Mi., 09.01.2019

Hans-Josef Becker schreibt allen katholischen Haushalten im Erzbistum Brief: Erzbischof thematisiert Missbrauchsskandal

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker.

Paderborn (WB). Erstmals hat sich Erzbischof Hans-Josef Becker mit einem Brief an die Katholiken in seinem Erzbistum gewandt. In dem Schreiben thematisiert Becker auch den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche.

Der Brief ging in dieser Woche an alle katholischen Haushalte im Erzbistum Paderborn.

Lesen Sie den Brief des Erzbischofs hier im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

zum Jahreswechsel wende ich mich aus besonderem Anlass mit diesem Brief an Sie und gleichzeitig an alle Katholikinnen und Katholiken des Erzbistums Paderborn.

Das Ende eines Jahres bietet eine gute Gelegenheit zu einem Rückblick, aber auch zu einem Ausblick: Was gab es an Lichtblicken, was aber auch an Schattenseiten? Was werden wir daraus für die Zukunft lernen? Was dürfen wir künftig erwarten?

Das vergangene Jahr hat für die Kirche im Erzbistum Paderborn wie auch für die Kirche in Deutschland insgesamt dazu beigetragen, sich einem großen und schmerzhaften Verfehlen nachhaltig zu stellen: Die deutschen Bischöfe haben vor einigen Jahren die »MHG‐Studie: Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker« in Auftrag gegeben. Im Herbst 2018 wurde diese Studie nun veröffentlicht. Den Erkenntnissen daraus ist inhaltlich nichts hinzuzufügen. Die Ergebnisse sind für uns erschreckend und beschämend. Nichts davon ist zu relativieren. Durch Vertuschung und Verdrängung hat die Kirche in dieser Hinsicht jahrzehntelang schwere Schuld auf sich geladen. Als Kirche sind wir unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen oft nicht gerecht geworden.

Dies wollen und werden wir konsequent ändern: Wir arbeiten nicht erst seit der MHGStudie mit den staatlichen Ermittlungsbehörden zusammen und haben der Staatsanwaltschaft zwischenzeitlich Zugang zu allen von dort angefragten Unterlagen verschafft. Im Erzbistum Paderborn werden wir die konkreten Handlungsschritte, die die Studie empfiehlt, umsetzen und fortführen. Diese Konsequenzen werden zeitnah und unmittelbar erfolgen.

Wir intensivieren damit die bereits seit 2010 getroffenen Maßnahmen sowie unsere umfangreiche Präventionsarbeit. Wir werden diesen eingeschlagenen Weg weitergehen und die Öffentlichkeit über die Fortschritte auf diesem Weg informieren.

Das Bewusstsein um menschliche Schwächen und menschliches Versagen sowie die Aufarbeitung werden für uns weiter handlungsleitend sein. Zugleich wollen wir jedoch auch hoffnungsvoll in das neue Jahr schauen und uns auf unseren eigentlichen Auftrag als Kirche besinnen: An Weihnachten haben wir gefeiert, dass Gott Mensch wird – in Gestalt eines schwachen und hilfsbedürftigen Kindes. Jedem einzelnen Gläubigen ist der Schutz des Schwächeren, der Einsatz für den Armen und Bedürftigen, als Auftrag mitgegeben. Erinnern wir uns im kommenden Jahr neu an diesen Auftrag. Unsere Botschaft ist eine Frohe Botschaft, die es immer wieder zu übersetzen gilt. Daran muss die Kirche sich messen lassen.

Unser Ziel muss ein lebendiger Glaube sein, der den Menschen hilft und gut tut. Diesem Ziel müssen die Kirche und die Menschen, die in ihr wirken, dienen.

Es gibt viele Menschen, die sich im ganzen Erzbistum Paderborn mit ihren je eigenen Talenten für das soziale Miteinander und einen lebendigen Glauben engagieren. Die Rahmenbedingungen in den größeren Pastoralen Räumen werden herausfordernder. Umso mehr weiß ich das Engagement der Vielen zu schätzen, die in den Gemeinden das Feuer des Glaubens wachhalten – vom Einsatz in der Kinder‐ und Jugendarbeit, in den Gremien und verschiedenen Aufgabenfeldern bis zur Mitarbeit in Verbänden oder auch im Engagement für Flüchtlinge. Ihnen allen danke ich dafür, dass Sie dem Glauben in unserem Erzbistum ein Gesicht verleihen.

