Mi., 14.08.2019

Vereine und Privatpersonen fordern Tönnies-Aussage als »rassistisch« einzustufen Fall Tönnies: Paderborner Julius-Hirsch-Preisträger appelliert an DFB

Clemens Tönnies muss sich am Donnerstag vor der DFB-Ethikkommission erklären.

Clemens Tönnies muss sich am Donnerstag vor der DFB-Ethikkommission erklären. Foto: dpa

Gelsenkirchen/Paderborn (WB/hf). Nach seinem verbalen Fehltritt berät die DFB-Ethikkommission am Donnerstag über den Fall-Tönnies. Der Julius-Hirsch-Preisträger, SC Aleviten Paderborn, fordert nun gemeinsam mit zahlreichen Vereinen und Persönlichkeiten die DFB-Ethikkommission auf, die Tönnies-Aussage als »rassistisch« einzustufen.

»Es geht um nichts weniger als die Glaubwürdigkeit der Antirassismus-Bemühungen im deutschen Fußball insgesamt«, heißt es in der Stellungnahme des Paderborner Vereins. Der SC Aleviten hatte 2018 den Julius-Hirsch-Preis vom DFB bekommen, weil er sich gegen Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus einsetzt. Die Forderung hat auch Wilhelm Heitmeyer unterschrieben. Er ist Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

So tagt die Ethikkommission

Das aus vier Mitgliedern bestehende Gremium kommt am Donnerstag (10.30 Uhr) in Frankfurt/Main zusammen, um sich mit den Aussagen des 63 Jahre alten Fleischfabrikanten und den möglichen Auswirkungen zu beschäftigen. Eine Erklärung kündigte die Kommissionsvorsitzende Nikolaus Schneider für Donnerstagnachmittag an. Dem Vernehmen nach will die Kommission Tönnies zuvor anhören.

Neben Schneider, dem ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, gehören Rechtsanwalt Bernd Knobloch, Rechtsanwältin Anja Martin und Betrugsermittlerin Birgit Galley dem unabhängigen Gremium an, das beim DFB-Bundestag 2016 in Erfurt gegründet wurde.

 

Der Appell im Wortlaut

»Sehr geehrte Mitglieder der DFB-Ethikkommission,

wir, die unterzeichnenden Julius-Hirsch-Preisträger*innen und Unterstützer*innen, wenden uns mit einer dringenden Bitte an Sie:

Der Titel der Biografie von Julius Hirsch, die wir im Rahmen der Preisverleihungen geschenkt bekommen haben, lautet: „Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.“ Wir alle wissen, dass der rassistisch motivierte Mord an Julius Hirsch – und Millionen anderen – nur das schreckliche Ende einer langen Entwicklung markierte: Dem millionenfachen Mord ging eine schrittweise Enthemmung in Worten und Taten voraus. Erst wurden die Grenzen des Sagbaren verschoben, dann folgten Entrechtung und Verfolgung, Bücherverbrennungen und Pogrome – und ganz am Ende die physische Vernichtung von Menschenleben.

Wir alle haben uns damals über die Auszeichnung und die vielen lobenden und unterstützenden Worte sehr gefreut. Wir haben zum Teil die Angehörigen von Julius Hirsch kennenlernen dürfen, viele gute Erfahrungen gemacht und berührende Gespräche geführt. Dabei wurde noch einmal deutlich: In erster Linie ist der Preis für uns – aber auch den DFB! - mit einer Verantwortung verbunden, die sich in wenigen Worten zusammenfassen lässt: Wehret den Anfängen!

Worum geht es uns nun?

Es liegt uns selbstverständlich völlig fern, die Causa Tönnies in die Nähe der Verbrechen der Nationalsozialisten rücken zu wollen. Uns geht es aber darum, die Dinge konkret beim Namen zu nennen, um überhaupt eine sinnvolle und zielführende Auseinandersetzung mit problematischen Aussagen betreiben zu können. Wilhelm Heitmeyer, der »Vater der Fanprojekte«, schreibt dazu in einem Gastbeitrag auf Spiegel Online Folgendes: »Der Ehrenrat von Schalke 04 spricht zwar vom Verstoß gegen das

Wer bekommt den Preis?

