Sa., 29.06.2019

Zwei Organisatorinnen aus Paderborn sprechen über die Ziele von Maria 2.0 »Ohne Frauen ist die Kirche nicht zukunftsfähig«

Die Bewegung Maria 2.0 hat während der Streikwoche im Mai einen Wortgottesdienst neben der Kirche St. Meinolf organisiert. Etwa 140 Frauen und Männer nahmen daran teil.

Die Bewegung Maria 2.0 hat während der Streikwoche im Mai einen Wortgottesdienst neben der Kirche St. Meinolf organisiert. Etwa 140 Frauen und Männer nahmen daran teil.

Paderborn (WB). Die Idee kam in der Gemeinde Heilig Kreuz im Münsterland auf – und verbreitete sich in Windeseile in Deutschland. Auch im Erzbistum Paderborn beteiligten sich viele Frauen an der Aktion Maria 2.0. Eine Woche lang haben bundesweit Tausende gestreikt. Matthias Band hat mit Magdalena Schlüter und Claudia Siegel aus der Paderborner Pfarrei St. Julian darüber gesprochen, was Maria 2.0 an der katholischen Kirche kritisiert, was sich verändern muss und wie es jetzt nach der Streik-Aktion weitergeht.

Was hat Sie dazu gebracht, in den Streik zu treten?

Claudia Siegel: Ich habe über die KFD von Maria 2.0 erfahren. Als ich dann gefragt habe, was wir jetzt genau machen wollen, hieß es zunächst: »Wir streiken nur. Wir gehen einfach nicht hin.« Das war mir zu wenig. Dann habe ich gleich rumgefragt, was wir für Alternativveranstaltungen anbieten können. Wir sind im Kern sieben Frauen aus der Pfarrei, die sich in der Sache engagieren, aber wir werden von ganz vielen Gemeindemitgliedern unterstützt. Wir hatten aber nur noch eineinhalb Wochen bis zum geplanten Streiktermin Zeit. Wir mussten also Gas geben. Wir haben uns dann vertraut gemacht mit den Ideen aus Münster. Und wir haben uns auf einen Ort in der Mitte der Pfarrei geeinigt, also St. Meinolf, und auf einen Wortgottesdienst um 10 Uhr neben der Kirche, weil dann kein anderer Gottesdienst war. Jeder konnte sich frei entscheiden, ob er mitmacht. Wir wollten sichtbar sein und auf die Missstände hinweisen.

Zu den beiden Frauen

Magdalena Schlüter (35) ist verheiratet und Mutter von drei Kindern. Seit 2010 engagiert sich die Hausfrau in der Gemeinde St. Julian in Paderborn. In Erfurt, Rom und Speyer hat sie katholische Theologie und Verwaltungswissenschaft studiert. Sie ist Vorsitzende des Gesamtpfarr­gemeinderates im Pastoralverbund Paderborn Mitte-Süd und kümmert sich unter anderem um die Taufvorbereitung und die Gottesdienste für Kinder im Kita-Alter.

Claudia Siegel (46) ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie arbeitet als Krankenschwester im Brüderkrankenhaus in Paderborn. Seit mehr als zehn Jahren engagiert sie sich in mehreren Arbeitskreisen der Südstadtpfarrei St. Julian. Zudem ist sie Mitglied im Gesamtpfarrgemeinderat des Pastoralverbundes Paderborn Mitte-Süd.

 

Claudia Siegel Foto: Matthias Band

 

Was sind die Missstände, die Sie kritisieren?

Siegel: Was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, war die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie. Da wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Da konnten viele Frauen nicht mehr mitgehen, auch wenn sie sich vorher vielleicht mit ihrer eher dienenden, engagierten, kaffee­kochenden Rolle im Ehrenamt abgefunden hatten. Viele waren und sind tief erschüttert.

Magdalena Schlüter Foto: Matthias Band

Magdalena Schlüter: Ich glaube, dieses Vertuschen, von dem, was über Jahrzehnte an schlimmen Dingen geschehen ist, war der ausschlaggebende Punkt. Die Debatte um die Rolle der Frau gibt es schon seit vielen Jahren. Aber durch die gesamtgesellschaftliche Debatte kommt jetzt mehr Dynamik in die Diskussion über die Gleichheit und die Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter. Wir Frauen wollen gleichberechtigt sein. Wir sind gleich in Würde und gleich als Menschen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass Frauen von bestimmten Ämtern in der katholischen Kirche ausgeschlossen sind. Und wir kritisieren dieses Herausgehobene. Ich opfere mich und bin dadurch ein besserer Mensch. Manche Priester können das nicht mehr. Sie sagen, ich brauche einen Partner oder eine Partnerin. Durch die Pflicht zum Zölibat geht der Kirche auch ganz viel verloren.