Ich weiß auch um die Vielen unter Ihnen, deren körperliche Kraft vielleicht nachlässt, die aber ihre Sorge um ihre Mitmenschen im Gebet beständig vor Gott tragen. Auch Ihnen danke ich für dieses Glaubenszeugnis.

Die Geschichte Jesu beginnt mit Menschen, die bereit sind zum Aufbruch, zum Unterwegs. Sein, zu Wagnis und Neubeginn. Es ist von Anfang an eine Geschichte von Herbergssuche, Vertreibung und Flucht. Und es ist eine Geschichte von Verfehlungen und Irrwegen der Menschen, die nur Gott heilen kann.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihren Familien und allen Menschen, die Ihnen am Herzen liegen, ein gutes, erfülltes Jahr 2019 unter Gottes Segen!

Hans-Josef Becker

Kommentare

Erzbischof thematisiert Misbrauchsskandal/Ihr Brief zum Jahreswechsel 2018/2019

Sehr geehrter Herr Hans-Josef Becker,
Endlich! ...
Nach mehr als zweitausend (!) Jahren ist endlich mal einer aufgestanden, der - stellvertretend für die "katholische Kirche" - Verantwortung übernimmt und den sexuellen Missbrauch, diese grausame Seelenfolter an Minderjährigen thematisiert.
Ihre Worte hören sich verheißungsvoll an. Doch die "katholische Kirche" hat mich viel zu oft getäuscht und missbraucht und meinen gesunden Lebensfluss behindert. Ihre Worte wären wirklich ernst zu nehmen, wenn die materiell sehr reiche Kirche mich endlich rehabilitiert und zwar mit einem finanziellen Ausgleich!

Im Reich Gottes - so ist von Jesus von Nazareth überliefert - gibt es keine Kirchen, keine Religionen, keine Höhergestellten und auch keine Untergebenen. Gottes Geist wohnt nicht in Tempeln aus Stein. Allein unsere Seele ist der Tempel Gottes. Alles andere ist Menschenwerk. ... Gott hat uns den Freien Willen gegeben. Zur Präventionsarbeit "der Kirche" gehört zuallererst, dass mit den Katastrophen auf der Erde nicht der "Gotteswille" missbraucht wird.
Denn Gott ist Liebe. Gott ist Güte. Gott ist der freie Geist.
Die Kirchen haben die Ermordung von Juden nicht verhindert. Sie haben die EHE als heiliges Sakrament nicht vor falschen Gesetzen des Staates geschützt, die Abtreibung von Ungeborenen nicht unterbunden, Massentierhaltung, sowie Vermüllung der Meere nicht aufgehalten und insbesondere die MUTTER, die die allererste Dienstleistung am Menschen ist, nicht gebührend gewürdigt und somit Kinder- und Altersarmut provoziert.

Im Reich Gottes gibt es keine Verdammnis und kein "Fegefeuer", sondern nichts als Liebe.
In diesem Sinne Gott zum Gruß
Ingrid-Charlotte Samse

Über die Adressierung kann man sicher streiten, viel bedeutender ist für mich die Frage des Inhalts. Dass der Missbrauchsskandal thematisiert wird, das ist sicher ein Thema. Vertrauen baut sich dadurch bei diesem Thema zunächst nicht auf. Worte sind ja schön, aber was kann man wirklich tun, um dies zu verhindern, daran muss sich Herr Becker messen lassen.
Viel entscheidender ist doch, wie die Kirche wirksam den Glauben vermitteln kann und da gibt es doch in der Ansprache der 'Gläubigen' die größten Probleme (u.a. mehr Politik als Glaube in der Aussenwahrnehmung). Die Gläubingen laufen in Scharen davon, da die Kirche kein glaubwürdiges Zeugnis mit und für die Gläubigen gibt. Der Glaube verdunstet.
Ich hätte mir eine Ansprache meiner Heimatgemeinde gewünscht und nicht einen 'hilflosen' Marketingbrief aus der Zentrale, der eigentlich den Verantwortlichen keine Mühe macht.
Insofern sehe ich den Brief als fast überflüssig an.

