Di., 15.01.2019

Beckers Schreiben hat viele Frauen verärgert – Marketingleiterin entschuldigt sich für Adresszeile Der Erzbischof und sein Brief

Auch während seiner Predigt in der Weihnachtsnacht sprach Erzbischof Hans-Josef Becker über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, den er ebenfalls in dem Brief zum Jahreswechsel an alle Katholiken im Erzbistum thematisierte. Der Brief ist persönlich vom Erzbischof unterschrieben und mit einem doppelten Kreuz, das auch als Erzbischofskreuz bezeichnet wird, versehen.

Auch während seiner Predigt in der Weihnachtsnacht sprach Erzbischof Hans-Josef Becker über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, den er ebenfalls in dem Brief zum Jahreswechsel an alle Katholiken im Erzbistum thematisierte. Der Brief ist persönlich vom Erzbischof unterschrieben und mit einem doppelten Kreuz, das auch als Erzbischofskreuz bezeichnet wird, versehen. Foto: WB

Von Matthias Band und Ingo Schmitz

Paderborn (WB). Warum ist der zum Jahreswechsel erstmals von Erzbischof Hans-Josef Becker versandte Brief zum Großteil an Männer verschickt worden, was zahlreiche Frauen verärgerte? Ursache sei ein Fehler bei der Adressierung gewesen, sagt Heike Meyer, Leiterin der neuen Marketingabteilung des Erzbistums.

Zwar wurden die Briefe an alle rund eine Million Haushalte im Erzbistum verschickt, adressiert waren sie aber vor allem an die Männer. An Frauen war der Brief nur dann adressiert, wenn sie alleine leben oder der Mann nicht katholisch ist. Da in dem Brief jedoch nicht erklärt wurde, dass das Schreiben an alle Bewohner des Haushalts gerichtet ist, fühlten sich viele Frauen ausgeschlossen.

Auch Kritik an den Kosten des Briefes

Die Kritik an dem Brief des Erzbischofs hat sich auch an den Kosten der Aktion entzündet. »Das Geld für diesen Aufwand hätte die Kirche spenden sollen«, schreibt zum Beispiel ein User auf Facebook. Heike Meyer, Leiterin der neuen Marketing-Abteilung des Erzbistums Paderborn, verteidigt den Brief von Hans-Josef Becker und die Kosten dafür. Etwa 230.000 Euro hat die sogenannte ­Dialogpost nach Angaben des Erzbistums gekostet. »Wenn man die Kosten auf die Gesamtzahl der Empfänger herunterbricht, dann entsteht nur ein geringer Cent-Betrag dafür, dass man die Gläubigen direkt erreicht.«

»Es sind aber die Zeiten vorbei, in denen sich die Frauen über ihre Männer angesprochen fühlen mussten. Gerade in einer Zeit, in der die Kirche ohne die Frauen nicht mehr bestehen könnte, weil die meiste, vor allem ehrenamtliche, Arbeit in der Kirche von Frauen geleistet wird, scheint es immer noch nicht möglich zu sein, auch die Frauen als eigenständige Wesen wahrzunehmen«, kritisieren zum Beispiel die katholischen Frauengemeinschaften des Pastoralverbundes Borchen (Kreis Paderborn) in einem offenen Brief. In dem Schreiben des Erzbischofs zeige sich der »von uns in der Kirche oft erfahrene Umgang mit der Frau als Christin, der nicht auf Augenhöhe geschieht. Das macht uns wütend und traurig«, heißt es weiter in dem offenen Brief.

Meyer: »Wir nehmen die Kritik sehr ernst«

Heike Meyer hat Verständnis für solche Äußerungen. »Wir nehmen diese Kritik sehr ernst. Der Brief des Erzbischofs spricht aber alle Katholi­kinnen und Katholiken direkt an«, sagt die 42-Jährige. Um einen Doppelversand zu vermeiden, habe das Erzbistum nach Haushalten gefiltert. »Infolgedessen wurden dann leider im ­Adressfeld nur die Männer genannt. Dafür entschuldigen wir uns ausdrücklich.« Durch eine andere Adressverwaltung solle ein solcher Fehler künftig ausgeschlossen werden. »Das Gute daran ist, dass sich viele Frauen bei uns gemeldet haben. Wir sind mit ihnen ins Gespräch gekommen«, sagt Meyer. Dadurch seien viele Themen angestoßen worden, die wichtig für die Arbeit der Kirche seien. Bis auf wenige Ausnahmen hätten die Frauen nach der Erklärung mit Verständnis reagiert.

»Dem Bischof war es ein großes Anliegen, mit den Gläubigen ins Gespräch zu kommen, weil viel Vertrauen verloren gegangen ist. Das wurde nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie nochmals deutlich. Wir erreichen nicht alle Menschen über die Zeitung, die sozialen Medien, unsere Internetseite oder den Hirtenbrief. Deswegen haben wir uns gemeinsam zu der Aktion entschlossen. Wir wollten zeigen, was unsere Haltung ist, welche Maßnahmen wir bereits ergriffen haben und was wir uns für die Zukunft vorgenommen haben.«

Der Brief ist persönlich vom Erzbischof unterschrieben. Foto: WB

Meyer betont darüber hinaus, dass der Erzbischof auch Lob für seinen Brief erhalten habe. »Positiv hervorgehoben wurde unter anderem, dass der Bischof klare Worte zum Missbrauch gefunden hat. Anderen ging der Brief aber noch nicht weit genug«, sagt ­Meyer. Wie berichtet, hatte Becker, der das Erzbistum mit 1,5 Millionen Katholiken seit 2003 leitet, in dem Brief den sexuellen Missbrauch in der Kirche scharf kritisiert und Konsequenzen angekündigt.

Becker spricht von »einem großen und schmerzhaften Verfehlen«. Die Ergebnisse der im Herbst veröffentlichten Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe seien »für uns erschreckend und beschämend. Nichts davon ist zu relativieren.« Weiter schrieb Becker: »Durch Vertuschung und Verdrängung hat die Kirche in dieser Hinsicht jahrzehntelang schwere Schuld auf sich geladen.« Die Kirche sei ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen oft nicht gerecht geworden.

111 Beschuldigte im Erzbistum Paderborn

Eine von den Bischöfen beauftragte Forschergruppe hatte in den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 Hinweise auf 3677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden. Das Erzbistum Paderborn verzeichnete mindestens 197 Betroffene und 111 beschuldigte Kleriker. Becker kündigte an, die bisherige Präventionsarbeit zu intensivieren. Zudem teilte er mit, dass die Erzdiözese inzwischen der Staatsanwaltschaft Zugang zu allen von dort angefragten Unterlagen verschafft habe.

Heike Meyer, Marketing-Leiterin des Erzbistums. Foto: Hannemann

Bereits im Interview mit dieser Zeitung, das am 24. Dezember 2018 veröffentlicht wurde, hatte Becker sich zu der Missbrauchsstudie geäußert: »Meine Traurigkeit und meine Enttäuschung sind unendlich groß. Für die Kirche, der ich mich verschrieben habe, schäme ich mich, dass solche Verbrechen bagatellisiert und Opfer nicht ernst genommen worden sind. Man hat versucht, als Institution möglichst unbeschadet aus der Sache herauszukommen. Es tut mir in der Seele weh, dass so viel Unheil und so viel Schaden verursacht worden sind.« Er teile die Einschätzung des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), wonach die Aufarbeitung des Skandals zur Nagelprobe für das Ringen der katholischen Kirche um neue Glaubwürdigkeit werde.

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