Mi., 07.08.2019

Statement zu der massiven Kritik an den Äußerungen von Clemens Tönnies beim Handwerkertag Kreishandwerkerschaft bezieht Stellung zu Tönnies

Beim Tag des Handwerks der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe hat sich Festredner Clemens Tönnies abfällig über Afrikaner geäußert und war anschließend massiv für seine Aussagen kritisiert worden.

Beim Tag des Handwerks der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe hat sich Festredner Clemens Tönnies abfällig über Afrikaner geäußert und war anschließend massiv für seine Aussagen kritisiert worden. Foto: Jörn Hannemann

Paderborn (WB). Die Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe hat nach der massiven Kritik an den Äußerungen von Festredner Clemens Tönnies beim Handwerkertag des Paderborner Libori-Festes am Mittwochnachmittag eine Stellungnahme veröffentlicht. Das Statement wird im Folgenden wörtlich wiedergegeben.

»Die Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe steht für ein weltoffenes Deutschland und stellt sich gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus. Dass die Kreishandwerkerschaft und damit auch die Stiftung Bildung & Handwerk diese Einstellung auch mit Leben füllen, davon zeugen zahlreiche Projekte und eine umfangreiche Bildungsarbeit. Wir weisen daher den Vorwurf des Rassismus und auch der Beihilfe zum Rassismus weit von uns.

Mit großem Unverständnis reagiert die Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe auf die heftige Kritik an ihrem Verhalten bezüglich der Kundgebung im Rahmen des ›Tag des Handwerks 2019‹. Hauptgeschäftsführer Peter Gödde hatte bereits einen Tag nach dem ›Tag des Handwerks‹ die kritisierten Äußerungen des Festredners Clemens Tönnies, nachzulesen in den Ausgaben vom 3.8.2018 der örtlichen Zeitungen NW und WV, gebührend und angemessen als ›nicht zielführend, schräg, kontraproduktiv und bescheuert‹ kritisiert.

Eine weitere Stellungnahme hat die Kreishandwerkerschaft bewusst nicht bezogen. ›Nicht wir haben diese Äußerung getätigt. Sie wurde lediglich auf unserer Veranstaltung getätigt‹, so Hauptgeschäftsführer Peter Gödde. ›Dass jetzt nicht nur wir, sondern sämtliche unserer 1.600 Gäste sich dem Rassismus-Vorwurf ausgesetzt sehen, ist eine Ungeheuerlichkeit.‹ ›Jeder der Anwesenden wird in der öffentlichen Darstellung in Sippenhaft genommen‹, kritisiert Gödde. Auch die Darstellung, dass das besagte Statement Beifall bekommen habe, sei unrichtig dargestellt worden. Wer sich die vom Westfälischen Volksblatt online gestellte Tonaufnahme anhöre, höre erst einmal lange keine Reaktion des Publikums, während der Festredner einfach weiterredet. Dann klatschen vereinzelt und leise einige Zuhörer.

›Die Zuhörer hätten pfeifen müssen, oder den Saal verlassen müssen‹, heißt es. Niemand hat diese Äußerung allerdings im Verlauf der übrigens frei vorgetragenen Rede als angeblich so drastisch und empörend empfunden, wie sie von lediglich einem der zahlreich anwesenden Medienvertreter dargestellt wurde. ›Die Kreishandwerkerschaft sieht sich nun Anfeindungen und Beleidigungen ausgesetzt und soll in eine Rechtfertigungslage gebracht werden, in der wir uns nicht befinden‹, sagt Gödde.

Sogar nach einer Namensliste der anwesenden Gäste werde gefragt, Statements unter Druck abgefordert. Er frage sich mittlerweile, wie im Übrigen auch viele der Gäste des ›Tag des Handwerks‹, warum der Veranstalter, das Handwerk und seine Gäste nun gezielt ins Visier genommen werden. Das könne doch nicht tatsächlich am viel besagten Sommerloch liegen. Oder sei wirklich wie der Kolumnist der Wirtschaftswoche sagt, ›die kollektive Lust an der Überführung sprachlicher Sünder hierzulande wichtiger, als die Schärfung des Blickes auf die Wirklichkeit?‹

Entrüstet zeigten sich vor allem einige Nutzer in den sozialen Medien darüber, wie man es wagen könne, die Veranstaltung als gelungen zu bezeichnen. ›Der Tag des Handwerks besteht nicht nur aus diesen zwei immer wieder zitierten Sätzen. Es war für uns als Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe ein gelungener Tag, der um 14 Uhr begann, mit wertvollen Begegnungen, Diskussion unserer Obermeister und Vorstandsmitglieder mit dem Festredner, der nachfolgenden Kundgebung in der Maspernhalle und natürlich auch guten Gesprächen und Geselligkeit im Festzelt‹, so Gödde. ›Dafür müssen wir, unsere Gäste und auch die zahlreichen Ehrengäste sich nicht schämen‹.

