Di., 16.07.2019

Jana Kiersch aus Paderborn hat ein Buch über einen Amokläufer geschrieben Leon war nur als Kind glücklich

Jana Kiersch (rechts) mit ihrer Ideengeberin Claudia von dem Bottlenberg. Beiden ist wichtig, dass nach einem Amoklauf die Vorgeschichte des Täters berücksichtigt wird.

Jana Kiersch (rechts) mit ihrer Ideengeberin Claudia von dem Bottlenberg. Beiden ist wichtig, dass nach einem Amoklauf die Vorgeschichte des Täters berücksichtigt wird. Foto: Dietmar Kemper

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Jana Kiersch hat ein Buch über einen Amokläufer geschrieben. Der ist darin mindestens genauso Opfer wie Täter. »Dass die Leser seine Wut mitempfinden können, war mir wichtig«, sagt die Paderbornerin und räumt ein: »Das Thema polarisiert, das ist mir klar.«

Der erste Roman der 28-Jährigen heißt »Leons Glück«. Er ist bei Books on Demand (BoD) erschienen, und der Titel führt die Leser erst einmal in die Irre. »Leon war nur in der Kindheit glücklich«, erläutert Kiersch. Seitdem der Junge in die Schule kam, wurde er gemobbt. Wegen seiner Leserechtschreibschwäche wird er von den Lehrern an der Tafel vorgeführt. Als Leon an der Gesamtschule kurz vor dem Abschluss steht, behauptet ein Mädchen, er habe sie angefasst. Leon wird von der Schule verwiesen.

Schüler zeichnet Bilder mit geköpften Lehrern

Im Laufe der Zeit wird er selber aggressiv, bekommt Gewaltphantasien, zeichnet Bilder, auf denen geköpfte und erschossene Lehrer zu sehen sind. Und dann dreht er durch, läuft mit 17 Amok. »Erst ist man nur schockiert und fragt sich, wie das sein kann«, beschreibt Kiersch ihre Reaktion auf Fernsehbilder von realen Amokläufen wie denen vom März 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden und im April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. »Mein Buch ist die Antwort darauf«, sagt Kiersch ganz selbstbewusst.

Sie ist der Ansicht, dass Amokläufer nur schwarzweiß gezeichnet werden: »›Der hat Videospiele gespielt, das war doch schon vorher klar‹. Aber wenn das vorher schon klar war, warum hat man es dann nicht verhindert?«, fragt sie. Wäre dem Mobbingopfer geholfen worden, wäre der Amoklauf ausgeblieben, ist Kiersch überzeugt.

Mobbing ist perfider geworden

Die junge Frau hat das Studium der Germanistischen Literaturwissenschaft in Paderborn mit dem Master abgeschlossen und arbeitet an ihrer Promotion. Kiersch möchte Deutschlehrerin werden. In ihrer Schulzeit gab es die modernen, perfiden Möglichkeiten des Mobbings im Internet noch nicht. Heute werden Schüler mit wenigen Worten und kompromittierenden Fotos verunglimpft. Im Netz und auf dem Weg zur Schule werden sie beschimpft, teilweise gezwungen, ihr Geld oder ihr neues Handy rauszurücken.

Was das Cybermobbing im Internet angeht, befragt der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest regelmäßig junge Menschen im Alter von zwölf bis 19 Jahren. Laut der »JIM«-Studie von 2018 erklärte jeder fünfte Jugendliche, dass falsche oder beleidigende Inhalte über die eigene Person im Internet verbreitet worden seien.

Von Mobbingfällen erfuhr auch Jana Kierschs gute Bekannte Claudia von dem Bottlenberg. »In den Berichten heißt es immer ›der böse Täter‹, nie wird hinterfragt, was hinter der Tat steckte«, sagt die. Claudia von dem Bottlenberg sprach Jana an und schlug ihr vor, ein Buch über Mobbing zu schreiben. Mit dem Ergebnis ist die Ideengeberin zufrieden: »Mit diesem Buch weiß man, was ein Mobbingopfer durchlebt und was die Eltern mitmachen.« Als ADHS-Coach für Kinder und Jugendliche würde sich die 52-Jährige wünschen, dass jeder mit seinen Eigen- und Besonderheiten akzeptiert wird.

Figuren entwickeln ein Eigenleben

»Das Buch ist eine Mischung aus vielen realen Geschichten, die Claudia mir erzählt hat«, erläutert Jana Kiersch, die zwei Jahre lang an ihrem Werk gearbeitet hat. Ein Buch zu schreiben, sei ein langwieriger Prozess mit guten Phasen und Phasen des Zweifelns. »Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man unbedingt weiterschreiben will, weil man wissen will, was aus den Figuren wird«, hat die 28-Jährige beobachtet. Gleichzeitig hat sie festgestellt, dass die handelnden Personen während des Schreibens ein Eigenleben entwickeln, »unerwartete Dinge tun«.

Für seine Mutter kommt Leons Amoklauf auf jeden Fall unerwartet. Im Buch lernt sie ihren Jungen neu kennen. Für diejenigen, die das Buch kennenlernen möchten, hier die Eckdaten: »Leons Glück« (ISBN: 9783749452521) ist 180 Seiten dick und kostet als Taschenbuch 9,95 Euro.

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