Mi., 17.04.2019

Paderborner Forscher entwickeln Sicherheitstechnik für Radfahrer Wenn der Lenker vibriert

Julian Hainovski (auf dem Rad) und Dominik Buse können Paderborns Straßennetz virtuell abfahren und Gefahrensituationen simulieren. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Zahl der Unfälle mit Kindern und älteren Personen zu senken.

Julian Hainovski (auf dem Rad) und Dominik Buse können Paderborns Straßennetz virtuell abfahren und Gefahrensituationen simulieren. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Zahl der Unfälle mit Kindern und älteren Personen zu senken. Foto: Jörn Hannemann

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Unachtsam reißt der Autofahrer auf dem Parkplatz die Tür auf. Ein Radfahrer kann nicht mehr rechtzeitig bremsen, prallt vor das Hindernis, stürzt und verletzt sich. Hätte Technik im Autoinneren oder am Rad rechtzeitig Alarm geschlagen, wäre es nicht dazu gekommen.

»Noch warnt nichts vor dem Aufreißen einer Autotür«, bemängelt Professor Falko Dressler vom Heinz-Nixdorf-Institut der Uni Paderborn. Aber zusammen mit seinem Team will er das ändern. Wie die Sicherheit von Radfahrern verbessert werden kann, untersuchen Wissenschaftler des Instituts zusammen mit sieben Partnern aus Forschung und Wirtschaft in dem Projekt »Safety4Bikes«.

Dabei geht es nicht um Verkehrserziehung oder die Aufklärung über Gefahrenstellen, sondern um den sinnvollen Einsatz von Technik, mit dessen Hilfe eine Drahtloskommunikation zwischen Auto- und Radfahrern hergestellt werden soll. Ein Netz von Sensoren und Aktoren, die miteinander interagieren, soll die Beteiligten akustisch, haptisch und optisch warnen und so die Zahl der Unfälle verringern helfen.

Bund gibt 2,1 Millionen Euro

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt das Forschungsprojekt, das am 1. Januar 2017 anlief und am 31. Dezember 2019 enden wird, mit 2,1 Millionen Euro. Das ist gut angelegtes Geld, wie aktuell das Ergebnis einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) zeigt. Demnach fühlen sich Radfahrer im Straßenverkehr nicht sicher. In diesem Punkt vergaben sie lediglich die Schulnote »ausreichend« (4,2). Zu Unfällen kommt es immer wieder, weil Autofahrer beim Rechtsabbiegen den Radfahrer nicht sehen oder übersehen.

Informatiker diskutieren mit Psychologen

Obwohl Frauen und Männer jeden Alters gefährdet sind, ist das Risiko bei zwei Gruppen besonders hoch. »Wir hatten uns ursprünglich auf fahrradfahrende Kinder spezialisiert, haben aber dann gemerkt, dass auch ältere Menschen, die auf den Pedelecs schnell unterwegs sind, Hilfe brauchen«, erzählt Falko Dressler. Er leitet mit dem Juniorprofessor Christoph Sommer in Paderborn die Fachgruppe »Verteilte Eingebettete Systeme«. An »Safety4Bikes« sind außer dem Heinz-Nixdorf-Institut unter anderem die Universitäten Oldenburg und Erlangen-Nürnberg sowie der Fahrradhelmhersteller Uvex beteiligt. Informatiker und Ingenieure diskutieren mit Soziologen und Psychologen.

Kommunikation auf WLAN-Basis

»In diesem Verbundprojekt haben wir uns zusammengeschlossen, um aktuelle Technologien, die an Rad und Helm verbaut werden können, für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer nutzbar zu machen«, beschreibt Dressler die Motivation. Die Kommunikation zwischen Autos, ein Megatrend der Zukunft, reicht den Beteiligten allein nicht. »Autos werden sich künftig auch in Deutschland untereinander drahtlos absprechen – wir wollen jetzt noch die Radfahrer mit reinbringen«, betont Christoph Sommer. Dies solle zum Beispiel auf WLAN-Basis geschehen.

Konkret sollen Auto- und Radfahrer bei drohenden Gefahren durch Signale gewarnt werden – indem zum Beispiel der Lenker vibriert oder das Smartphone einen Ton abgibt. Bei Fahrradhelmen wäre es möglich, die Schutzwirkung beträchtlich zu erhöhen. Sie können nicht nur den Kopf vor den schmerzhaften Folgen eines Unfalls bewahren, sondern auch vor einem Crash warnen, wenn sie Lichtsignale aussenden.

»Der Airbag der nächsten Generation«

Die Kommunikation zwischen Fahrzeugen via Technik wird konsequent weiterentwickelt. Länder wie Japan und die USA sind auf diesem Gebiet schon deutlich weiter als Deutschland. Falko Dressler ist überzeugt: »Diese Technik wird auch in Deutschland in den Autos kommen und irgendwann Gesetz werden. Das ist wie der Airbag der nächsten Generation.« Den technischen und finanziellen Aufwand, um Auto- und Radfahrer zu vernetzen, hält Dressler für überschaubar: »Im Auto muss nur eine zusätzliche Software aufgespielt werden, die die Radfahrer berücksichtigt.«

Die technische Aufrüstung des Rades wird zwar »nicht null Euro kosten«, sagt Dressler, »aber das Ganze wird sich in einer Größenordnung bewegen, die man bereit ist, für seine Kinder auszugeben«. Viel Platz braucht die Computertechnik nicht. »Die passt auf einen Fingernagel«, zieht Christoph Sommer einen Vergleich.

Wiegen sich Auto- und Radfahrer dann in trügerischer Sicherheit?

Assistenzsysteme wie Kollisionswarner gibt es schon länger und sind weiter auf dem Vormarsch. Aber wiegen sie die Auto- und Radfahrer nicht in trügerischer Sicherheit? Sinkt dadurch die Aufmerksamkeit der Menschen im Straßenverkehr? Solche Fragen müssen die Psychologen und Soziologen in dem Verbundprojekt untersuchen.

Kommt hierzu die Gefahr, dass Radfahrer wegen der Sensoren und gesammelten Daten zu gläsernen Bürgern werden? In diesem Punkt beruhigt Sommer: »Wir haben darauf geachtet, dass die Daten vollständig im Nahfeld bleiben und nicht erst durch eine Cloud müssen, damit das System funktioniert.« Daten werden demnach nicht an Provider weitergegeben.

Der Sinn des Forschungsprojekts ist offensichtlich. 432 Radfahrer kamen 2018 in Deutschland ums Leben. »Mein Kind würde dieses System bekommen«, sagt Dressler. Viele Eltern dürften genauso denken.

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