Sa., 08.06.2019

Patrick Kaesberg war einst Profi-Fußballer, an diesem Samstag hat er mit 32 die Priesterweihe empfangen »Habe mich innerlich lange dagegen gewehrt«

Patrick Kaesberg steht in der neuen Kapelle des Erzbischöflichen Priesterseminars in Paderborn.

Patrick Kaesberg steht in der neuen Kapelle des Erzbischöflichen Priesterseminars in Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Paderborn (WB). Patrick Kaesberg war nah dran am Profi-Fußballer­dasein. Doch dann merkte der Paderborner, dass Karriere, Geld, und Sex ihn nicht glücklich machten. Kaesberg studierte katholische Theologie. Am Samstag hat der 32-Jährige die Priesterweihe empfangen. Mit Matthias Band sprach er über Ängste, Schlüsselerlebnisse, »Maria 2.0« und über das, was er den Menschen mit auf den Weg geben will.

Warum haben Sie als Fußballprofi aufgehört und werden nun Priester?

Patrick Kaesberg: Es war immer mein Traum, Profi-Fußballer zu werden. Ich habe die Schule gemacht, damit meine Eltern zufrieden waren. Nach dem Abi habe ich mir diesen Traum erfüllt und bin zuhause ausgezogen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass dieses gesellschaftliche Ideal, was einem oft vermittelt wird – also Karriere, Sex, Geld, Macht – einen nicht glücklich macht. Ich stamme aus einer katholischen Familie. Als ich 16 war, habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich keinen Bock mehr auf die Kirche habe. Ihre Antwort: Dir geht es so gut und wir lassen Dir Deine Freiheiten. Da wirst Du doch wenigstens eine Stunde in der Woche für den Herrn Zeit haben, oder? Da habe ich mir gedacht: Stimmt. Wenn ich das nicht mache, kann ich mich dann noch als Christ bezeichnen? In meiner Zeit in Aachen habe ich mit 21 zum ersten Mal die vier Evangelien gelesen. Das hat mich sehr berührt. So kam vieles ins Rollen.

 

Wie haben Sie gemerkt, dass Priester Ihre Berufung ist? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Kaesberg: Ja, ein Schlüsselerlebnis war, dass ich in meiner Wohnung in Aachen stand und auf einmal wie aus dem Nichts der Gedanke an das »Vater unser« und an den Vers »Dein Wille geschehe« kam. Da fragte ich mich, ob ich das überhaupt schon einmal ernsthaft gebetet habe. Mir war sofort klar: Nein! Ich hatte mich nie gefragt, was der Plan Gottes für mein Leben ist. Und dann habe ich gespürt: Das ist jetzt eine besondere Situation. Ich habe gesagt: Okay, Herr, dann bete ich das jetzt ganz ehrlich. Dann musst Du mir aber auch zeigen, was Dein Wille ist! Und im Nachhinein kann ich sagen, dass sich mein Leben ab diesem Zeitpunkt in eine andere Richtung entwickelt hat. Das war der erste Schritt zum Priester. Auch wenn ich mich dann noch lange dagegen gewehrt habe.

»Ich vertraute meinem Cousin an, dass ich Priester werden will«

 

Was heißt gewehrt?

Kaesberg: Ich kann mich noch an einen Moment aus dem Frühjahr 2008 erinnern, als meine damalige Freundin aus Paderborn in Aachen zu Besuch war und ich mit ihr auf der Couch saß und ich plötzlich anfing zu heulen. Da habe ich mich ihr anvertraut und ihr gesagt, dass ich mal Priester werde. In dem Moment hatte ich das für mich klar, auch wenn ich mich innerlich dagegen gewehrt habe und versuchte, das weit von mir wegzuschieben. Es ist so, als wenn jemand an Deine Tür klopft. Es ist Christus. Und du weißt auch, was er will. Und du sagst zunächst: Klopf doch woanders! Aber dieses Gefühl, dieses Anklopfen kommt immer wieder. Bis ich mich aber dazu entschlossen habe, mich auf den Weg zum Priestertum zu machen, hat es drei Jahre gedauert.

Patrick Kaesberg (rechts), für Germania Windeck am Ball, im Spiel gegen die U23 von Arminia Bielefeld. Foto: Thomas F. Starke

 

Und wie haben Ihre Freunde und Ihre Mitspieler reagiert, als das für sie klar war?

