Mi., 15.05.2019

Erfinder zu Gast im Heinz-Nixdorf-Museumsforum Der Vater der Maus

Rainer Mallebrein (85) entwickelte in den 60er Jahren die erste Maus für den PC, auch wenn er sie »Rollkugel« nannte und die Bezeichnung »PC« noch gar nicht existierte. Eines von nur wenigen erhaltenen Exemplaren ist jetzt im HNF zu sehen.

Rainer Mallebrein (85) entwickelte in den 60er Jahren die erste Maus für den PC, auch wenn er sie »Rollkugel« nannte und die Bezeichnung »PC« noch gar nicht existierte. Eines von nur wenigen erhaltenen Exemplaren ist jetzt im HNF zu sehen. Foto: Lukas Brekenkamp

Von Lukas Brekenkamp

Paderborn (WB). So ganz war Rainer Mallebrein nicht bewusst, was er damals entwickelt hat – nämlich vielleicht die erste Computermaus der Welt. Nun hat die »Rollkugel« ihren Platz im Heinz-Nixdorf-Museumsforum. Dabei war Mallebreins Entwicklung lange Zeit in Vergessenheit geraten.

Ende der 60er Jahre entwickelten er und sein Team bei Telefunken in Konstanz die »Rollkugel« – im Auftrag der Bundesanstalt für Flugsicherung, erinnert sich der heute 85-Jährige zurück. Genauer gesagt, ging es darum, Fluglotsen zu ermöglichen, auf Radarbildschirmen Markierungen zu setzen. Doch die Flugsicherung lehnte die Mallebrens Entwicklung damals ab.

Mallebreins Rollkugel erschien etwa zwei Monate früher

Vielmehr entschied man sich für den Einsatz eines so genannten »Trackballs«. Dabei handelt es sich um eine Kugel, die sich per Hand in alle Richtungen drehen lässt. Die Entwicklung des deutschen Ingenieurs dagegen ist im Grunde eine Umkehrung. Denn bei der Rollkugel liegt die Kugel auf dem Tisch auf und dreht sich durch die Bewegung des Geräts.

Als Erfinder der Computermaus gilt allerdings der US-Amerikaner Douglas Engelbart, der seine Entwicklung offiziell im Dezember 1968 vorstellte. Hier kommt allerdings der Wissenschaftshistoriker Ralf Bülow aus Berlin ins Spiel: Bei Recherchearbeiten in Kiel fand er in einem Artikel einer Fachzeitschrift ein Foto von Mallebreins Rollkugel – veröffentlicht etwa zwei Monate vor Engelbarts Vorstellung. 2009 verfasste Bülow selbst einen Artikel zu diesem Thema in der Fachpresse.

Etwa 150 Rollkugeln insgesamt entwickelt

»Bis dahin war mir gar nicht klar, was wir überhaupt entwickelt haben«, sagt Mallebrein über die Bedeutung der Rollkugel. Ob er es unfair finde, dass seine Entwicklung in Vergessenheit geriet und bis vor etwa zehn Jahren nur wenig Bedeutung zugesprochen bekam? »Nein. Wir haben uns einfach nicht darum gekümmert. Wir haben das Thema ad acta gelegt«, entgegnet er. »Aber was die Mausentwicklung angeht, waren wir der Zeit voraus. Das ist die Ur-Maus.«

Die Erfindung war womöglich auch in Vergessenheit geraten, weil sie später für den Telefunken-Computer TR 440 gebaut wurde. Der jedoch wurde wegen seines hohen Preises nur 46 Mal verkauft. Insgesamt seien etwa 150 seiner Rollkugeln entwickelt worden, schätzt Rainer Mallebrein. Nun ist das HNF eines von vier Museen, die eine Rollkugel ausstellen – in Stuttgart, in Garching bei München sowie in Mountain View (USA) werden die anderen Mäuse gezeigt. In Paderborn stelle man jedoch die Rollkugel mit dem besten Zustand aus, wie der HNF-Geschäftsführer Jochen Viehoff meint. Und Rainer Mallebrein freut sich ganz besonders: »Der Knopf funktioniert sogar noch heute.«

Mallebrein kaufte Maus für 200 Euro

Die Organisatoren der Ausstellung am HNF betonen: »In vielen technischen Bereichen verliefen die Entwicklungen in Amerika und Europa parallel.« Wie eben bei der Computermaus. Mallebrein ist aber überzeugt, dass die deutsche Entwicklung der amerikanischen Maus voraus war.

Skurril: Bis ins vergangene Jahr besaß nicht einmal Rainer Mallebrein eine der Computermäuse. Einem Pressebericht ist es zu verdanken, dass sich ein ehemaliger Kollege bei ihm meldete und gratulierte. »Ein echter Sammler«, beschreibt ihn Mallebrein. Etwa sechs Monate später meldete sich sein Ex-Kollege erneut. Er habe eine der Mäuse gefunden, und Mallebrein war Feuer und Flamme: »Die musste ich haben.« Er kaufte die Maus für 200 Euro. »Die ist in einem Museum perfekt aufgehoben«, sagt er. »Ich bin froh, dass das Stück nun hier im HNF steht.« Übrigens: Damals kostete seine Maus 1500 D-Mark. Die Rollkugel wird in einer Vitrine gezeigt, passend neben einer breiten Auswahl an skurrilen und außergewöhnlichen Computermaus-Modellen.

Außer an der Rollkugel hat Rainer Mallebrein an weiteren technischen Geräten gearbeitet, wie beispielsweise einer Art Touchdisplay. Egal ob Handy, Tablet oder PC – diese Technik ist heutzutage kam mehr wegzudenken. Nicht für Rainer Mallebrein. Er nutzt privat noch immer ausschließlich die Maus, wie er versichert. Wen wundert’s.

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