Die Väter des Grundgesetzes hielten sie für unerlässlich – Heute steht sie in der Kritik
Früher war Religion wichtig

Paderborn (WB). Ihm sei die schlechteste christliche Welt immer noch lieber als die beste heidnische, sagte Heinrich Böll einmal. Braucht der heutige Staat die Religion? So lautete die Leitfrage beim »Paderborner Religionsgespräch« im Rathaus.

Freitag, 08.02.2019, 16:00 Uhr
Diskutierten vor Paderborns Stadtfahne über die Bedeutung von Religion (von links): Aiman Mazyek, Annette Schavan, Christiane Florin, Hans-Joachim Höhn, Elisa Klap­heck und die Moderatorin Susanne Fritz. Einig waren sie sich darin, dass gute Religion dem Staat und den Menschen Nutzen bringen kann. Foto: Dietmar Kemper
Diskutierten vor Paderborns Stadtfahne über die Bedeutung von Religion (von links): Aiman Mazyek, Annette Schavan, Christiane Florin, Hans-Joachim Höhn, Elisa Klap­heck und die Moderatorin Susanne Fritz. Einig waren sie sich darin, dass gute Religion dem Staat und den Menschen Nutzen bringen kann. Foto: Dietmar Kemper

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei das gar keine Frage gewesen, betonte die ehemalige Bundesbildungsministerin und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Nach der gottlosen Nazi-Zeit hätten die Väter und Mütter des Grundgesetzes die christliche Religion als einzig wirksame Kraft gegen alles Totalitäre angesehen. In den Jahrzehnten danach sei die Bedeutung von Religion gesunken, ihre Deutungsmuster seien »durch die Deutungsmuster der Wissenschaft ersetzt worden«.

Tatsächlich sind die Zeiten, als nach dem Zweiten Weltkrieg 97 Prozent der West- und 92 Prozent der Ostdeutschen entweder evangelisch oder katholisch waren, lange vorbei. In der Gegenwart sieht Schavan den Negativtrend aber gestoppt: »80 Prozent der Menschen weltweit sagen: wir glauben.«

Grundgesetz-Präambel betont den Wert der Religion

Christiane Florin, Journalistin beim Deutschlandfunk, verwies auf die Präambel des Grundgesetz, wonach Religionen willkommen und nötig seien. Politiker dürften sie benoten – zum Beispiel bekomme der Islam immer wieder einen »Eintrag ins Klassenbuch« –, aber der Staat müsse neutral sein. Kein Verständnis hat Florin für Religionsgemeinschaften, »in denen Männer mehr wert sind als Frauen« und in denen sich Priester, die Kinder missbrauchten, der Strafverfolgung entziehen könnten. Kirchen müssten sich an den weltlichen Maßstäben der Gleichberechtigung orientieren – »der Staat braucht Religionen, aber auch wache Religionskritik«.

Aiman Mazyek fordert Gleichbehandlung des Islam

Alle Religionsgemeinschaften müssten gleich behandelt werden, mahnte der Vorsitzende des Zen­tralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, bei der vom Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften (ZeKK) der Uni Paderborn und der European Academy on Religion and Society organisierten Veranstaltung. Seit zehn Jahren fordere die islamische Seite Seelsorger für die muslimischen Soldaten der Bundeswehr – ohne Erfolg. Mazyek: »Die Politik fürchtet sich vor öffentlichen Diskussionen wie ›Jetzt auch noch muslimische Imame in der Bundeswehr‹.«

Komfortable Situation, aber wenig intellektueller Esprit?

Dass Muslime benachteiligt werden, glaubt Annette Schavan nicht. Die islamische Theologie habe sich an den deutschen Hochschulen etabliert. Die Verträge, die der deutsche Staat mit den Kirchen abschließt, hätten diesen eine »komfortable Situation« verschafft, aber die Bereitschaft zu energischen intellektuellen Diskussionen eher geschwächt, bedauert die Professorin für Jüdische Studien an der Uni Paderborn, Elisa Klapheck. Der Staat brauche »gute Religion«, nicht Antworten von gestern und erstarrte Traditionen.

Durch die Verträge mache der Staat die Religionen größer und wichtiger, als sie es in Wirklichkeit seien, rügte der Professor für systematische Theologie an der Uni Köln, Hans-Joachim Höhn. Dadurch sei der Eindruck entstanden, als dürften sie nicht kritisiert werden, weil sie ja Schwachen helfen und Sinn im Leben vermitteln. Diesen Heiligenschein hält Höhn für unangemessen.

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