Kaesberg: Meine Mitspieler konnten damit fast alle nichts anfangen. Die haben mich für bescheuert gehalten. Schon allein die Tatsache, dass ich sonntags immer in die Kirche ging und nicht mit auf die Abschlussfahrten nach Mallorca gefahren bin, hat Unverständnis ausgelöst. Bei den Freunden war es anders. Und meine Ex-Freundin, zu der ich noch guten Kontakt habe, sagte mir kürzlich auch, dass sie schon damals gewusst habe, dass das mein Weg sein würde.

 

Unverständnis, obwohl Glaube und Religiosität im Fußball angeblich eine große Rolle spielen?

Kaesberg: Da wäre ich vorsichtig. Was ist Glaube, was ist Aberglaube? Das wird stark vermischt. Das ganze Gerede vom Fußballgott, das halte ich für Unsinn. Ich war jetzt als Diakon in Dortmund. Das ist schon bedenklich, wenn man sieht, für wie viele Menschen Borussia Dortmund das ganze Leben bestimmt.

Spielen Sie noch Fußball oder gucken Sie nur?

Kaesberg: Ich gucke eigentlich kaum noch. Im Fernsehen nur, wenn die großen Champions-League-Spiele oder die WM-Spiele gezeigt werden. Ich habe selbst keinen Fernseher mehr. In der abgelaufenen Saison war ich allerdings zweimal im Stadion, Paderborn gegen Köln und Bielefeld gegen Paderborn. Wenn ich jetzt Priester werde und am Tag der Weihe erfahre, wohin ich komme, will ich versuchen, mir eine Mannschaft zu suchen, wo ich etwas mitkicken kann.

»Wenn man Christus kennenlernt, empfindet man eine Freude«

 

Fehlt Ihnen der Fußball?

Kaesberg: Nein, denn es geht um den Unterschied zwischen Spaß und Freude. Vieles Weltliche, auch beim Fußball, zielt auf diesen einen Moment, in dem alles super ist, aber danach bleibt man in einer inneren Trockenheit zurück. Und dann jagt man diesem Moment erneut nach. Wenn man Christus kennenlernt, empfindet man eine Freude, die bleibt. Ich bin dankbar für meine Fußballerzeit. Das ist für mich keine vergebene Zeit und ich bin in keiner Weise im Unfrieden mit mir. Aber ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Weg nun gefunden habe.

 

Was fasziniert Sie an dem Beruf des Priesters?

Kaesberg: Aus weltlicher Sicht die Vielseitigkeit: Dass man verschiedene Aufgaben und mit vielen Menschen zu tun hat – in unterschiedlichen Konstellationen. Vom Tauf- bis zum Kondolenzgespräch kann an einem Tag alles dabei sein. Aus religiöser, katholischer Sicht: Dass Gott durch den Priester handelt. Für Menschen, die nicht gläubig sind, mag das ein verrückter Gedanke sein, aber der Priester steht für Christus. Wenn jemand zur Beichte kommt, und der Priester sagt: »Ich spreche Dich los von deinen Sünden«, dann spricht Gott durch den Priester.

 

Hat Sie der Zölibat abgeschreckt?

Kaesberg: Am Anfang schon. Mit 18 habe ich zu meiner Mutter gesagt, als sie mich fragte, ob ich es mir vorstellen könnte, Priester zu werden: Nein, ich möchte später Kinder und eine Familie haben. In den Jahren vor Beginn des Theologiestudiums habe ich ­innerlich dagegen gekämpft und konnte es mir nicht vorstellen. Ich hatte Angst: Wie wird das später? Bin ich dann einsam?

 

Was hat Ihnen geholfen, mit der Angst umzugehen?

Kaesberg: Ich bin diesen Weg einfach weitergegangen. Mir war immer klar, dass ich meine Freiheit habe. Es gibt eine schöne Stelle im Neuen Testament, im ersten Johannesbrief: »Gott ist die Liebe« – das glauben wir als Christen. Liebe ist immer frei. Ich kann keinen Menschen zwingen, mich zu lieben. Und wenn ich ­spüre, das ist Gottes Plan für mein Leben, habe ich immer noch die Freiheit ja oder nein zu sagen. Aber ich wusste irgendwann: Wenn ich das nicht mache, dann werde ich das später bereuen.

»Die Vertuschung fühlt sich für mich am schlimmsten an«

 

Was ist mit der Einsamkeit?

