So., 14.07.2019

Fluggesellschaft zahlt Entschädigung nicht – Gerichtsvollzieher holt Geld aus Flieger Bordkasse gepfändet

Ein Flugzeug der Onur Air. Direkt im Flieger wurde ein Gerichtsvollzieher tätig und nahm 743,10 Euro mit.

Ein Flugzeug der Onur Air. Direkt im Flieger wurde ein Gerichtsvollzieher tätig und nahm 743,10 Euro mit.

Von Lukas Brekenkamp

Paderborn (WB). Wenn die Fluggesellschaft nicht zahlen will, dann kommt der Gerichtsvollzieher – zur Not auch ins Flugzeug. Thorsten Fust, Rechtsanwalt aus Lichtenau, hat zu dieser ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen.

Anwalt Thorsten Fust Foto: Schwabe

Eigentlich wollte die Mandantin des Fachanwalts für Verkehrsrecht im Mai 2018 in ihren wohlverdienten Urlaub fliegen: von Paderborn nach Antalya. Doch statt nach Plan um 20 Uhr in Türkei zu landen, nahm der Urlaub einen unschönen Anfang: Der Flug hatte mehrere Stunden Verspätung – erst um 0.36 Uhr landete die Mandantin aus Bad Driburg in der Türkei.

»Da habe ich die Fluggesellschaft verklagt«, sagt der Anwalt Thorsten Fust, der die Urlauberin vertreten hat – immerhin habe seiner Mandantin nach mehr als drei Stunden Verspätung eine Entschädigung zugestanden. Das Amtsgericht Paderborn verdonnerte die türkische Fluggesellschaft Onur Air aus Istanbul Anfang dieses Jahres zu einer Zahlung von 400 Euro an seine Mandantin, doch auf das Geld musste die Urlauberin lange warten.

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Ich hab erst darüber nachgedacht, ein Flugzeug zu vollstrecken.

Anwalt Thorsten Fust

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Nach den Monaten des Wartens war für Thorsten Fust jedoch Schluss mit lustig: »Ich musste mir überlegen, wie ich an das Geld für meine Mandantin komme«, erklärt der Anwalt. Allerdings sei für ihn nirgends ein Ansprechpartner der Airline in Deutschland zu finden. Einzig ein Anwaltsbüro in Süddeutschland machte er ausfindig, an das sich Thorsten Fust wendete – ohne Reaktion.

Weil es nach Ansicht des Lich­tenauer Anwalts »fast unmöglich« sei, die Vollstreckung in der Türkei durchzusetzen, habe er weiter überlegt. »Ich hab erst darüber nachgedacht, ein Flugzeug zu vollstrecken«, erinnert er sich mit einem Lachen. »Aber hätte die Airline gesagt, ich könne es behalten, wäre ich auf immensen Kosten sitzen geblieben.« Schließlich habe er einen Gerichtsvollzieher am Amtsgericht Düsseldorf beauftragt.

Sämtliche Kosten überwiesen

In den Flugplänen des Düsseldorfer Flughafens habe Thorsten Fust die Maschinen der Airline ausfindig gemacht, die in der Rheinstadt landeten – immerhin fliegt Onur Air den Paderborner Flughafen nicht mehr an. »Der Gerichtsvollzieher ist also ins Flugzeug der Airline gestiegen und hat dort die Vollstreckung durchgeführt«, erklärt Thorsten Fust. Immerhin verkaufen Fluggesellschaften außer Verpflegung beispielsweise auch Zigaretten während des Fluges und haben somit Bargeld in der Bordkasse. An dieser Kasse habe sich der Gerichtsvollzieher während der Vollstreckung bedient.

Sämtliche Kosten in Höhe von 743,10 Euro (Hauptforderung, Anwaltskosten, Gerichtskosten) seien vor wenigen Tagen an die Kanzlei überwiesen worden. »Das gesamte Vollstreckungsverfahren war nötig, weil sich die Airline selbst nach Rechtskraft und Aufforderung mit Androhung der Zwangsvollstreckung nicht gerührt hat«, sagt der Anwalt. Offenbar sei sich die Airline sicher gewesen, dass keine Vollstreckung in der Türkei erfolge.

Die türkische Airline erregte bereits in der Vergangenheit Aufsehen – auch in Zusammenhang mit dem Flughafen Paderborn-Lippstadt. Im August 2016 beispielsweise landete ein Urlaubsflieger 30 Sunden zu spät in OWL: Wegen eines technischen Defekts kreiste der Urlaubsflieger zwei Stunden über dem Mittelmeer.

Kommentare

Kein Einzelfall

Als (ehemalige) Betreiber eines Fluggastrechte-Portals können wir nur sagen, dass das leider kein Einzelfall ist. Die meisten Airlines stellen sich gerne mal quer und gerade die Discounter wie Ryanair sind sehr erfinderisch, wenn es um die Auslegung von Gesetzen geht. EU-Airlines zahlen aber i.d.R. zumindest, wenn ein Urteil vorliegt. Auch die US-Fluglinien haben öfter Angst vor zusätzlichen Strafen. Andere Airlines von außerhalb der EU verlassen sich aber gerne darauf, dass man ohnehin nicht an sie rankommt. Schon die Zustellung der Klage (am Sitz der Gesellschaft in deren Sprache und teilweise nur über die Botschaft) ist eine Hürde. Und die Durchsetzung ist dann wie oben beschrieben auch nicht einfach.

Übrigens: Ein Flugzeug zu pfänden klappt auch nicht immer, da viele davon geleast sind ...

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