Mi., 17.04.2019

Kontrolle und Wirtschaftsboom: Richard Erb und Carsten Linnemann über China Achtung, rote Ampel!

Was kennzeichnet China? Carsten Linnemann (links) und Richard Erb schilderten im Paderborner Liboriusforum ihre Eindrücke.

Was kennzeichnet China? Carsten Linnemann (links) und Richard Erb schilderten im Paderborner Liboriusforum ihre Eindrücke. Foto: Dietmar Kemper

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). In China geht Carsten Linnemann nicht mehr bei Rot über eine Ampel. Der Grund sind die allgegenwärtigen Videokameras und das schlechte Gewissen, das sie erzeugen.

»Totale Überwachung«

»Sie erleben in allen Städten die totale Überwachung, auch in den Hotels und Bars«, erzählte der Paderborner Bundestagsabgeordnete am Dienstagabend beim gut besuchten Themenabend China der CDU. Im Hotel in Peking habe ihn jeden Morgen auch noch ein Mitglied der Kommunistischen Partei persönlich zum Frühstück gebracht, berichtete der Politiker. Als er in Schanghai auf der Suche nach einer Bank bei Rot loslief, hätten ihn Kameras und ein Polizist dabei beobachtet.

Linnemann hielt sich Ende Februar sechs Tage lang auf Einladung der Kommunistischen Partei in dem Riesenreich auf. In Paderborn berichtete er vom Besuch einer Firma, die Algorithmen für die Gesichtserkennung entwickelt. Auf einem Monitor sah er, wie eine Person in einer U-Bahn von einer Kamera erfasst und dann dessen ganze Lebensgeschichte sichtbar wurde.

Experte: Datenschutz ist kein Thema

In Deutschland würde das für einen Aufschrei der Entrüstung sorgen. In China rege sich niemand darüber auf, sagte der Hauptredner des Abends, Richard Erb. »In China entsteht ein Überwachungsstaat der Zukunft, aber junge Chinesen interessieren sich überhaupt nicht für Datenschutz«, sagte Erb, der sich zwischen 1992 und 2010 beruflich in Asien aufhielt, gerade erst von einer China-Reise zurückgekehrt ist und außerdem dem Team des Paderborner Konfuzius-Instituts angehört.

Wenn chinesische Studenten zu acht in einem Zimmer lebten, gebe es für sie ohnehin keine Privatsphäre, sagte er. Die Regierung habe in der Bevölkerung für das Bezahlen per Handy geworben, um an deren Daten heranzukommen, die dann für Kontrolle und Überwachung, aber auch für die Verkehrsplanung genutzt werden.

Apropos Straßenverkehr: Erb erzählte von einem chinesischen Freund, der seinen Führerschein verliere, wenn er die ihm zugestandenen zwölf Punkte aufgebraucht hat. Bei Rot über die Ampel zu fahren, koste schon allein sechs Punkte, die Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit um zehn Kilometer pro Stunde drei. Erb hat beobachtet, dass die Chinesen gesitteter fahren als früher.

Dynamische Wirtschaftsmacht

China ist aber weit mehr als ein Überwachungsstaat. Es ist auch eine Wirtschaftsmacht mit einer unglaublichen Dynamik. Das Wirtschaftsprogramm »Made in China 2025« sieht vor, dass bis dahin ausländische Technik durch einheimische ersetzt sein und sich das Land dann auf Augenhöhe mit Deutschland befinden soll. China sei führend bei Autos mit Batteriezellen statt Motoren, kämpfe mit den USA um die Führungspoistion bei der Künstlichen Intelligenz und investiere mehr in die Erneuerbaren Energien als die ganze Europäische Union zusammen, sagte Erb. Und er nannte eine weitere aufschlussreiche Kennziffer: In den letzten 30 Jahren seien 120.000 Autobahnkilometer entstanden.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6550047?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F