Do., 06.12.2018

Vorteile in einigen Arbeitsfeldern – aber Vorurteile erschweren Inklusion Autisten übersehen nichts

Monika Armada-Möller (links) betreut Michael Tölle (rechts) beim ambulant betreuten Wohnen für Menschen mit Autismus in Paderborn. Tobias Meier (Zweiter von links) hat seinen Chef Verani Kartum als zuverlässiger Mitarbeiter überzeugt.

Monika Armada-Möller (links) betreut Michael Tölle (rechts) beim ambulant betreuten Wohnen für Menschen mit Autismus in Paderborn. Tobias Meier (Zweiter von links) hat seinen Chef Verani Kartum als zuverlässiger Mitarbeiter überzeugt. Foto: Dietmar Kemper

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Auf der Folie sind jede Menge Neunen, aber nur eine Acht. Michael Tölle erkennt die in Sekundenschnelle und hebt die Hand. Der 25-Jährige gehört zur Gruppe der Autisten – in welchen Arbeitsbereichen sie eingesetzt werden können, zeigte eine Veranstaltung der Aktion Inklusion OWL in Paderborn.

Seit zehn Jahren versucht die unter anderem von den Jobcentern der Kreise Höxter und Paderborn unterstützte Initiative, Arbeitgeber davon zu überzeugen, mehr Menschen mit Behinderungen einzustellen.

Weil sie Auffälligkeiten in Mustern viel schneller erkennen als andere, sind Autisten für Firmen in der Qualitätskontrolle von unschätzbarem Wert. Es macht ihnen zum Beispiel nichts aus, drei Stunden am Stück optische Linsen auf Produktionsfehler hin zu überprüfen. »Normale« Beschäftigte ermüden schneller, übersehen Mängel.

300 Inklusionsunternehmen

Es sollte zur Visitenkarte eines Rathauses, Krankenhauses und einer Firma gehören, dass hier Menschen mit Behinderungen arbeiten, mahnt NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU). Zehn Prozent der 250.000 Langzeitarbeitslosen in NRW seien Menschen mit schweren Behinderungen. 300 sogenannte Inklusionsunternehmen gibt es im bevölkerungsreichsten Bundesland. Laumann wünscht sich mehr davon und verurteilt die Einstellung in Teilen der Wirtschaft, wonach hinter schön designten Firmeneingängen »nur attraktive Menschen« sitzen sollten.

Verani Kartum, Vorsitzender des Sportvereins SC Aleviten Paderborn, hat einen Autisten unbefristet eingestellt. »Tobias ist jemand, auf den ich mich verlassen kann. Ich weiß, dass es zu 100 Prozent gut wird, die Fehlerquote ist geringer.« Nachdem sich Tobias Meier zuvor mit Minijobs durchgeschlagen hatte, vervollständigt und aktualisiert der 32-Jährige nun im Büro des Vereins Listen und hilft zum Beispiel bei der Organisation von Turnieren.

»Ich wüsste keinen Beruf, den ein Autist nicht auch ausüben könnte«

Ein Prozent der Bevölkerung ist autistisch. »Autismus ist eine unsichtbare Behinderung voller Mythen«, sagt Aleksander Knauerhase, selbst Asperger-Autist und Autor des Buches »Autismus mal anders«. Er klärt Firmen- und Personalchefs sowie Mitarbeiter darüber auf, dass Autisten in aller Regel keine Inselbegabung haben, nicht geistig behindert sind, nicht in einer eigenen Welt leben und auch nicht gefühlskalt sind. »Ich wüsste keinen Beruf, den ein Autist nicht auch ausüben könnte«, sagt Knauerhase. Viele seien in den Bereichen Betreuung und Pflege beschäftigt, aber wegen der Vorurteile gegenüber Autisten outeten sie sich nicht.

Als Kennzeichen des Autismus nennt Knauerhase die Reizüberempfindlichkeit. Während bei »normalen« Menschen der Reizfilter im Gehirn nur 60 bis 70 pro Sekunde durchlasse, seien es bei Autisten bis zu 100 Mal mehr Eindrücke. »Ich kann alles in meiner Umgebung hören, auch jeden Atemzug«, erzählt Michael Tölle. Der 25-Jährige, der ein Studium abgebrochen hat und weiß, was soziale Isolation ist, möchte später in einer Verwaltung arbeiten. Er wird von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) im Rahmen der berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme »Kompass« für junge Menschen mit Autismus-Spektrums-Störung unterstützt und lebt in Paderborn im ambulant betreuten Wohnen.

Worauf Chefs bei der Einstellung von Autisten achten sollten

Wegen der vielen Reize sei ein Großraumbüro für Autisten ungeeignet, Home Office dagegen ideal, sagt Dozent Aleksander Knauerhase. Weil sie zu viele Eindrücke überforderten, bräuchten diese Menschen Rückzugsmöglichkeiten, Rituale und eine eindeutige Beschreibung der Aufgaben. Unternehmen könnten einen Jobcoach einstellen, der den neuen Kollegen begleitet und als Dolmetscher wirkt.

Wenn ein Autist die Aufgabe bekomme »Bring die Unterlagen zur Kollegin«, dürfe sich niemand wundern, wenn er die Akten nur ablege und nicht »Hallo« sage, denn damit sei er ja nicht beauftragt worden. Wenn sie ein neuer Reiz irritiere, sprächen Autisten dies unverblümt an – zum Beispiel mit »Du stinkst!«, wenn die Kollegin ein neues Parfüm verwendet.

Wer das akzeptiert, bekommt laut Knauerhase Mitarbeiter mit Ausdauer und Konzentration, mit enormem Wissensdurst, mit Blick für Details und neue Problemlösungswege. »Autisten sind Hochleister«, betont er und rät, Firmen sollten den Detailblick bei Analysen und Kontrollen für sich nutzbar machen: »Der Autist sieht erst die Steine und baut sich die Pyramide zusammen, die anderen gehen vom großen Ganzen aus und sehen erst die Pyramide.«

 

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