Ausgezeichnet werden laut DFB-Homepage Personen, Initiativen und Vereine, die sich als Aktive auf dem Fußballplatz, als Fans im Stadion, im Verein und in der Gesellschaft beispielhaft und unübersehbar einsetzen.- für die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen und gegen Antisemitismus und Rassismus - für Verständigung und gegen Ausgrenzung von Menschen- für die Vielfalt aller Menschen und gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit.

Diskriminierungsverbot, ist aber nicht in der Lage oder nicht Willens zu erklären, weshalb dann der Vorwurf des Rassismus unbegründet sein soll. Wenn diese Äußerung nicht rassistisch war, dann ist nunmehr (nicht nur im Kosmos S04) alles erlaubt, besiegelt durch einen ›Ehrenrat‹ aus Gelsenkirchen-Buer.«

Der Diskurs weist also mittlerweile weit über die Person Clemens Tönnies und den Verein Schalke 04 hinaus: Es geht um nichts weniger als die Glaubwürdigkeit der Antirassismus-Bemühungen im deutschen Fußball insgesamt!

Daher setzen wir große Hoffnungen in Sie: Widersprechen Sie bitte dem Ehrenrat von Schalke 04. Bezeichnen Sie die Aussage, die Clemens Tönnies am 1. August auf dem »Tag des Handwerks« in Paderborn getätigt hat, klar und unmissverständlich als das, was sie war: rassistisch.

Wir, die Julius-Hirsch-Preisträger*innen und Unterstützer*innen, wissen ansonsten wirklich nicht mehr, wie wir zukünftig unserer Verantwortung vor dem Schicksal von Julius Hirsch und als Träger eines Preises, der seinen Namen trägt, gerecht werden können.

Gez.

Julius-Hirsch-Preisträger:

SC Aleviten Paderborn (Preisträger 2018), Fanprojekt Bochum (Preisträger 2018), Discover Football – Fußball und Begegnung (Preisträger 2017), Schalker Fan-Initiative gegen Rassismus und Diskriminierung (Preisträger 2017), Fanladen St. Pauli (Preisträger 2016), Fußballfans gegen Homophobie für positive Fankultur rund um TB Berlin (Preisträger 2016), Mario Bendel (Ehrenpreisträger 2014), Ronny Blaschke (Ehrenpreisträger 2013), AWO-Fanprojekt Kaiserslautern (Preisträger 2012), DoppelPass SV Waldhof Mannheim (Preisträger 2011), Angelika Ribler (Ehrenpreisträgerin 2010), Löwen Fans gegen RECHTS (Preisträger 2009). Initiative Fußballvereine gegen RECHTS (Preisträger 2008), Eichenkreuz Nürnberg (Preisträger 2007)

Weitere Unterstützer:

Anno 1904 e. V., Schalker Begegnungstätte, AWO-Passgenau Trägerverbund der Fanprojekte e.V., Bernd Beyer (Biograf des Fußballpioniers Walther Bensemann), Blau-Weiss statt Braun e.V. (KSC Fans gegen Nazis, Preisträger des Ludwig Marum Preises), Bundesjugendwerk der AWO, Gerd Wagner (Koordinierungsstelle der Fanprojekte), Harald Berndt (ehrenamtlicher Demokratietrainer des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbands), Initiative! Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball, Kickers Fanprojekt Stuttgart, Organisation FUSSBALL-FANS GEGEN RECHTS, PHK Alexander Jarling (Zentrale Polizeidirektion Niedersachsen), Prof. Dr. Lorenz Peiffer (Sporthistoriker, Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur), Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld, Prof. h.c., Dr. Gunter A. Pilz (Vorsitzender des Netzwerks Sport und Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde), Queer Football Fanclubs (QFF), Rasmus Andresen (MdEP), Robert Claus (Rechtsextremismusforscher, SCHALKE UNSER e.V. (Fanzine), Werner Skrentny (Autor der Biografie: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.),Thomas Kraus (Initiator der Namensbenennung Julius-Hirsch-Sportzentrum in Fürth)«

Der SC Aleviten Paderborn bei der Verleihung des Julius-Hirsch-Preises.

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6849210?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F