Di., 23.04.2019

Sven Niemann informiert über die Graffiti-Szene und bietet Führungen an Paderborn von der bunten Seite

Sven Niemann gefällt dieses Motiv besonders gut.

Sven Niemann gefällt dieses Motiv besonders gut. Foto: Jörn Hannemann

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). »Es gibt noch unheimlich viele graue Wände in Paderborn«, sagt Sven Niemann. Er bietet öffentliche Führungen zur Graffiti-Szene in der Domstadt an und weiß, dass die etwa 20 Vertreter dieser Kunstrichtung liebend gern unscheinbare Wände kreativ gestalten würden.

Der Lippesee an der Wand

Paderborn hat nicht nur Heiligenbilder in Kirchen. Wer beim Rundgang durch die Stadt genauer hinsieht, stößt auf comicartige Kühe, ein melancholisches Frauengesicht, auf das Rathaus und das Riesenrad und sogar auf den Lippeseee an Häuser- und Brückenwänden. Sven Niemann sprüht nicht selbst, beobachtet die Szene aber ganz genau. Der 36-Jährige hat an der Uni Paderborn den Master in Linguistik gemacht und promoviert über das Thema Graffiti.

Karl Heinz Schäfer, Geschäftsführer des Verkehrsvereins und Leiter der Touristinformation, kann Street Art etwas abgewinnen und brachte mit Sven Niemann die Themenführung auf den Weg. Damit hat die Stadt jetzt 15 verschiedene. Die zur Graffiti-Kunst wundert so manchen. Die Leute seien überrascht, dass es im angeblich so konservativen Paderborn so etwas gibt, hat Sven Niemann beobachtet.

Führung dauert zwei Stunden und kostet fünf Euro

Zu der kostenlosen Führung während der »Nacht der Museen« im vergangenen Jahr seien »fast 100 Leute« zusammengekommen, erzählt er. Vier öffentliche und vier privat gebuchte Führungen begleitete er 2018 fachkundig, die nächsten öffentlichen Führungen sind morgen um 18 Uhr (Treffpunkt Touristinformation) und am 15. Juni. Die Teilnahme kostet fünf Euro pro Person, die Dauer beträgt zwei Stunden und wer dabei sein möchte, meldet sich bei der Touristinformation. Manchmal liegt die Motivation auf der Hand. »Ein Mädchen musste eine Arbeit über Graffiti schreiben, da haben ihre Eltern eine Führung gebucht«, erzählt Schäfer.

Egal, was die Menschen animiert: Sven Niemann erklärt ihnen, wie Graffiti entstehen, wie lange es sie schon gibt, wo in Paderborn legal gemalt werden darf, welche Künstler es hier gibt. Außerdem übersetzt er deren Fachsprache. Neben den Characters, den Motiven wie Brücken, Fabelwesen oder Personen, sind da die Tags zu nennen, die einfachen, linear gestalteten Namenszüge der Künstler. Bei den Pieces wiederum handelt es sich um die anspruchsvollere, großflächige und mehrfarbige Variante der Signatur.

Selbstdarstellung? Na klar!

Die Selbstdarstellung, die im Alltag verpönt ist, gehört zum Wesen derer, die mit Sprühdosen arbeiten. Neben Motiven, Farben und Formen spiele auch die Größe des Bildes eine Rolle, betont der Experte: »Man bekommt viel Anerkennung, wenn man eine besonders große Fläche gestaltet.« Weil die Kunst »gesehen werden soll«, finde sie nicht ohne Grund in der Innenstadt statt. Auf politisch-rebellische Aussagen stoße man in Paderborn kaum, erzählt Niemann. So gesehen könne die Kunst der Spiegel einer Stadt sein, deren Einwohner zufrieden sind.

Bilddatenbank wird aufgebaut

Niemann führt aber nicht nur Menschen zur Busdorfmauer und ins Riemekeviertel, sondern forscht auch an der Universität Paderborn rund um die Graffiti. »INGRID« (Informationssystem Graffiti in Deutschland) heißt das Gemeinschaftsprojekt mit dem Karlsruher Insitut für Technologie (KIT). Paderborner Linguisten wie Niemann arbeiten mit Kunsthistorikern aus Baden an einer Bilddatenbank, in der die Graffiti nach Kategorien wie Technik, Material (Sprühdose oder Farbstift), Thema oder Farben erfasst werden und damit der Forschung zur Verfügung stehen. »100.000 Fotos von Graffiti sind schon gesichert, auch von den ganz frühen aus den 80er-Jahren in München«, erzählt Niemann.

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