Di., 06.11.2018

Erste Studie zu Opfern der Pogromnacht im Gebiet des heutigen NRW Studie: 127 Juden kommen in Pogromnacht ums Leben

Feuerwehrmänner stehen in der Nähe der brennenden Paderborner Synagoge.

Feuerwehrmänner stehen in der Nähe der brennenden Paderborner Synagoge. Foto: Sammlung Golücke im Stadt- und Kreisarchiv Paderborn/Kurt Böse

Von Christian Althoff

Düsseldorf (WB). Im Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens sind rund um die Pogromnacht vor 80 Jahren mindestens 127 Juden ums Leben gekommen – deutlich mehr als bisher angenommen.

Die Landeszentrale für politische Bildung und die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf haben gestern die bundesweit erste Studie zu Opferzahlen veröffentlicht. Danach wurden auf NRW-Gebiet in der Pogromnacht am 9. November 1938 zehn Menschen erschossen, erstochen oder ertränkt. 44 Menschen seien an den Folgen von Misshandlungen gestorben, die sie in jener Nacht erlitten hätten, und 42 hätten in und nach der Pogromnacht Suizid begangen. »Sie schluckten in ihren zerstörten Wohnungen Schlafmittel oder sprangen während des Pogroms aus dem Fenster in den Tod«, sagt Dr. Bastian Fleermann, Leiter der Düsseldorfer Gedenkstätte und verantwortlich für die Studie.

»Die Zahl war viel zu niedrig«

Im November 1938 hatten SA- und SS-Angehörige, zum Teil in Zivilkleidung, Synagogen angezündet. Sie zerstörten Geschäfte und Büros und holten Juden mit Gewalt aus ihren Häusern, um sie in Konzentrationslager bringen zu lassen. Dr. Bastian Fleermann: »Bisher war von 91 Todesopfern im gesamten Deutschen Reich die Rede. Diese Zahl stammte von den NS-Behörden, und sie war viel zu niedrig.«

Um die Opferzahl für NRW zu ermitteln, fragten die Forscher bei mehr als 420 Stadtarchiven, Gedenkstätten, Standesämtern und Spezialbibliotheken nach und werteten wissenschaftliche Literatur aus. »Jetzt kennen wir außer der Gesamtzahl der Opfer auch deren Namen«, sagte Fleermann.

Das Anzünden der Synagoge wurde um einen Tag verschoben

Die Nazis versuchten, die Taten als spontane Aktionen eines aufgebrachten Volks darzustellen, doch die Wahrheit sah anders aus. In Paderborn etwa wurde das Anzünden der Synagoge um einen Tag verschoben, um das benachbarte St. Vincenz-Krankenhaus nicht zu gefährden. Margit Naarmann schreibt in ihrer Abhandlung »Die Paderborner Juden 1802-1945«, am 9. November habe Kreisbrandmeister Böhle die SA und die SS mit Hinweis auf die Nachbarhäuser an der Brandstiftung gehindert. Am nächsten Tag, nachdem die Feuerwehr Schläuche zum Schutz der umliegenden Gebäude ausgelegt habe, sei das Feuer dann gelegt worden. Einer der Rädelsführer war Otto Nagorny, Leiter des Städtischen Fuhrparks und SS-Hauptsturmführer.

Mit einer Säge den metallenen Davidstern vom Giebel entfernt

Damals wurden neben der Synagoge 13 jüdische Geschäfte und Wohnhäuser zerstört, und 62 Juden wurden über Bielefeld ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. »Nur wenige Täter der Pogromnacht wurden nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen«, sagt Stadtarchivar Christoph Laue aus Herford. Er hat sich intensiv mit Fritz Georg befasst – einem selbstständigen Tischler, der 1947 für die Schändung der Herforder Synagoge verurteilt wurde. »Als einziger«, wie Laue sagt. Das Urteil: ein Jahr Zuchthaus.

Fritz Georg war am Tag nach der Zerstörung auf das Dach der ausgebrannten Synagoge geklettert und hatte mit einer Säge den metallenen Davidstern vom Giebel entfernt. Zu seiner Verteidigung sagte er im Prozess, er habe befürchtet, der Stern könne auf spielende Kinder fallen. Im Urteil ist zu lesen, die Ausschreitungen hätten »bei jedem anständigen deutschen Abscheu hervorgerufen«. Der Richter schreibt aber auch, Georg sei »durch die damaligen Zeitumstände verführt« worden. Fritz Georg erhängte sich 1954 in Bad Oeynhausen.

Historiker Dr. Bastian Fleermann: »Die Reichspogromnacht mit ihren Morden und Verwüstungen entsprang nicht dem Volk. Aber es gab natürlich etliche Menschen, die sich insgeheim freuten. Wie es auch Menschen gab, die Abscheu und Scham empfanden.«

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