Do., 15.08.2019

Benteler zieht sich als Sponsor zurück – Weihnachtsstück wird aber aufgeführt Plötzlich kein Geld fürs Bühnenbild

Simon Lea spielt im Weihnachtsstück König Dreizack. Der Dreizack ist schon da. Am 23. August findet die erste Probe nach der Sommerpause statt.

Simon Lea spielt im Weihnachtsstück König Dreizack. Der Dreizack ist schon da. Am 23. August findet die erste Probe nach der Sommerpause statt. Foto: Dietmar Kemper

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Der Schock saß tief, ist inzwischen aber überwunden. Obwohl die Firma Benteler diesmal nicht das Bühnenbild finanziert, wird die Kolpingspielschar Paderborn ihr Weihnachtsstück in der Paderhalle trotzdem aufführen. »Wir haben die Verantwortung den Kindern in Paderborn gegenüber, die Tradition fortzuführen«, sagt der Leiter Simon Lea.

Etwa 13.000 Euro kostet ein Bühnenbild. Jahrzehntelang hat es die Firma Benteler gesponsert. Die Kolpingspielschar konnte es nicht nur für die jeweils drei Aufführungen für die Kinder der Benteler-Mitarbeiter nutzen, sondern auch für die zwei öffentlichen Vorstellungen. Das Weihnachtsstück in der Paderhalle hat eine lange Tradition, die bis 1958 zurückreicht. Seit damals spielte die Kolpingspielschar für die Jungen und Mädchen der Angestellten, erst im Kolpinghaus, seit 1982 in der Paderhalle.

 

Öffentliche Vorstellungen als Ergänzung eingeführt

Ein Jahr später war Paderborn die Patenstadt der ARD-Fernsehlotterie »Ein Platz an der Sonne«. Die damalige Spielscharvorsitzende Hildegard Kröger kam deshalb auf die Idee, neben den Aufführungen für Benteler auch zwei öffentliche Vorstellungen des damaligen Stückes »Die kleine Hexe« anzubieten. Von dem Erlös sollte ein Teil an die Fernsehlotterie fließen. Die Karten für diese Zusatzvorstellungen waren so schnell vergriffen, dass zwei weitere öffentliche Veranstaltungen angesetzt wurden. Die waren ebenfalls ruckzuck ausverkauft.

Seitdem ist das Weihnachtsstück im Dezember in Paderborn eine Institution. Die Kolpingspielschar bringt Märchen der Brüder Grimm wie »Die Bremer Stadtmusikanten«, moderne Kinderbuchliteratur (»Eine Woche voller Samstage«) oder selbst geschriebene Stücke auf die Bühne. Bis heute ließen sich in der Paderhalle mehr als 120.000 kleine und große Zuschauer davon unterhalten – »mehr als jeder andere Einzelkünstler oder jede andere Formation in all den Jahren« vorweisen könne, wie die Kolpingspielschar nicht ohne Stolz betont.

13.000 Euro weniger tun weh

Und nun? Für eine Laienspielgruppe mit Rücklagen in Höhe von 35.000 Euro sind 13.000 Euro weniger ein Schlag. Das Bühnenbild sei ja nicht der einzige Kostenpunkt, sagt Simon Lea. Für das diesjährige Weihnachtsstück »Ariella, die kleine Meerjungfrau« würden allein 6500 Euro an Tantiemen fällig, hinzu komme die Miete für die Paderhalle von 14.000 Euro. »Auch wenn wir eine Paderborner Laienspielschar sind, zahlen wir den gleichen Kurs wie die Stars, die hier ein- und ausgehen«, erzählt Lea.

So richtig ärgern ihn die 450 Euro dafür, dass die Ensemblemitglieder vor der Paderhalle parken dürfen. Er hat um ein Gespräch mit Bürgermeister Michael Dreier und Kulturamtsleiter Christoph Gockel-Böhner gebeten und hofft als Ergebnis auf kostenlose Parktickets. Zudem müssen Requisiten und Kostüme für mehr als 2000 Euro finanziert und Lagerräume bezahlt werden. Nach dem Wegfall der Unterstützung durch Benteler rechnet Simon Lea für dieses Jahr mit einem Minus zwischen 9000 und 16.000 Euro. »Drei Mal können wir das noch machen, ohne einen Sponsor zu haben«, schätzt der 42-Jährige.