 

Ist es Ihnen schwer gefallen zu streiken, also diese Form des Widerstandes zu wählen?

Schlüter: Ja, mir ist es sehr schwer gefallen. Der Gottesdienst am Sonntag gehört für mich und meine Familie einfach dazu. Ich habe überlegt, schon ganz früh morgens zu gehen. Aber viele haben gesagt, mach’ das nicht. Dann habe ich gesagt, okay, auch wenn es für mich ein Opfer war. Meine Kinder und ich waren dann bei dem Wortgottesdienst. Mein Mann hat gesagt, er möchte in die Messe gehen. Das war für uns als Familie schwer. Aber wir Frauen haben von sehr vielen Menschen Unterstützung erfahren, auch im Nachhinein. Machen Sie weiter, war deren Botschaft. Das hat mir Mut gemacht.

Siegel: Für mich ist es kein existenzieller Verzicht, wenn ich sonntags nicht am Gottesdienst teilnehme. Ich gucke, wo ich hingehe und wo ich das Gefühl habe, dass ich etwas mit nach Hause nehme. Ich wollte Flagge zeigen und mich solidarisieren. Ich stand da morgens und etwa 140 Frauen und auch einige Männer waren da. Und ich habe gedacht: Jawohl, wir haben es geschafft! Das hat mich so gerührt, ich hätte losheulen können.

 

War Ihre Geduld aufgebraucht?

Schlüter: Es ist wichtig, dass niemand aus der Kirche ausgeschlossen wird. Also weder Homosexuelle noch Wiederverheiratete oder andere. Kirche für alle Lebensformen ist für mich sehr wichtig. Jeder Mensch ist angenommen, jeder Mensch wird von Gott gleich geliebt. Wie kann man sagen, dass es nicht von Gott gewollt ist, dass zwei gleichgeschlechtliche Menschen sich lieben? Irgendwann reicht‘s einfach.

Siegel: Wir feiern gerade 70 Jahre Grundgesetz. Was die katholische Kirche lehrt, ist nicht grundgesetzkonform. Ohne Frauen und ohne Gleichstellung wird die Kirche nicht zukunftsfähig sein. Diese männerbündischen Machtstrukturen sind Nährboden für den sexuellen Missbrauch. Frauen sind nicht die besseren Männer, aber mit Frauen wird vieles transparenter.

 

Generalvikar Alfons Hardt hat Maria 2.0 zwar Wertschätzung ausgesprochen, zugleich aber gesagt, dass er die Gefahr sehe, dass durch die Aktion neue Brüche entstehen könnten zwischen Menschen, denen der Wandel entweder zu langsam oder zu schnell gehe. Was sagen Sie ­dazu?

Siegel: Es gibt diese Brüche schon längst. Es geht darum, diese Brüche zu kitten. Bis 2060 verlieren die beiden großen Kirchen laut einer Studie der Universität Freiburg die Hälfte der Mitglieder. Die Kirche ist dabei, vor die Wand zu fahren.

Schlüter: Viele Menschen sagen bereits, ich bin eigentlich schon gar nicht mehr Teil der Kirche, weil sie so vieles nervt.

Kritiker werfen den Initiatoren von Maria 2.0 vor, dass ein Streik als Form des Protestes nicht katholisch sei. Zudem kritisieren sie die Instrumentalisierung von Maria. Konservative Katholikinnen haben die Gegenbewegung Maria 1.0 ins Leben gerufen. Was erwidern Sie solchen Kritikern?

Schlüter: Es geht nicht immer nur um Mehrheiten, das ist mir auch klar, aber es geht darum, dass wir miteinander fühlen als Kirche, was der richtige Weg ist. Wir sind doch eine Kirche. Es geht nicht darum, dass man ein, zwei laute Konservative für alle nimmt. Nein, die katholische Kirche besteht noch aus ganz vielen anderen Menschen. Und die sind sehr enttäuscht und gefrustet von den Entwicklungen.

Siegel: Bemerkenswert ist, dass Papst Franziskus 2018 eine Untersuchung in Auftrag gegeben hat, ob es historische Gründe geben könnte, die ein Diakonat von Frauen rechtfertigen. Ende 2018 ist die Untersuchung abgeschlossen worden. Die Ergebnisse wurden aber bislang nicht veröffentlicht. Wie kann das sein? Nicht der Zugang der Frauen zum Amt ist begründungspflichtig, sondern ihr Ausschluss. Da werden Sie keine Gründe finden, wenn Sie die Bibel richtig lesen. Es gibt kein Wort bei Jesus, dass Frauen eine untergeordnete Rolle zuweist.

 

Gibt es Vorbilder für Frauen im Weiheamt?

