Fr., 25.01.2019

Schrille Inszenierung der Büchner-Komödie »Leonce und Lena« Der Prinz als Punk

Robin Berenz in der Rolle des Prinzen Leonce.

Robin Berenz in der Rolle des Prinzen Leonce. Foto: Christoph Meinschäfer

Von Manfred Stienecke

Paderborn (WB). Auch so hat es Charme: Die beiden unangepassten Königskinder Leonce und Lena kommen als fröhlich-freche Punks auf die Paderborner Theaterbühne.

Für manchen Besucher im ausverkauften Studio des Theaters ist die grellbunte, bisweilen schräge Inszenierung des Büchner-Stücks »Leonce und Lena« von Gastregisseur Jan Langenheim sicher gewöhnungsbedürftig. Er hievt die gegen die Konventionen der Biedermeierzeit geschriebene Komödie als jugendliche Spaßattacke gegen das Spießertum in die Flowerpower-, Pop- und Punk-Ära und setzt so geschickt auf den Schock- und Aha-Effekt, den sicher auch Georg Büchner im Sinn gehabt hat.

Aufstand gegen die Langeweile

Auf der nur durch eine drehbare Kulissenwand in die verschiedenen Handlungsorte führenden Bühne probt Prinz Leonce (glänzend gespielt von Robin Berenz in seiner ersten großen Rolle am Paderborner Theater) den Aufstand gegen die Öde und Langeweile im Königreich Popo, das sein Vater (Max Rohland gibt ihn vorzüglich als tuntenhaften Melancholiker) in phlegmatischer Fürsorgepflicht regiert. Um sich an sein Volk zu erinnern, muss er sich einen Knoten ins Taschentuch machen.

Kongenial ergänzt wird Leonce in seiner Rolle als fantasievoller Aufbegehrer durch seinen Freund und Begleiter Valerio (spielfreudig: Ogün Derendeli), einem ebenso rauf- und sauflustigen wie wortgewandten Narren in bester Shakespeare-Manier. Intelligent werfen sie sich gegenseitig Bälle zu, kommentieren oder zitieren Zeitgenossen und genießen ansonsten ihre höfischen Freiheiten.

Flucht vor der Zwangsehe

Die endet allerdings, als Leonce auf königlichen Wunsch hin mit der ihm gänzlich unbekannten Prinzessin Lena (mädchenhaft keck: Gesa Köhler) aus dem Königreich Pipi verheiratet werden soll. Der Prinz wählt die Flucht, bei der er unbewusst seiner ebenfalls mit ihrer couragierten Gouvernante (Josephine Mayer) vor der eingefädelten Hochzeit getürmten Braut begegnet – und sich (natürlich) in sie verliebt.

Im zweiten Teil der Komödie zügelt Regisseur Langenheim das zuvor durchgehaltene anarchische Temperament seiner Inszenierung zugunsten einer »romantischeren« Anlage, die dem traditionellen Stückverständnis wieder näher kommt. Bei der Begegnung der beiden Königskinder in exotischer »Waldkulisse« – dafür werden kübelweise mediterrane Plastikpflanzen hin und her geschleppt – schimmern jetzt auch ehrliche Gefühle durch, die augenzwinkernd ins Happy-End führen.

Karnevalistische Kostüme

Das zur Pause noch reservierte Publikum – wer in der ersten Reihe sitzt, erfährt sogar eine besondere Zuwendung der Darsteller – freundet sich zunehmend mit der Inszenierung an und spendet am Schluss der Premiere dann doch den verdienten, fast schon euphorisch ausfallenden Applaus. Der gilt neben den Hauptrollen auch den köstlich gezeichneten Nebenfiguren, für die Daniel Minetti, Nancy Pönitz und Tim Tölke als pure Verwandlungskünstler in die vielen, von Veronika Bleffert fast schon karnevalistisch getrimmten Kostüme schlüpfen.

Die nächsten Vorstellungen gibt es am 30. Januar sowie am 3. und 9. Februar.

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