Brief des Bischofs an Ehemänner

Hallo, guten Tag, ich möchte mich zum Bischofsbrief äußern.

Ich sehe gerade, bezogen auf die katholische Kirche nicht so „hoffnungsvoll in das neue Jahr“, denn Herr Becker schrieb innerhalb des Bistum wohl nur die Ehemänner an.
Ich fiel, so die Auskunft (s.u.) einer technischen Kategorie zum Opfer, oder: unter den Tisch.
Eine Wertschätzung der vielen, „...die sich für das Gute engagieren“, richtete sich so zunächst nur an die Männer in Doppelhaushalten. Also an meinen ? Haushaltsvorstand!!!
Ich bin darüber sehr ärgerlich.
Warum wird bei so einer Aktion nicht etwas weiter gedacht? Was ist mit dem Gedanken der Gleichstellung und Gleichberechtigung? An einer Stelle wird nachgebessert, was ich sehr wichtig finde, an einer anderen jedoch ...
Haben Sie Lust da mal zu recherchieren?

Mit freundlichen Grüßen, Susanne Busch- Degenhardt



Sehr geehrte Frau Busch-Degenhardt,

vielen Dank für Ihre Mail und Ihr Feedback zum Brief von Erzbischof Hans-Josef Becker. Gern beantworten wir Ihre Frage:

Es war Erzbischof Becker wichtig, zu Beginn des Jahres 2019 mit einem Brief auf alle Katholiken in unserem Erzbistum zuzugehen und ein Angebot zum Dialog zu machen. Neben der Stellungnahme zu den Ergebnissen der MHG-Studie soll der Brief auch eine Wertschätzung sein für die vielen Menschen, die sich im Erzbistum Paderborn für das Gute engagieren. Der Brief ging an alle katholischen Haushalte im Erzbistum Paderborn, um möglichst alle Katholiken im Erzbistum zu erreichen. Er wurde jedoch jeweils nur einmal pro Haushalt zugestellt - unter anderem aus logistischen Gründen und natürlich auch, um nicht mehr Papierverbrauch als nötig zu verursachen. Somit wurde in der Tat nach dem Prinzip des "Haushaltsvorstandes" gehandelt - aber das ist in diesem Falle eine rein technische Kategorie, die keine Bevorzugung der Ehemänner bedeuten soll, sondern nur die Logistik erleichtert hat. Der Brief richtet sich ausdrücklich an alle katholischen Christinnen und Christen im Erzbistum und bezieht somit auch Sie und alle Mitglieder Ihrer Familie explizit mit ein. Wir bedauern, wenn es in diesem Punkt zur Irritation gekommen sein sollte.

Wir hoffen, Ihnen mit dieser Auskunft Ihre Frage beantwortet zu haben. Vielen Dank noch einmal für Ihre Rückmeldung!

Herzliche Grüße aus Paderborn
i.A.
Maria Aßhauer
Erzbischöfliches Generalvikariat Paderborn
Marketing, Kommunikation und Pressestelle



Susanne Busch-Degenhardt <susanne.busch-degenhardt@gmx.net>
08.01.2019 19:55

An
info@erzbistum-paderborn.de
Kopie
Thema
Brief an die Ehemänner



Hallo, Erzbistum,

Heute kam ein Brief von Herrn Becker zu uns ins Haus. Unabhängig vom Inhalt möchte ich fragen: warum an meinen Mann? Warum nicht auch an mich? Oder an uns als Paar?
Gibt es noch die Idee des Haushaltsvorstands bei Ihnen?
Kommt ein Extra- Brief nach (Papierverbrauch) ?
Wie ist hier Ihr Konzept? Wer macht bei Ihnen das Maketing? Wir stehen Sie zur Gleichberechtigung von Mann und Frau ?
Der erste Brief vom Bischof und dann direkt diese Fragen.
Vielleicht haben Sie Antworten.
Mit freundlichen Grüßen,
Susanne Busch- Degenhardt,
Ehefrau von Markus Degenhardt ;-)

3 Kommentare

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