Di., 16.04.2019

Jugendamtsmitarbeiter angegriffen – Behörde hatte der Frau Baby weggenommen Gericht verurteilt junge Mutter

Der Prozess fand am Landgericht Paderborn statt, das auch für den Bereich Lippstadt verantwortlich ist.

Der Prozess fand am Landgericht Paderborn statt, das auch für den Bereich Lippstadt verantwortlich ist. Foto: Jörn Hannemann

Von Ulrich Pfaff

Lippstadt/Paderborn (WB). Das Drama beginnt in Somalia mit einer geplanten Zwangsheirat. Es endet mit einer Haftstrafe von fast vier Jahren für eine 26-Jährige. Am Dienstag hat das Landgericht Paderborn einen juristischen Schlusspunkt unter den aufsehenerregenden Fall gesetzt, der sich im vergangenen September abgespielt hat.

Im Jugendamt in Lippstadt wurde bei dem Vorfall im September 2018 ein Mitarbeiter von der jungen Mutter mit einem Messer am Bein verletzt. Die 26-Jährige, die aus Somalia stammt, musste sich seit Mitte März vor dem Landgericht Paderborn wegen versuchten Totschlags verantworten. Das Schwurgericht hatte dabei die nicht ganz leichte Aufgabe, die Hintergründe aufzuklären, die zu der Tat geführt hatten – und hörte dazu als Zeugen auch in Deutschland lebende Verwandte der Angeklagten, die sich beharrlich ausschwiegen.

Gericht spricht von »Bestrafungsaktion«

Im Kern ging es bei der Tat um etwas, das die 1. Große Strafkammer in ihrem Urteil als »Bestrafungsaktion« bezeichnete. Die 26-Jährige habe sich am Jugendamt rächen wollen, weil ihr das Baby wenige Tage nach der Geburt weggenommen worden war. Die Behörde hatte mit dem Kindeswohl argumentiert, das sie gefährdet gesehen hatte. Die Frau war offensichtlich mit der korrekten Versorgung des Kleinkindes überfordert gewesen, schon lange vor der Entbindung hatte sich ihre Wohnung in einem verwahrlosten Zustand befunden.

Die psychiatrische Gutachterin Dr. Nahlah Saimeh kam nach knapp sechsstündigen Gesprächen mit der Angeklagten zu dem Ergebnis, dass diese sich in Deutschland zunehmend sozial isoliert habe, »entwurzelt und hochgradig unglücklich« sei. Ihre Lebensumstände und die Einsamkeit sprächen für eine Depression, die behandlungsbedürftig sei – aber keinen Einfluss auf die Schuldfähigkeit habe.

Belehrungen soll die Mutter nicht richtig verstanden haben

Denn auf der anderen Seite sei die junge Frau sehr wohl »zweckrational« vorgegangen: In ihrer Wut auf das Jugendamt habe sie Rache nehmen wollen, sei mit einem Messer dorthin gegangen und habe jemanden verletzt. Diese Handlung habe ihren Ursprung in einer Art Kränkung: Die Angeklagte habe die Wegnahme des Kindes als Kritik an ihren eigenen Fähigkeiten empfunden, die sie aufgrund den Konventionen ihrer Herkunft für gegeben gehalten habe – Belehrungen über korrektes Vorgehen bei der Versorgung des Kindes habe sie inhaltlich nicht richtig verstanden.

Eine Verwandte der 26-Jährigen konnte dem Gericht weiterhelfen: In Somalia sei es üblich, dass die Familie einspringe, wenn eine junge Mutter Schwierigkeiten mit einem Kind habe – »das gibt es da nicht, dass eine Behörde einer Frau ein Kind wegnimmt«, sagte die Zeugin.

Tante über Wandel der 26-Jährigen erschrocken

Überhaupt scheint die 26-Jährige in den vergangenen neun Jahren kulturell und persönlich in einen Strudel geraten zu sein. Ihre gleichaltrige Tante berichtete, dass beide Frauen 2010 zusammen aus Somalia geflüchtet seien: Die Angeklagte habe mit dem Chef einer Terror-Miliz zwangsverheiratet werden sollen, die Weigerung ihrer Familie habe zu einem Überfall geführt, bei dem Ehemann der Tante getötet wurde.

In den ersten Jahren in Deutschland hatten beide Frauen noch Kontakt miteinander: Die 26-Jährige sei in Lippstadt heimisch geworden, habe dort die Schule besucht und soziale Kontakte geknüpft. Als sie sich vor der Geburt des Kindes nach mehreren Jahren zum ersten Mal wiedergesehen hätten, sagte die Tante, sei sie über den Wandel in der Persönlichkeit erschrocken. Wie die Gutachterin feststellte, seien Migrationserfahrungen hohe Risikofaktoren für psychische Erkrankungen – wie sich wohl auch bei der 26-Jährigen andeute.

Frau sticht dreimal nach Jugendamtsmitarbeiter

Das Gericht hörte auch den verletzten Mitarbeiter des Jugendamtes als Zeugen. Der berichtete über den dramatischen Vorfall, den er dank einer schnellen Reaktion lediglich mit einer Schnittwunde am Unterschenkel überstand. Die 26-Jährige sei schon mit dem Messer in der Hand in sein Büro gekommen, er habe sie mit den Füßen auf Distanz halten können, während sie drei Mal nach ihm gestochen habe. Eine Kollegin, durch Hilferufe alarmiert, stürzte in sein Büro, so dass der 40-Jährige die Gelegenheit nutzte, sich den Weg nach draußen mit einer Aktentasche freizuschlagen.

Letztlich kam das Schwurgericht zu der Überzeugung, dass es sich nicht um einen versuchten Totschlag, sondern um eine vollendete gefährliche Körperverletzung handele. Dafür verhängte es eine Haftstrafe von drei Jahren und zehn Monaten. Ein Tötungsvorsatz sei nicht zu erkennen, es sei der 26-Jährigen darum gegangen, die Institution Jugendamt zu bestrafen, weil sie sich durch deren Handeln »zu Unrecht gekränkt« gefühlt habe. Es sei ihr egal gewesen, welchen der Mitarbeiter sie verletze.

Als besonders schwerwiegend zog die Kammer beim Urteil heran, dass die Behörde für ihre Mitarbeiter ein geschützter Raum sei, und diese durch den Angriff erheblich verunsichert seien. »Das kann nicht toleriert werden«, sagte Richter Eric Schülke. Das Jugendamt habe die Aufgabe, das Kindeswohl zu sichern, und dies sei im vorliegenden Fall auch durch alle juristischen Instanzen bestätigt worden. »Das muss man hinnehmen, und es geht nicht an, dann ein Messer zu nehmen und seine eigenen Regeln aufzustellen.«

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