Konkurrent des Flughafens Paderborn hat Passagierzahl fast verdoppelt – neue Gesellschafterstruktur
Kassel-Calden legt langsam zu

Kassel/Büren (dpa). Vor gut einem Jahr entschied sich die schwarz-grüne Landesregierung in Hessen, den Flughafen Kassel-Calden zu erhalten. Seitdem ist an dem umstrittenen Regionalflughafen Normalität eingekehrt. Langsam geht es aufwärts.

Mittwoch, 02.01.2019, 03:20 Uhr
Der Flughafen Kassel-Calden. Foto: dpa
Der Flughafen Kassel-Calden. Foto: dpa

Daniel und Anna Mazurek wurden vor dem Regionalflughafen, an dem selten ein Flieger abhob, gewarnt. Vor dem Flughafen, über den sich TV-Komiker lustig machten. Nun steht das Paar aus Bad Hersfeld mit seinem Sohn Philipp in der Halle des Flughafens Kassel-Calden und ist vom stressfreien Check-in begeistert. »Wir wollen nirgends anders mehr abfliegen – am besten nur noch Kassel-Calden«, sagen sie und gehen zur Sicherheitskontrolle. Die Schlange dort ist kurz, obwohl der Flug nach Fuerteventura bald startet. Auch Sandra Scholz und ihre Familie sind zum ersten Mal in Calden. Die Weimarer haben nach günstigen Preisen gesucht und schließlich ab Calden gebucht. Der Flughafen habe ein »komisches Image« gehabt, sagen sie. Dabei sei alles in Ordnung. Besonders die kostenlosen Parkplätze verblüffen die Familie.

Abhängigkeit von einem Kunden

Seit seinem Ausbau vor sechs Jahren schlitterte der Flughafen von Krise zu Krise: Flüge fielen aus, Fluggesellschaften zogen sich zurück, im Herbst 2016 stand man ohne Linienverkehr da. Das Projekt in Calden bei Kassel galt bei Kritikern als 280-Millionen-Euro-Grab. Die Gegner wollten den Flughafen zum Verkehrslandeplatz zurückstufen. Doch die Landesregierung entschied: Calden bleibt Flughafen.

Dabei ist der Betrieb defizitär und wird es zunächst bleiben. Zuletzt fehlten rund sechs Millionen Euro im Jahr. Bei den Passagierzahlen meldet der Flughafen Rekorde, die allerdings durch die niedrigen Werte der Vorjahre bedingt sind. Mit mehr als 130.000 Passagieren im Jahr 2018 hat man die Zahl des Vorjahres fast verdoppelt. Allerdings ist man von alten Prognosen – 497.000 Passagiere im Jahr 2024 – und Konkurrenten weit entfernt.  Der Regionalflughafen Paderborn-Lippstadt in Büren hatte 2017 zum Beispiel 560.000 touristische Passagiere. Trotzdem sei die Steigerung der Passagierzahlen in Calden ein »echter Achtungserfolg«, sagt Yvonne Ziegler, Professorin für Luftverkehrsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences. »Andere Regionalflughäfen wie Bremen und Hahn verzeichnen aktuell Passagierrückgänge, weil ihr Hauptkunde Ryanair Flüge verlagert.«

Allerdings sei die Verdoppelung der Passagiere am Flughafen Kassel auch nur einem einzigen Kunden – der Fluggesellschaft Sundair – geschuldet. »Eine solche Abhängigkeit von einem Kunden ist kritisch zu sehen«, sagt Ziegler. Die Nutzung der Flughafeninfrastruktur mit höchstens einem bis zwei Flügen pro Tag sorge nach wie vor nicht für eine ausreichende Auslastung der Infrastruktur. »Die Erlöse dürften vermutlich kaum die verursachten Kosten decken.« Aber immerhin werde die Infrastruktur jetzt genutzt.

Defizit für 2018 ist noch unklar

Durch die Fortschritte ist der frühere Problemflughafen zur Ruhe gekommen. Flughafen-Chef Lars Ernst spricht von einer »Normalität des Luftverkehrs«, die in den Köpfen angekommen sei. Es falle zwar auch mal ein Flug aus. Das geschehe aber an anderen Airports ebenfalls. Außerdem heben deutlich mehr Flugzeuge in Calden ab als früher. Ausfälle hätten deshalb weniger Gewicht.

Selbst die Austrittsdrohungen des kleinsten Flughafengesellschafters sind vom Tisch. Die 7900-Einwohner-Gemeinde Calden ächzte unter dem Defizit, den die Gesellschafter gemäß Anteilen tragen. Vergangene Woche wurde bekannt, dass Landkreis und Stadt Kassel je 1,5 Prozent (nun je 14,5 Prozent) von Calden (nun 3 Prozent) übernehmen. Das Land bleibt größter Anteilseigner mit 68 Prozent. Zu Wachstumsphantasien und Spekulationen über neue Fluggesellschaften lässt sich Ernst nicht hinreißen: »Erst mal muss sich der Flugplan stabilisieren«, sagt er. Man wolle die Zahlen sukzessive steigern.

Finanziell lässt sich die Flughafen GmbH nicht in die Karten gucken. Das voraussichtliche Defizit für 2018 ist noch unklar. Man werde die Vorgaben aber einhalten, sagt der Flughafenchef. In ihrem neuen Koalitionsvertrag haben CDU und Grüne vereinbart, dass die Landeszuschüsse für den Flughafen bis 2025 auf sechs Millionen Euro pro Jahr reduziert werden. Aber an dem Flughafen halten die Bündnispartner fest.

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