›Die Äußerung war diskriminierend, falsch und dumm, daran gibt es keinen Zweifel‹, sagt Gödde, ›und so haben wir es auch gegenüber der Presse kommentiert. Aber rassistisch? Als rassistisch haben wir weder die Äußerung von Herrn Tönnies, noch Herrn Tönnies selbst erlebt und auch unsere Zuhörer nicht‹, so Gödde. Mit dieser Meinung steht die Kreishandwerkerschaft auch nicht allein da und verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Aussagen von Ex-SPD-Chef Siegmar Gabriel, Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki oder die bei der Rede im Saal anwesenden MdL Daniel Sieveke oder MdB Carsten Linnemann.

Und auch in renommierten deutschen Medien wird die Aussage von Clemens Tönnies sehr differenziert betrachtet. In der Wirtschaftswoche schreibt Ferdinand Knauß in seiner Kolumne mit dem Titel ‚Der Wurstfürst und die Kinder in Afrika’: ›Solches Geschwätz sollte sich jeder vernünftige Mensch sparen. Aber schalten wir doch mal empörungstechnisch einen Gang runter. Eigentlich geht es weder um vermeintliche Rassen noch um Sex. Sondern um Familienplanung und Empfängnisverhütung in Afrika. Und die Einstellung und das Wissen darüber hat natürlich nicht zuletzt mit der Überwindung spezifisch afrikanischer kultureller Muster zu tun. Frauen, die keine oder wenig Kinder haben, genießen in patriarchalen afrikanischen Gesellschaften geringeres Sozialprestige. Ist es rassistisch, das festzustellen? Natürlich nicht.‹

Der Kommentator Kai Gniffke vom SWR sagt am 5. August in den Tagesthemen: ›Ist Tönnies deshalb ein Rassist? Nein! Und nach allem, was ich über ihn weiß, wirklich nicht. Rassismus ist eklig, aggressiv und menschenverachtend. Wir dürfen Rassismus nirgends verharmlosen. Wenn wir nun alles in die Schublade Rassismus einsortieren, was man für gedankenverloren, gestrig oder Altherrengeschwätz hält, dann erklärt man sehr viele Menschen in Deutschland zu Rassisten. Dann lässt man die Grenzen verschwimmen. Dann lässt man es zu, dass widerliche, gemeingefährliche Rassisten und Hassprediger in der Masse untertauchen. Und was noch schlimmer ist, man stempelt Menschen ab, die zwar gedankenverloren, alte Vorurteile pflegen und Sprüche klopfen, sich aber niemals mit braunem Mob verbrüdern würden und klare Grenzen ziehen‹.

Auch der Persönliche Afrikabeauftragte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Günter Nooke (CDU), fordert eine ehrliche Debatte zu dem Thema: ›Die von Tönnies angesprochenen Probleme wie das Verschwinden des Regenwalds und das Bevölkerungswachstum auf dem afrikanischen Kontinent sind real und darüber muss gesprochen und gegebenenfalls kontrovers diskutiert werden‹, sagte Nooke dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Und nicht zuletzt der Ehrenrat des Bundesligisten

von Schalke 04 – bestehend aus honorigen und angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft – hat die Äußerung nicht als rassistisch, sondern als diskriminierend gewertet. ›Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch Fehler gemacht werden und dann auch von der Person, die sie begangen hat, erkannt und bereut werden dürfen‹, sagt Gödde. Man muss das Recht haben, sich entschuldigen zu können. Das gehöre einfach zu einem weltoffenen und christlichen Weltbild dazu, das ist unser abschließendes Statement, mehr gibt es dazu nicht zu sagen‹, so Gödde. «

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