Di., 16.04.2019

Kabarettist »Herr Schröder« gibt Doppelstunde vor Lehrerpublikum Betteln um ein Nachsitzen

»Herr Schröder« kennt sich in der »World of Lehrkraft« aus.

»Herr Schröder« kennt sich in der »World of Lehrkraft« aus. Foto: Stienecke

Von Manfred Stienecke

Paderborn (WB). Doppelstunde bei »Herrn Schröder«: Im »Klassenraum« der Paderhalle sitzen vor allem Pädagogen. Auf dem Lehrplan steht die »World of Lehrkraft«, und der Unterricht ist tatsächlich unterhaltsam.

Johannes Schröder ist studierter Deutschlehrer und hat nach mehrjähriger Lehrtätigkeit an einem Gymnasium umgesattelt. Der 44-jährige Pädagoge ist ins Kabarettfach gewechselt. Auf der Bühne der mit fast 700 Besuchern – in der überwiegenden Anzahl ebenfalls Lehrer – gut gefüllten Halle versetzt sich Herr Schröder in seinem ersten Kabarettprogramm in seine alte Rolle. Er gibt den verständnisvollen, kumpelhaften Pauker in Jeans und Freizeithemd. »Wenn ihr gut mitmacht, hören wir fünf Minuten vorher auf«, verspricht er. Ein paar Nachzügler im Saal begrüßt er verständnisvoll: »Das hätte mich auch gewundert, wenn wir schon vollzählig gewesen wären.«

Mit der Schulglocke geht’s los

Mit der Schulglocke beginnt die Stunde. Aus dem Publikum, in dem der Wahl-Kölner mit geschultem Blick gleich die »Gruppe Impulsreferat« und in der anderen Ecke die »Problemschüler« ausmacht, pickt er sich in plaudernder Manier Personen heraus, mit denen er im Verlauf des Abends immer wieder in den Saal hinein kommuniziert. Mit sicherem Gespür hat er mit Uli und Arno, Carina und Sabine tatsächlich Kollegen erwischt, dazu kommen mit Lennart, Melissa, Ben und Mehmet aber auch Schüler, so dass sich im jeweiligen Zwiegespräch der ganze Schulalltag abbildet.

In der Deutschstunde geht es zunächst um grammatikalische Besonderheiten der deutschen Sprache und Irritationen bei Rechtschreibung und Zeichensetzung. Herr Schröder fragt seine Zuhörer, ob sie die Schreibweise »ihr wart« oder »ihr ward« für richtig halten und erhält das von ihm erwartete Handzeichen-Ergebnis von etwa 50 zu 50. Auch bei der Groß- und Kleinschreibung rät er zur Vorsicht. Im Brief an die Schwiegermutter müsse man sich genau überlegen, ob man im geheuchelten Bekenntnis »Ich hab’ dich Ungeheuer gern« das Adverb nicht doch besser klein schreibe. Überhaupt müssten die Erfinder der deutschen Sprache reine Sadisten gewesen sein. »Warum«, empört sich der Germanist, »steckt im Wort ‘lispeln’ ein ‘s’?«

Exkurs in den Biologie-Unterricht

Dann gibt es noch einen kurzen Exkurs in die Biologiestunde. Herr Schröder unterrichtet hier zwar fachfremd, verfügt aber über eine gewisse Grundbildung in der Zoologie. »Schwäne«, weiß er, »sind die einzigen Tiere, die ihr Leben lang monogam leben. Deshalb haben die auch so ‘nen Hals.«

Nach der großen Pause flacht der Unterricht ein wenig ab. Herr Schröder zitiert Klassenbucheintragungen und liest aus dem Tagebuch seiner Schülerin Anastasia vor, das sie im Klassenraum liegen gelassen hat. Das Lehrer-Publikum scheint die Formulierungen zu kennen und kichert erheitert. Auch der vom Schulamt angeblich fest »eingebaute« Papierstau im Schulkopierer wird ebenso nickend bestätigt wie der von Herrn Schröder aufgeschnappte Schüler-Sprech auf dem Pausenhof. Dass Klassenfahrten immer nach Malle oder Amsterdam gingen, kann Uli im Publikum allerdings nicht bestätigen: »Wir sind nach Hardehausen gefahren.«

Nach 140 Minuten ist die Doppelstunde aus. Aber als gewiefter Pauker kriegt Herr Schröder sein Publikum noch dazu, begeistert um ein »Nachsitzen!« zu betteln.

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