Bei sich selbst hat die Kolpingspielschar bereits den Rotstift angesetzt. »Wir werden den Probenraum am Frankfurter Weg kündigen, in der Kulturwerkstatt dürfen wir kostenlos proben«, sagt ihr Chef. Das bringe eine Ersparnis von 7000 Euro im Jahr. Der Preis für die Karten für »Ariella« wird von 9 auf 9,90 Euro angehoben. Auch beim Bühnenbild wird gespart, ohne dass es ärmlich wirken soll. »Wir werden ein elf Meter langes Schiff mit einem 6,50 Meter hohen Mast und aufgerafften Segeln haben«, kündigt Lea an. Das Schiff, das für große Augen sorgen soll, bekommt er von einem Messebauer aus Berlin, der es nach Paderborn bringen und wieder zurückbringen lassen wird. Eigenleistungen eingerechnet, geht Simon Lea diesmal für die Deko des Stücks nur von Kosten von 7500 Euro aus. »Wir sind motiviert, haben die Manpower und werden das stemmen«, gibt er sich selbstbewusst.

Simon Lea: »Wir sind alle mit Herzblut dabei«

Als er den Mitgliedern im Juni verkündet hatte, dass Benteler aussteige, herrschte Entsetzen. Gerade erst hatten sie erfolgreich ihre Komödie »Hectors tödliches Vermächtnis« in der Kulturwerkstatt aufgeführt und dann das... Inzwischen sind Wut und Unverständnis dem Trotz gewichen. »Wir sind alle mit Herzblut dabei«, betont Lea und nennt sich selbst eine »Rampensau«. Im Weihnachtsstück wird er König Dreizack spielen. Wenn er die Leute in der Paderhalle begrüße, bekomme er Gänsehaut, erzählt Lea. Der Außendienstmitarbeiter einer Stuttgarter Firma, der die Spielschar seit 2007 leitet, möchte die Erfahrung nicht missen, dass die Kinder begeistert mitgehen.

Erstmals wird die Spielschar nicht an zwei, sondern sogar an drei Tagen öffentliche Aufführungen ihres Kinderstückes anbieten. Neben den Vorstellungen am Montag (16. Dezember um 10 und 16 Uhr) sowie am Dienstag (17. Dezember um 10 und 15 Uhr) stehen am 15. Dezember um 10 und 15 Uhr erstmals zwei Sonntagsaufführungen auf dem Plan. Die Spielschar hofft, damit auch Familien zu erreichen, bei denen Mutter und Vater berufstätig sind.

Mit »Ariella, die kleine Meerjungfrau« haben sich die Verantwortlichen ein musikalisches Kinderstück ausgesucht, das im Original von Hans Christian Andersen stammt und dank des Zeichentrickfilms von Walt Disney noch populärer wurde. Tickets für »Ariella« gibt es unter kartenbestellung@kolpingspielschar.de und unter www.kolpingspielschar-shop.de. Lea und seine 30 Mitstreiter hoffen, dass die Paderhalle an allen Tagen gut ausgelastet sein wird.

Benteler will die Kosten senken

»Wir schätzen die Arbeit der Kolpingspielschar sehr und danken ihr für die hervorragende Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren«, lobt der Pressesprecher von Benteler Automotive, Dr. Yves Ostrowski, auf Anfrage dieser Zeitung. Dass das Bühnenbild diesmal nicht finanziert werde, hänge mit der angespannten Situation in der Branche zusammen: »Die gesamte Automobilindustrie verzeichnet in den vergangenen Monaten Volumenrückgänge. Diese Entwicklung betrifft auch Benteler: Unsere Kunden stellen geringere Absatzzahlen fest, bedingt unter anderem durch zunehmende handelspolitische Konflikte sowie geringeres Wachstum in China. Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschlossen, Kosten zu senken und vorerst Sponsoring-Aktivitäten zu stoppen.« Nicht nur die Kolpingspielschar ist davon betroffen. Wer noch, wollte Os­trowski nicht sagen: »Die Diskretion gegenüber den gesponserten Einrichtungen, Vereinen und Gruppen ist uns sehr wichtig.«

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