzverschleppung stellen.«

Keine Auswirkungen auf Flugbetrieb

Der Flughafen Paderborn hofft, dass Small Planet »seinen Flugbetrieb langfristig aufrechterhalten kann«, sagte Sprecherin Janin Detjen. Auswirkungen auf den Flugbetrieb am Flughafen Paderborn gebe es nicht. Detjen: »Betroffenen Passagieren empfehlen wir, sich bei Unsicherheiten direkt mit der Fluggesellschaft beziehungsweise ihrem Reiseveranstalter in Verbindung zu setzen.«

Small Planet versicherte derweil, dass alle Flugpläne und verkauften Tickets gültig blieben. Sämtliche Flüge würden durchgeführt. Zu den Kunden zählt auch der Reisekonzern Tui, der für seine Kunden mehrere tausend Plätze bei dem Ferienflieger gebucht hat. Auch der Veranstalter Thomas Cook/Neckermann schickt Gäste mit Small-Planet-Fliegern zu den Urlaubszielen. Grund zur Aufregung sieht man dort bislang nicht. Alle Flüge ab und nach Deutschland fänden planmäßig statt und würden weiterhin von Small Planet durchgeführt.

Kommentare

Dauer-Chaos mit Small Planet

Anders als es dieser Artikel andeutet kann man aus Kundensicht nur hoffen, dass diese Chaos-Fluggesellschaft möglichst bald den Flugbetrieb einstellt. Ich flog im letzten Winter zwei mal mit SmallPlanet, beide Flüge mit erheblichen Verspätungen (4,5 und 8,5 Stunden). Und den ganzen Sommer hindurch höre und lese ich vom Chaos, den die SmallPlanet-Flieger am Paderborner Flughafen hinterlassen (12 Std., 24 Std, 36 Std- Verspätungen, immer wieder Einsatz von kruden Ersatzmaschinen mit Geschichten über besoffene Piloten bzw. Piloten die erst abheben wollen, wenn 15 Passagiere wieder aussteigen weil überladen usw.). Unfassbar, dieses Dauer-Chaos! Und 20.000 Schadenersatz-Klagen in einer Saison sprechen ja wohl auch eine deutliche Sprache. Und dann lese sich hier, dass sich alle wünschen (Flughafen Paderborn usw.), dass der Flugbetrieb weitergeführt wird. Unfassbar... Auch hier zeigt sich: Wir sind auf dem Niveau einer Bananen-Republik angekommen!

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