Schlüter: Ja, es gab in der frühen Kirche Frauen in Leitungsgremien. Es gab damals aber natürlich noch nicht diese Strukturen wie heute, also den Pfarrer oder die Pfarrei. Es ist biblisch belegt, dass Frauen auch in Leitungsämtern waren. Maria am Grab ist die erste Zeugin, dass Jesus auferstanden ist. Und das ist doch der Grund, warum wir alle hier sitzen: Dass Jesus auferstanden ist. Die erste Frau, die davon erzählte, die das Wort verkündete, war Maria Magdalena, eine Frau.

 

Was erwarten Sie jetzt von Erzbischof Hans-Josef Becker in dieser Frage?

Schlüter: Ich möchte, dass er sich äußert, so wie das andere deutsche Bischöfe auch schon getan haben. Dieses Schweigen, dieses Aussitzenwollen, das wird nicht funktionieren. Ich weiß nicht, ob er denkt, dass diese aufgeregten Frauen von Maria 2.0 irgendwann schon wieder Ruhe geben werden.

Siegel: Wir haben gehofft, mit dem Erzbischof ins Gespräch zu kommen. Wir haben ihn damals zum Abendgebet vor dem Dom eingeladen. Leider hat er nicht teilgenommen. Wir werden uns aber in Zukunft weiter um ein Gespräch mit ihm bemühen.

 

Was hat der Streik gebracht?

Siegel: Man hat uns wahrgenommen – auch im Generalvikariat. Wir waren Thema und man hat versucht, Worte und Erklärungen zu finden. Das ist schon mal gut. Und ich glaube, dass die meisten Priester im Erzbistum inhaltlich absolut mit uns übereinstimmen. Aber sie spüren natürlich gegenüber ihrem Arbeitgeber und gegenüber dem von ihnen gewählten Weg ihrer Lebensgestaltung eine gewisse Verpflichtung und Loyalität. Im Einzelgesprächen mit Priestern erlebe ich, dass sie auf unserer Seite sind. Aber ich glaube, alleine können sie nicht aus den Strukturen ausbrechen. Ich erlebe aber auch Zerrissenheit und Ängste. Und das ist ja klar, wir rütteln an den Fundamenten ihres Lebens. Das ist eine existenzielle Bedrohung. Das Signal muss also von den Bischöfen kommen.

 

Was genau muss sich in der katholischen Kirche ändern?

Siegel: Das Nahziel ist das Diakonat der Frau, die Aufhebung des Pflichtzölibats und die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung aller Menschen, die sich der Kirche zugehörig fühlen. Und das Fernziel ist das Priesteramt für die Frau. Da müssen wir weltkirchlich gucken und sensibel vorgehen und nicht die Gefühle der Menschen verletzen, für die das derzeit noch unvorstellbar ist.

Schlüter: Ich wünsche mir zum Beispiel Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare. Das sind Dinge, die durchaus kurzfristig möglich sind. Da kommt nicht gleich der Blitz vom Himmel.

Siegel: Doch vielleicht kommt er vom Himmel, weil Gott sich freut!

 

Wie geht es jetzt weiter mit Maria 2.0?

Schlüter: Wir wollen uns auf jeden Fall weiter mit anderen Frauengruppen vernetzen, sowohl im Erzbistum als auch darüber hinaus. Und auch weitere Aktionen machen. An diesem Samstag laden wir zum Beispiel unter dem Motto ›Erneuert die Kirche – Wir bleiben dran‹ um 18 Uhr zu einem Abendgebet ein. Wir wollen gemeinsam mit Frauen und Männern an der Kirche St. Meinolf beten und singen und so unsere Anliegen präsent halten. Treffpunkt ist wieder wie bei der ersten Maria-2.0-Aktion der Sandkasten hinter der Kirche.

Siegel: Die Münsteraner Frauen haben den Schneeball geworfen und nun beginnt die Lawine hoffentlich zu rollen. Aber wir Frauen, die ja alle ehrenamtlich unterwegs sind, müssen uns zunächst einmal weiter vernetzen. Maria 2.0 ist ja keine feste Gruppe, es gibt keine festen Strukturen. Noch sind wir nur eine Bewegung.

 

Wie weit wollen Sie gehen? Würden Sie auch aus der Kirche austreten?

Siegel: Eine Freundin von mir aus dem Münsterland, die ich kürzlich getroffen habe, wollte aus der Kirche austreten. Sie konnte das nicht mehr aushalten. Ich habe ihr aber gesagt: Aus­treten ist auch keine Lösung. Wir können jetzt nicht alle weglaufen! Wir sind überzeugte Christen. Die Kirche ist uns eine Herzensangelegenheit, das ist unser Glaube, und der ist uns wichtig. Auszutreten wäre einfach, aber das ist keine Lösung. Wir müssen aufstehen und dürfen uns nicht einfach zurückziehen. Wir wollen nicht spalten, sondern zusammenhalten.

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