Kaesberg: Da haben mir andere Priester geholfen. Ich habe gesehen: Die sind ganz normal und cool. Und sie wirkten auf mich auch nicht traurig oder einsam. Und mal ehrlich: Selbst wenn man verheiratet ist, heißt das nicht, dass man nicht einsam ist. Man kann auch nebeneinander auf der Couch sitzen und sich einsam fühlen.

 

Tausendfacher Missbrauch und Vertuschung: Die katholische Kirche steht massiv in der Kritik. Spüren Sie die Unzufriedenheit der Gläubigen?

Kaesberg:Ja, das ganze Ausmaß ist schon unfassbar. Ich frage mich auch, wie so etwas passieren konnte. Die Vertuschung fühlt sich für mich am schlimmsten an. Ich glaube, das geht nicht nur mir und vielen Gläubigen, sondern auch vielen Priestern und Bischöfen so. Manche haben es nicht gewusst, manche wollten es vielleicht auch nicht wissen. Aber ich sage auch, dass die Kirche in Deutschland schon viele Schritte in die richtige Richtung gemacht hat. Das macht die Fälle nicht ungeschehen, aber die Kirche darf sich auch nicht zu sehr in die Defensive treiben lassen.

 

Auch wegen der Rolle der Frau in der katholischen ­Kirche gibt es Kritik.

Kaesberg: Ich verstehe nicht, warum man in Deutschland nicht akzeptieren will, dass die Weihe für Frauen nicht kommen wird. Das hat Papst Johannes Paul II. bereits 1994 klar gesagt, dass es nicht in der Macht der Kirche steht, Frauen zu weihen, weil es keinen Ansatz dafür im Evangelium gibt. Benedikt XVI. hat es wiederholt, und Papst Franziskus auch. Außerdem dürfen wir nicht meinen, alle Welt würde so denken wie vielleicht eine Mehrheit in Deutschland. Wenn Rom in dieser Frage etwas ändern würde, dann würde die große Mehrheit in Af­rika da nicht mitmachen. Und es ist offensichtlich, dass es an ­diesen Punkten, die bei uns Katholiken diskutiert werden, nicht liegt. Denn sonst müssten bei anderen christlichen Konfessionen, wo das alles da ist, was gefordert wird, die Kirchen voll sein. Sind sie aber nicht.

»Ich durfte in den vergangenen Jahren in viele Länder reisen«

 

Was muss die katholische Kirche tun, um die Kritiker wieder mehr einzubinden?

Kaesberg: Christus in den Mittelpunkt stellen und von ihm Zeugnis geben! So, wie es viele der Freikirchen tun, von denen wir da einiges lernen können! Menschen, die nicht an Gott glauben, werden ja nicht auf einmal gläubig und gehen zur Kirche, wenn Frauen am Altar stehen. Ich durfte in den vergangenen Jahren in viele Länder reisen und dort Weltkirche erleben. Ich habe erlebt, wie froh und freudig Menschen ihren Glauben an Jesus leben. In Deutschland wird diese Freude am Glauben so wenig deutlich wie vielleicht nirgends auf der Welt.

 

Aber was ist mit den Frauen der Bewegung Maria 2.0? Das sind überzeugte Katholi­kinnen und sehr engagierte Gemeindemitglieder.

Kaesberg: Diesen Frauen würde ich sagen, dass wir uns alle fragen sollten, wo wir unsere Talente, die wir von Gott bekommen haben, am besten einbringen können. Wie kann ich mit den Gaben, die mir geschenkt sind, Zeugnis für Christus geben und so das Reich Gottes mit aufbauen? Unstrittig ist ja, dass wir Frauen zum Beispiel stärker in die Arbeit im Generalvikariat einbinden müssen. Da ist aber auch schon viel passiert. Und noch ein kritisches Wort: Wer überzeugt katholisch ist, der wird nicht freiwillig auf die Feier der Eucharistie am Sonntag ver­zichten.

 

Was wollen Sie den Menschen mit auf den Weg geben, wenn Sie am Samstag die Weihe empfangen haben?

Kaesberg: Wir sind sehr darauf gepolt, dass es in unserem Leben um Selbstverwirklichung geht. Meine Erfahrung ist, dass man genau davon wegkommen muss, wenn man sich selbst finden will. Man muss auf das Du schauen, auf Gott und auf andere Menschen, dann findet man auch sich selbst. Ich möchte Menschen helfen, mutig zu sein und sich diese Frage zu stellen und sie dann auf ihrem Lebensweg begleiten. Darauf freue ich mich!

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6674843?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F