Sa., 13.10.2018

Einziger Waldorf-Kindergarten in Paderborn bezieht Neubau Legosteine sind tabu

Das Leitungsteam, Vorstandsmitglieder der Elterninitiative und die Kinder als das Wichtigste überhaupt: Neele Rickers (33) mit Nora (4) und Henri (1/vorne) sowie Daniel Pumpe (42) mit Tochter Alma (4), Anja (40) und Max Hartmann (4) sowie Mirjam Vogt und Ramona Kröger. Der Anbau bedeutet für den Kindergarten einen Meilenstein in seiner Geschichte.

Das Leitungsteam, Vorstandsmitglieder der Elterninitiative und die Kinder als das Wichtigste überhaupt: Neele Rickers (33) mit Nora (4) und Henri (1/vorne) sowie Daniel Pumpe (42) mit Tochter Alma (4), Anja (40) und Max Hartmann (4) sowie Mirjam Vogt und Ramona Kröger. Der Anbau bedeutet für den Kindergarten einen Meilenstein in seiner Geschichte. Foto: Dietmar Kemper

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). »Die ›Schnecke‹ ist für uns ein Superding«, schwärmt Mirjam Vogt. Die Verwaltungsleiterin des einzigen Waldorfkindergartens in Paderborn meint nicht das Tier, sondern den neuen, optisch an eine Schnecke erinnernden Anbau, der jetzt in Wewer mit einem Kartoffelfeuer gefeiert wurde.

140.000 Euro hat das knapp 80 Quadratmeter große Gebäude gekostet. Der Förderverein des nach dem Dichter Christian Morgenstern benannten Kindergartens hat es ohne Fördermittel hochgezogen. Rücklagen, Eigenleistungen und ein Immobilienkredit ermöglichten den Meilenstein in der Geschichte des Kindergartens.

»Schnecke« verringert die Platznot

Die »Schnecke« verringert die Platznot in der Kita. Platznot – das ist ein Problem, das viele Kindertagesstätten in Paderborn nur zu gut kennen. »Alle Kitas sind voll«, betont die Stadtverwaltung. Weil der Bedarf hoch ist, sollen zu den 89 bestehenden sieben oder acht weitere hinzukommen. Für Kinder ab drei Jahren stehen 4377 Plätze, für jüngere Mädchen und Jungen 1300 Plätze zur Verfügung. Kein Wunder, dass die Stadt Eigeninitiative von Kindergarten-Betreibern begrüßt. Fördermittel werden gern bereitgestellt, wenn neue Plätze entstehen. Aber das war nicht das Ziel des Waldorfkindergartens in Wewer. »Wir wollten mehr Platz, nicht mehr Plätze«, betont Vogt (44).

Elterngespräche fanden zwischen Tür und Angel statt

Den haben die 40 Kinder in zwei Gruppen, die elf Pädagogen und Praktikanten in Voll- und Teilzeit sowie die vier Personen, die zum Beispiel kochen und putzen, jetzt. Bislang konzentrierte sich alles auf ein ehemaliges Bauernhaus. Elterngespräche fanden oft zwischen Tür und Angel statt, jetzt sind ein Gruppenraum (45 Qua­dratmeter) und ein kleiner Aufenthaltsraum hinzugekommen, und für die Regensachen ist auch noch Platz. Nach den Herbstferien soll die »Schnecke« voll genutzt werden.

Sind Waldorfkindergärten esoterisch?

Der Waldorfkindergarten »Christian Morgenstern«, den es seit 22 Jahren gibt, betreut Jungen und Mädchen ab zwei Jahren. Die Eltern können zwischen 25, 35 und 45 Stunden pro Woche wählen, geöffnet ist der Kindergarten von 7.15 bis 16.15 Uhr. Nicht jeder möchte seinen Nachwuchs in einen Waldorfkindergarten schicken. Sie haben den Ruf weg, esoterisch zu sein, und nicht nur Kabarettisten machen sich über Jutekleider, Brotbacken und Holzspielzeug lustig und darüber, dass in den Kindergärten angeblich jeder lernt, seinen Namen zu tanzen. Die pädagogische Leiterin des Waldorf-Kindergartens in Wewer, Ramona Kröger, kennt die Klischees. »Läuft hier jemand mit Juteklamotten herum?«, fragt sie.

Gleichwohl ist in ihrem Kindergarten einiges anders als in den übrigen drei im Paderborner Stadtteil. Lego, Playmobil, Spielebrettsammlungen, Plastikteller oder Filzstifte gibt es nicht. Die Jungen und Mädchen malen mit Stiften aus Wachs, klopfen auf Emaille-Geschirr, basteln Puppen selbst und setzen sich ins Kastanienbad. Vorgefertigtes Spielzeug wird abgelehnt. »Das regt die Phantasie der Kinder nicht an«, ist Ramona Kröger überzeugt. »Das Grundprinzip ist Vorbild und Nachahmung und Rhythmus und Wiederholung«, beschreibt die 43-jährige die Waldorfpädagogik, die auf den Anthroposophen Rudolf Steiner (1861-1925) zurückgeht. Die Erziehung eines Kindes wird als ganzheitlicher Auftrag verstanden, der sich der körperlichen, geistigen und seelischen Entfaltung verpflichtet fühlt. Mit Vorbild und Nachahmung ist zum Beispiel gemeint, dass ein Erwachsener etwas Sinnvolles tut, zum Beispiel ein Müsli zubereitet, und die Kinder diesem Vorbild folgen. Rhythmus und Wiederholung wiederum sollen, erläutert Kröger, den Kindern Sicherheit und Verlässlichkeit signalisieren.

Im Herbst wird Kürbissuppe gegessen

»Wir vermitteln ihnen den Eindruck, dass die Welt gut ist«, ergänzt Mirjam Vogt. Verlässlichkeit fängt schon beim Essen an: Im Herbst gibt es dienstags immer Kürbissuppe. Montags geht es in den Wald, jeden Tag mittags um 12 Uhr ist gemeinschaftlicher Abschlusskreis, bei dem eine Geschichte erzählt wird. Täglich wechseln sich geführte Phasen mit solchen ab, in denen die Kinder frei spielen können. Hinzu kommt Eurythmie, die als »Bewegungskunst« verstanden wird. Gebärden, Pantomime und Übungen wirken angeblich positiv nach innen. All das und das Essen aus dem Bioladen kosten. Zusätzlich zum normalen Elternbeitrag zahlen Familien einen Vereinsbeitrag von 48 Euro im Monat für ihre Kinder und 24 Euro für jedes weitere Geschwisterchen. Bundesweit gibt es 561 Waldorfkindergärten, im Kreis Paderborn noch einen in Schloß Hamborn (Borchen).

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