Sa., 19.01.2019

Teresa Käuper räumt im Gespräch mit dem WB mit einigen Irrtümern auf Diese Paderbornerin will Hörgeschädigten helfen

Vorträge, Workshops und auch Yogakurse bietet Teresa Käuper Betroffenen und Angehörigen wie auch hörenden Interessierten an. Die 34-Jährige ist von Geburt an fast taub und kann gut die Situation der Betroffenen nachvollziehen.

Vorträge, Workshops und auch Yogakurse bietet Teresa Käuper Betroffenen und Angehörigen wie auch hörenden Interessierten an. Die 34-Jährige ist von Geburt an fast taub und kann gut die Situation der Betroffenen nachvollziehen. Foto: Besim Mazhiqi

Von Marion Neesen

Paderborn (WB). Teresa Käuper kommt zu Besuch in die WB-Redaktion in Paderborn und stellt ihre Arbeit vor. Sie ist keine gewöhnliche Gesprächspartnerin. Die 34-Jährige ist von Geburt an fast taub. Ist daher ein Gespräch überhaupt möglich? Wie kompliziert wird das Interview? Redakteurin Marion Neesen hat sich mit ihr unterhalten.

Unterhalten – das ist ein gutes Stichwort. Werde ich Teresa Käuper und vor allem wird sie mich überhaupt verstehen? Ich will ihr unvoreingenommen, aber auch irgendwie hilfsbereit begegnen und denke mir: Laut, langsam und gut artikuliert sprechen, das ist sicherlich sinnvoll.

Erfreut stelle ich sofort fest, dass eine Unterhaltung kein Problem sein wird, da wir mit Hilfe von Sprache ganz normal kommunizieren können. Irgendwie hatte ich gedacht, dass Hörgeschädigte automatisch auf Gebärdensprache angewiesen sind. Ein Irrtum. Es wird nicht der einzige bleiben.

Schwerhörigkeit besser verstehen

Teresa Käuper ist Sozialarbeiterin, staatlich anerkannte Heilerziehungspflegerin und Yogalehrer­in. Sie arbeitet bei der Caritas in Teilzeit. Weitere Zeit möchte sie »ihrem« Thema, nämlich dem Hören, widmen. Schwerhörigkeit besser verstehen, das ist ihr großes Anliegen.

Ganz schön paradox, denke ich: schwer hören, aber besser verstehen. Widerspricht sich das nicht ? Schon wieder ein Irrglaube. Denn Verstehen ist nicht gleich Verstehen.

»Hörgeschädigte werden in der Gesellschaft immer noch in eine Ecke gestellt. Man traut ihnen wenig zu. Dabei steckt ebenso viel Potenzial in ihnen wie in jedem anderen auch. Die Schädigung muss allerdings frühzeitig erkannt werden, um durch entsprechende Förderung einen guten Spracherwerb erzielen zu können«, sagt die Paderbornerin über ihre Arbeit.

Sie selbst hat einen Regelkindergarten und eine Regelschule besucht. Sie ist nach dem natürlich hörgerichteten Ansatz gefördert worden. »Abends haben wir die Ereignisse eines Tages, etwa einen Besuch im Zoo, in einem Rollenspiel noch einmal aufgearbeitet und in einem Tagebuch malerisch mit Sprechblasen festgehalten«, gibt Teresa Käuper einen Einblick, wie Hörgeschädigte auf natürlichem Weg und ohne technische Hilfe Zugang zur Sprache finden. Der Wiederholungsprozess ermögliche die Einprägung der Sprache. »Nach individuellen Interessen zu handeln, ist dabei erfolgversprechender. Das Kind bringt mehr Konzentration und Ausdauer mit«, erklärt Teresa Käuper.

Von den Lippen lesen

Die 34-Jährige nutzt zwar ein Hörgerät, kann aber ihrem Gesprächspartner auch von den Lippen lesen. »Wenn Hörende betont laut sprechen bewirkt das genau das Gegenteil. Die Worte werden verzerrt. Besser ist es, Hörgeschädigte beim Sprechen anzuschauen, statt anzuschreien«, erklärt sie. Ups, da bin wohl auch ich ins Fettnäpfchen der Unwissenheit gestapft: von wegen laut und langsam sprechen. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Mit meiner lauten Zeitlupenkommunikation habe ich unwissend gleich die Schublade »mein Gegenüber ist anders, eben nicht normal« bedient. Beschämt kehre ich zu meiner üblichen Lautstärke zurück; vielleicht hat sie es ja nicht gemerkt. Aber auch da könnte ich mich irren.

Denn in manchen Punkten sind Schwerhörige doch anders, nämlich besser. Wenn Teresa Käupers Nachbar Kaffee kocht, kann sie den Duft eine Etage höher in ihrer Maisonettewohnung riechen. Klopft es heftig an der Tür, spürt sie die Vibrationen. »Ich habe ganz andere Antennen«, sagt sie über die Sinnesstärken hörgeschädigter Menschen. Sehen, Spüren, Riechen – diese Sinne sind viel stärker ausgeprägt. Die Methode des natürlichen Ansatzes fördert die intakten Sinne. »Wir hören mit dem Gehirn. Jeder entwickelt eigene Kompensationsstrategien, auf die die Hörenden vertrauen sollten«, wirbt die Paderbornerin, Hörgeschädigten ganz »normal« zu begegnen. Wichtig ist ihr, Eltern zu unterstützen. »Wird bei einem Baby Hörschädigung festgestellt, stehen Eltern erst einmal vor ganz vielen Fragezeichen«, weiß Teresa Käuper, »die ersten Lebensjahre sind für ein Kind die wichtigsten für seine sprachliche, geistige und psychische Entwicklung.«

Wenn Teresa Käuper Menschen kennenlernt, bindet sie ihnen ihre Hörschädigung nicht gleich auf die Nase. »Ich lasse die Leute erst ihre Erfahrung mit mir und nicht mit der Behinderung machen«, setzt sie so auf Unvoreingenommenheit, »an erster Stelle muss der Mensch gesehen werden, die Schwerhörigkeit ist nur ein Teil von ihm.«

Die 34-Jährige fühlt sich in die Gesellschaft integriert. Aber auch sie hat Erfahrungen mit Ausgrenzung, Unverständnis und Einsamkeit gemacht. »Das bestärkt mich, meine Erfahrungen positiv umzukehren und diese an Betroffene weiterzugeben«, erläutert sie ihre Ambitionen. Sie möchte sich dafür einsetzen, dass Menschen mit einer Schwerhörigkeit lernen, selbstsicher und selbstbewusst zu leben und Strategien finden, die ihnen das Leben vereinfachen. Eines hat sie heute auf jeden Fall schon mal geschafft: Ich kann Schwerhörigkeit jetzt ein bisschen besser verstehen – und Menschen anzuschreien ist bei Hörgeschädigten genauso eine schlechte Idee wie unter Hörenden.

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