Sa., 15.12.2018

Nachwuchsmangel und Missbrauchsskandal machen dem Leiter des Seminars in Paderborn Sorgen Früher 31 neue Priester – heute nur noch drei

Regens Michael Menke-Peitzmeyer in der neuen Kirche des Priesterseminars. 31 Männer werden dort auf ihren Beruf vorbereitet.

Regens Michael Menke-Peitzmeyer in der neuen Kirche des Priesterseminars. 31 Männer werden dort auf ihren Beruf vorbereitet. Foto: Dietmar Kemper

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). »Attraktiv machen wir unseren Beruf durch Glaubwürdigkeit und Engagement«, sagt Dr. Michael Menke-Peitzmeyer. Als Regens (Leiter) des Priesterseminars ist er für die Ausbildung des Nachwuchses im Erzbistum Paderborn verantwortlich. Dabei steht er vor enormen Herausforderungen. Der Priestermangel ist längst ein gravierendes Problem, zu allem Überfluss hat der Missbrauchsskandal die Glaubwürdigkeit von Seelsorgern erschüttert.

Im Erzbistum Paderborn werden im Schnitt nur noch drei Priester im Jahr geweiht. 1991 waren es noch 31. Verglichen damit ist die Zahl also auf nur noch ein Zehntel eingebrochen. Gleichzeitig scheiden jedes Jahr etwa 20 Priester vor allem durch Pensionierung oder Krankheit aus. »Die Alterspyramide steht auf dem Kopf«, stellt Menke-Peitzmeyer fest, der selbst von 1999 bis 2003 Pfarrer in Neuenbeken und Benhausen war. Ohne verstärktes Engagement von Laien, weiß er aus eigener seelsorglicher Erfahrung, werde es in Zukunft weniger denn je gehen. Allerdings müssten die Ehrenamtlichen vor Ort entsprechend geschult werden.

Werden Priester damit überflüssig? Der Regens glaubt das nicht. Ihnen müsse die amtliche Verkündigung der Frohen Botschaft, die Feier der Eucharistie und das Spenden der Sakramente vorbehalten bleiben. Forderungen, wonach auch Frauen zum Priesteramt zugelassen werden sollten, begegnet er skeptisch: »Weil wir eine über 2000 Jahre alte Tradition mit biblischem Fundament haben, die wir nicht einfach umstürzen können.«

32.500 Frauen im Ehrenamt

32.500 Frauen engagieren sich im Erzbistum ehrenamtlich. Zur Forderung nach der Zulassung von Frauen zum Priesteramt gesellt sich oft die nach einem Ende des Zölibats. Dazu meint der 53-Jährige: »Wir müssen eine wirklich offene Diskussion über das Pro und Contra des Zölibats führen. Letztlich muss der Papst oder ein Konzil entscheiden. Ich persönlich finde, dass wir die Fortführung des Zölibats daran messen müssen, ob wir ihn glaubwürdig leben können und wollen.«

Kritiker des Zölibats machen die Pflicht zur sexuellen Enthaltsamkeit und das Heiratsverbot für Missbrauchsskandale mitverantwortlich. Im Rahmen einer Studie zum Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch wurden im Erzbistum Paderborn wie berichtet Akten von 2502 Klerikern untersucht. Die Dokumente reichen bis 1946 zurück. Bei 111 Kirchenmitarbeitern wurden dabei nach Angaben des Erzbistum Hinweise auf Missbrauch, Grenzüberschreitungen oder Übergriffe auf Minderjährige festgestellt. Das betrifft 4,4 Prozent der Kleriker, deren Akten untersucht wurden. 197 Menschen wurden Opfer von sexuellem Missbrauch, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren.

Thema Missbrauchsprävention

Das Thema Missbrauchsprävention werde gleich im ersten Jahr der Priesterausbildung intensiv behandelt und danach immer wieder vertieft, sagt Menke-Peitzmeyer. Hier sei das Erzbistum Paderborn schon seit zehn Jahren aktiv und damit früher als manch anderes Bistum. Bevor Priesteranwärter ein Praktikum zum Beispiel in einem Ferienlager, in der Grundschule oder in einem Kindergarten machten, werde die Frage, wie viel Nähe zu den Jungen und Mädchen zulässig ist, erörtert. »Wir vertreten Werte wie Nächstenliebe und Vertrauen – da ist bei einem Missbrauchsfall oder anderen Grenzüberschreitungen die Fallhöhe größer als bei anderen Akteuren«, weiß der Regens. Er bekenne sich zu den Missbrauchsfällen der katholischen Kirche und schäme sich auch dafür, sagt er. Der Missbrauchsskandal belaste die Kirche und ihr Image in der Gesellschaft sehr. Der Regens hat aber gleichzeitig den Eindruck, dass »wir Priester in Sippenhaft genommen werden«. Er wünscht sich von der Gesellschaft insgesamt mehr Achtung und Respekt vor den jungen Männern, die sich als Priester in den Dienst an den Menschen stellen wollten. Es dürfe nicht sein, dass Priesteranwärter auf offener Straße als »Kinderschänder« beleidigt werden.

Der Missbrauchsskandal ist eine schwere Hypothek, die vielen teuren Gebäude, die wegen des Mitgliederrückgangs oft leer stehen und überflüssig werden, sind es auch. Damit verbunden ist der Zwang, größere Einheiten zu schaffen, Kirchengemeinden zu »pastoralen Räumen« zusammenzufassen. Menke-Peitzmeyer versteht, dass ältere Priester angesichts der Fusionen sich so fühlen, als wenn eine Lawine auf sie zukäme. Jüngere Priester und Priesteranwärter sähen die Strukturreform gelassener, weil sie ohnehin globaler dächten und bereits in größeren Gemeindestrukturen aufgewachsen seien. Sie treibe vielmehr die Frage um: »Wie kann ich mich vor Ort beheimaten; wie kann ich persönliche Kontakte zu den Menschen pflegen, die mir wichtig sind, wenn ich sieben, acht Gemeinden zu versorgen habe und ständig von Ort zu Ort wechseln muss?«

Entlastung der Priester notwendig

Um den Priesterberuf attraktiver zu machen, hält Menke-Peitzmeyer die Entlastung der Priester von Verwaltungsaufgaben für unerlässlich. »Weniger Schreibtisch, mehr Nähe zu den Menschen«, bringt er es auf eine Formel. Die Jugendarbeit, die kirchliche Präsenz an Schulen und vor allem das Engagement der Messdiener weiterhin zu fördern, all das könne eine Möglichkeit sein, um dem Priestermangel nicht tatenlos zuschauen zu müssen. Andererseits sei es eine unbestreitbare Tatsache, dass heutzutage immer weniger junge Menschen kirchlich gebunden seien und so die Zahl der für einen geistlichen Beruf in Frage kommenden Männer ohnehin geringer werde.

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