Mi., 31.07.2019

Bernd Kohlhepp verbindet in Paderborn Lehrerkabarett mit Weltliteratur Dieser Faust ist eine Wucht

Mit Inbrunst und bisweilen leicht ins Wahnsinnige abgleitend bringt Bernd Kohlhepp »Faust« auf die Kabarettbühne.

Mit Inbrunst und bisweilen leicht ins Wahnsinnige abgleitend bringt Bernd Kohlhepp »Faust« auf die Kabarettbühne. Foto: Jörn Hannemann

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Als Bernd Kohlhepp aus Goethes »Faust« vorlas, kamen im Publikum Erinnerungen an die Schulzeit auf. »Vorlesen« beschreibt es allerdings nicht wirklich. Der Kabarettist rezitierte mit so viel Inbrunst, Körpereinsatz und Mimik, dass Mephisto, Gott, Faust und Gretchen fast schon leibhaftig auf der Bühne standen.

»Mit dem Faust aufs Auge« heißt das Programm, mit dem Kohlhepp seit März 2016 auf Tournee ist und das auch die Freunde des »Libori-Nachtkabaretts« vorzüglich unterhielt. »Classic Comedy« nennt der 57-jährige gebürtige Schweizer, der aber schon lange in Tübingen lebt, das, was er tut. Dabei trägt er mit Sprachgewalt die weltbekannten Stellen aus dem 1808 erschienenen ersten Teil von »Faust« vor, erzählt nebenbei Geschichten aus seiner Schule und Ehe und sucht immer wieder den Kontakt zum Publikum.

Buzzer im Publikum verteilt

Das wurde aktiv mit eingebunden – durch Buzzer, die gedrückt werden sollten, wenn wieder eines der berühmten Zitate auftaucht, erotische Szenen erwähnt werden oder Verweise auf den Islam vorkommen. Der Spruch »Es irrt der Mensch solang er strebt« erinnert Kohlhepp an Navigationssysteme im Auto, und als Faust Gretchen mit der Frage »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?« anbaggert, bog er in die Kurve zur #Metoo-Debatte ein. »Bildung muss ein stabiles Fundament für spätere Psychosen sein«, meint Kohlhepp und zitierte unentwegt aus Goethes Literaturschatz.

Auf die Dauer wäre das monoton geworden, wenn er nicht zwischendurch Anekdoten aus dem Schulalltag erzählt hätte. Zum Beispiel vom türkischen Schüler, der den Dreisatz nicht lernen will, weil er den Drogenring seines Vaters erben wird, oder vom neu erwachten Respekt gegenüber Chemielehrern nach der TV-Serie »Breaking Bad«.

Kurioser Ausflug ins Schullandheim

Zum Glanzstück geriet die urkomische Nacherzählung des Ausflugs ins Schullandheim auf dem Brocken. Dass es dort keinen Handyempfang gibt, wird den Schülern gar nicht erst erzählt, dann regnet es unentwegt und die nächtliche Wanderung eskaliert. Erst liegt Lehrer Kohlhepp in einer Felsspalte, dann in der Mädchendusche, alles kommt ins Internet, die Schüler haben Lippenherpes und für sie steht fest: »Kein Wunder, dass keiner Hartz IV will – ein Harz reicht schon.«

Nebenbei plauderte Kohlhepp aus seiner Ehe und beklagte etwa, dass Männer im Gegensatz zu Katzen nicht auf allen Vieren nach Hause kommen dürften. Und die erste Reihe im Zelt war nie vor seinem Spott sicher (»Sie würden auch am Getränkestand eine gute Figur abgeben«). Das Rezept, Lehrerkabarett mit Weltliteratur zu verbinden, ging auf: Erheitert strömte das Publikum in die Paderborner Nacht.

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